Lucha Libre!

In Hamburg macht man nicht einfach nur Sport, in Hamburg läuft man. Jeder. Einmal täglich. Mindestens. Um die komplette Binnen- und Außenalster. So will es das Gesetz.

Als nachmittags die Tür ins Schloss fällt und ich Mann und Kind die Treppe herunter poltern höre, beschließe ich spontan mich des Gesetzesbruches nicht schuldig zu machen und reiße euphorisch die Schubladen auf der Suche nach etwas, was man zum Sporteln tragen kann, auf. Da ich seit mindestens fünf Jahren ausschließlich Kühlschrankstaffellauf und Coitus als körperliche Betätigung absolviert habe, und man weder für das eine noch das andere besondere Kleidung benötigt, findet sich mein gottgleicher Körper schließlich in sieben Jahren alten Esprit-Sneakern, einer Sporthose, die inzwischen an bestimmten Stellen fast schon legginshafte Züge hat und einem Top, das wagemutig und voreilig verspricht die Brüste an Ort und Stelle halten zu können, wieder.

Was soll ich Ihnen sagen? Es war ein Fest.

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Vielleicht sind Sie ja wie ich auch eher Luchador statt Leichtathlet und wollen trotzdem ebenfalls mal ohne Kondition und nennenswerte Muskelmasse laufen gehen. Dann habe ich ein paar Tipps für Sie. (Auch außerhalb Hamburg anwendbar.)

  1. Das Wichtigste ist, beim Laufen so zu wirken, als würden Sie das schon seit Jahren machen. Als wäre Joggen Ihre natürliche und generell bevorzugte Fortbewegungsart. Als seien Sie joggend aus der Gebärmutter gejumpt!
  2. Das Zweitwichtigste ist, die immer wieder langsam nach unten rutschende Hose in einer möglichst natürlichen und fließenden Bewegung wieder nach oben zu ziehen und neckische Einblicke in andere Körperpartien tunlichst gering zu halten. Ihr Körper ist die Bewegung nicht gewohnt und vermutlich irritiert und möchte ausbrechen und sehen, was da draußen vor sich geht. Versuchen Sie ihn im Zaun zu halten.
  3. Falls Sie kurzsichtig sind: Lassen Sie Brille und Kontaktlinsen zuhause. Dann kriegen Sie nicht mit, wie Nicht-Jogger Sie angaffen. Zu Recht. Denn Sie sehen wahrscheinlich ätzend aus. Sie haben das Gefühl, Sie laufen wie Michael Johnson, aber letztlich sehen Sie aus wie Phoebe aus Friends. Und sowohl ihr langsam hummerrot werdendes Gesicht, als auch Ihr anfangs ach so frecher Pferdeschwanz, der Ihnen nun wie eine neunschwänzige Katze immer und immer wieder masochistisch in die Fresse schlägt, tun dazu ihr Übriges. Jeder sieht beim Laufen scheisse aus – Sie machen da keine Ausnahme.
  4. Die passende Musik ist das A und O. Suchen Sie sich unbedingt die richtige Musik zum Laufen raus. Vielleicht der Soundtrack von 300 oder Carmina Burana. Irgendwas, was Sie in die notwendige Endsieg-Stimmung bringt und dafür sorgt, dass Sie länger als vier Minuten durchhalten und sich nicht wie ein langsam verendendes Tier an der Bürgersteigkante zusammenrollen.
  5. Schauen Sie vorher nach, wie Sie zur Alster kommen, damit Sie nicht wie ich einfach zehn Mal um den Block rennen, bevor Sie sich zum Sterben auf die efeubewachsenen Mülltonnen vor’m Haus legen.
  6. Egal, wie schnell oder stark die Schmerzen kommen und werden, bleiben Sie nicht stehen.
  7. Bleiben Sie auf keinen Fall stehen!!
  8. AUF KEINEN FALL!
  9. Falls Sie irgendwann glauben, ein Licht zu sehen, auf das Sie zugehen wollen: Es ist lediglich die Lampe im Hausflur. Sie haben es – irgendwie! – nach Hause geschafft. Bringen Sie Ihren Körper, sobald das Zittern der Beine und das Glühen der anderen Extremitäten nachlässt, in eine möglichst aufrechte Position und versuchen Sie ihn in Ihre Wohnung zu wuchten.
  10. Bald werden Sie vielleicht das Bedürfnis verspüren, sich zu belohnen. Mit einem Pudding oder einer argentinischen Rinderherde. Ihr Körper gaukelt Ihnen vor, dass er unmenschliches geleistet hat und dringend Energie benötigt. Fakt ist: Sie haben etwa 12 kcal verbraucht und dürfen zur Belohnung maximal an einer Salatgurke lecken. Aber nur kurz!

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(Claudia, 31, Luchador aus Überzeugung, Joggerin aus Verzweiflung)

Das nächste Mal wird dann sicherlich noch (!) geiler.

Iwan Denissowitsch

Ich schwitze. Auf eine schier unmenschliche Weise. An Stellen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie in Besitz von Schweißporen sind. Sie wollen das vermutlich gar nicht wissen, aber ich will auch nicht schwitzen –  wir haben also alle unser Päckchen zu tragen.

Umziehen ist die Hölle und letzten Endes auch nichts anderes als eine etwas umständlichere Variante sich möglichst schweißtreibend das Leben zu nehmen. Es ist egal, wie viel man im Vorfeld ausgemistet, wie gründlich man alles geplant, wie fein säuberlich man alles verstaut und gepackt hat – letztendlich wird es dennoch nichts anderes als eine wilde Orgie von Körperflüssigkeiten, nur unterbrochen von den stummen Schreien von Muskelpartien, die eigentlich schon längst dem Vergessen anheim gefallen waren. Jeder Teil meines Körpers schreit „Aufhören“, „Ich kann nicht mehr.“ „Ächz.“ und „Stöhn!“, während ich meinen Körper immer wieder die Stockwerke hoch und runter und hoch und runter peitsche und mir („Weil dann isses nich‘ mehr so schlimm!“) vorstelle, ich wäre in einem ostrussischen Arbeitslager und würde sofort eine Makarow an meinem Schädel spüren, sollte ich auch nur einen Moment innehalte. Was Iwan Denissowitsch kann, kann ich schon lange.

Wie eine Wahnsinnige baue ich alles auseinander, unter dem interessierten Blick des Kindes, das in einem Umzug ebenfalls die schier endlosen Optionen sich umzubringen erkannt zu haben scheint – Kinder haben für sowas ja ein Näschen. Ich schleppe, fluche, schleppe noch mehr, baue auseinander, fluche noch mehr, lausche ungläubig dem Mann, der meint, man müsse den Roller im Sprinter nicht festbinden und verschwinde hysterisch kichernd wieder im Haus, um weitere Kisten und Bretter hinaus zu schleppen.

Es ist schließlich nach vier Uhr nachts, als ich die Lichter sehe, die am Jungfernstieg friedlich auf der Alster hin und her tanzen und nach viel zu wenig Schlaf und einer weiteren morgendlichen Episode voller Schlepper- und Entpackerei, ergattere ich endlich einen kurzen Moment der Ruhe, stelle fest, dass mein Lieblingsgesöff hier 20 Cent billiger ist und die Brötchen beim Bäcker um die Ecke die Bezeichnung Brötchen nicht verdienen und vermutlich genau aus diesem Grund auch Schrippen heißen.

Und während ich noch darüber sinniere, warum sich eine Bäckerei-Kette den stupide anmutenden Namen NUR HIER gibt, wird mir bewusst, dass mein erster Tag schon halb vorbei ist.

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