SCHTONK!

Ich halte mich eigentlich nicht für naiv. Nicht übermäßig zumindest. Ich habe Geschichte studiert. Sehr, sehr, sehr viele Semester lang. So viele Semester, dass meine eigenen Seminararbeiten schon bald als Primärquellen dienen dürften. (Historikerscherz. Entschuldigung.)

Wenn man Geschichte studiert, wird man vor allem auf eines gedrillt: Bullshit zu erkennen.

Egal, ob irgendein Franziskanerfurz irgendeinen Kaiser in den Himmel gelobt hat oder irgendein Philosoph, der nackelig in einer Tonne lebte, irgendeinen Herrscher als grausamen Tyrannen bezeichnete: Immer ging es nur um die Frage, warum erzählt er es so, was ist sein Motiv, wie neutral kann er sein – und hat man eigentlich keine Angst, sich einen Splitter einzufangen, wenn man in einer Tonne lebt?

Hat der Tyrann die Schwester des Philosophen geschwängert und dann sitzenlassen? Oder vielleicht sogar die Mutter? Oder beiden Syphilis angehängt? Oder erst Syphilis angehängt und dann geschwängert?

Hat der Kaiser dem Franziskanerbub eine nigelnagelneue, flauschige Kutte geschenkt? Oder einige Fässer richtig guten Messwein spendiert? Vielleicht ’nen geilen Bordeaux statt dieser Plörre von der Mosel.

Was auch immer die Motive sind, man lernt dabei schnell eines: Menschen sind scheiße und man darf niemandem glauben. Und wir reden hier von der Zeit vor dem 20. Jahrhundert. Danach wurde es ja eh ganz finster.

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Erinnerungen, die glücklich machen

Letztes Wochenende fand ich beim Ausmisten zwei Ordner mit Unterlagen aus Studienzeiten. Genau gesagt, meine Hebräisch-Unterlagen. Jetzt müssen Sie wissen, dass ich Hebräisch für eine der schönsten Sprachen der Welt halte. Neben Yiddish natürlich.

Mein Hebräisch ist inzwischen unfassbar schlecht, um nicht zu sagen: nicht existent. Aber als ich durch die Ordner blätterte und dem Antichristen, der mich mit fragendem, an meinen Geisteszustand zweifelndem Blick ansah, ihm daraus vorlas, mich kichernd an dem Klang der Sprache berauschte, verschaffte mir das für kurze Zeit beinahe ein Gefühl von Glück.

Es machte mich etwa genauso glücklich wie der Umstand, dass der Edeka bei uns gegenüber seit wenigen Monaten sein Sortiment erweitert hat und es nun ein halbes Regal voller Lebensmittel aus Israel gibt.

Der gefilte Fisch im Glas sieht zum Kotzen aus und wenn ich nur an den fettigen Geschmack der Bambas auf meiner Zunge denke, möchte ich spucken – aber jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, suche ich dieses Regal auf, prüfe nach, ob sie das Sortiment erweitert oder verändert haben und versuche – den Zeigefinger dabei wie ein Erstklässler langsam von rechts nach links bewegend –, die Wörter auf den Verpackungen zu lesen.

Nur um bei jedem Wort, das ich übersetzen kann, mich – berauscht an meinen eigenen, übermenschlichen Fähigkeiten – stolz umzublicken. Fehlt nur noch, dass ich dabei auf meine Brust trommle …

Ich kaufe dort nie etwas. Und eigentlich müsste ich die Ordner wegschmeissen. Schließlich bin ich Freizeit-Minimalist. Und weiß, ich werde mich nie wieder hinsetzen und Vokabeln pauken. Ich habe auch kein Verlangen, noch einmal nach Israel zu reisen, und wüsste keine Situation, in der mir ansonsten fließendes Hebräisch hilfreich sein sollte. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Ordner zu behalten.

Scheiß doch auf rationale Gründe

Denn jedes Mal, wenn ich diese Ordner durchblättere, ihre Seiten beunruhigend zärtlich befingere und mich ergötze an diesen schwungvollen Buchstaben, an diesem Mischmasch aus althebräischen, yiddishen, romanischen und slawischen Wörtern, entsteht vor meinem geistigen Auge erneut eine Phase meines Lebens, die eigentlich unwiderruflich vorbei ist.

Eine, in der ich wagemutig war. In der ich gereist bin. In der ich unfassbar glücklich und unbeschreiblich unglücklich war.

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in Tel Aviv und das eklige Hotel dort. Ich erinnere mich an Orah, meine Hebräisch-Lehrerin an der Uni in Be’er Sheva. An Steffi. Katharina. Felix. An viele, deren Namen ich vergessen habe. An meinen ersten Joint und die Enttäuschung darüber, dass jede Wirkung ausblieb.

Ich erinnere mich an Nachtwanderungen durch die Wüste Negev. An Blasen an den Füßen. An die viel zu späte und brennende Erkenntnis, dass man mit offenen Wunden nicht im Toten Meer baden sollte. Und dass es unmöglich ist, halbwegs sexy auszusehen, wenn man wie eine angeschossene Seekuh in ebendiesen Meer vor sich hintreibt.

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