Liebe Unbekannte

Liebe Unbekannte im IC von Münster nach Hamburg,

um ehrlich zu sein, bin ich ein wenig sauer auf dich. Nein. Nicht ein wenig. Ziemlich. Nicht ohne Grund läuft, während ich diese Zeilen tippe, der Soundtrack von Game Of Thrones im Hintergrund.

Du hast keine Kinder. Das ist klar. Du bist jung, vielleicht 25, und ziemlich attraktiv, daher stehen die Besamungswilligen sicher schon Schlange bei dir. Keine Ahnung, ob du später welche haben willst. Ich weiß nur, du hast jetzt ganz sicher keine.

Aber ich wünsche dir welche. Einfach nur aus dem Grund, damit du selbst erfährst, wie anstrengend es ist, mit einem Kleinkind Bahn zu fahren. Wie sehr der Druck und die Angst einem ständig im Nacken sitzt, vielleicht negativ aufzufallen, zu laut zu sein, zu stören. Die genervten Blicke, der Widerwillen, der an der Grenze zum Hass wandelt und sich stumm und vorwurfsvoll durch die Sitze bohrt.

Du weißt zwar, Kinder sind ein demographisches Übel, das es zu ertragen gilt. Aber bitte ein Übel, das möglichst geräuschlos vonstatten gehen sollte. 

Als du dich umdrehtest, hektisch, unruhig, zwei, drei, vier Mal und dann zu mir sagtest, ob wir so laut einen Film sehen würden, sagte ich ja. Obwohl es streng genommen nicht stimmte. Auf meinem MacBook lief ein Disney-Film auf Geräuschpegel II – für alle die kein MacBook zuhause haben, das ist wirklich unfassbar leise – und du batest, nein, hast uns sehr klar und direkt aufgefordert, es noch leiser zu machen.

Soweit so gut.

An diesem Punkt hätte ich vielleicht einfach ausgemacht oder noch einmal versucht, den Kleinen dazu zu überreden, die ihm unbequemen Kopfhörer aufzusetzen. Aber du musstet mich ja unbedingt noch einmal hasserfüllt anfunkeln und dann auf Parsel „Das wäre reizend!“ zischen. 

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2015 | Woche 48

Was wäre meine Woche ohne meinen mittelalterlichen EC am Montag Morgen? Auch an diesem Tag darf ich wieder mit diesem eigentümlich rustikalen Gefährt meinen Weg gen Berlin antreten. Und – wie, um mich auf das Ziel schon während der Fahrt vorzubereiten – wartet er dieses Mal mit penetrantem Uringeruch und ausgefallener Heizung auf. Na ja, Montag eben.

Am Dienstag fahre ich nach Feierabend zum KaDeWe. Offensichtlich nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, denn um diese Uhrzeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Kommerz-Hochburg der Berliner Touristen zu fahren, grenzt an Suizid-Fantasien. Aber ich habe keine Wahl, denn mich friert es.

Dass mein Kaufverhalten generell nicht von überbordender Intelligenz gekrönt ist, beweise ich direkt erneut am Mittwoch Abend, als ich völlig ausgehungert mal eben schnell zum Edeka gehen will, um Milch und Brot zu kaufen – und drei Stunden später mit Marzipanbrot (hey, Brot ist Brot!), Vitamalz, Katjes, Lebkuchen, Schokpudding, drei verschiedenen Tiefkühl-Pizzen und 8kg Gewürz-Spekulatius den Laden wieder verlasse. Hungrig einkaufen gehen! Als. Wäre. Ich. Eine. Völlig. Fremde. Für. Mich.

Die Milch habe ich übrigens vergessen.

Highlight des Donnerstags und damit auch der gesamten Woche ist aber, als ich mich in der Mittagspause – wie ein Meth-Junkie, heimlich und gepeinigt von Scham und Selbsthass – zum Hotdog-Laden um die Ecke schleiche und – wie dieser Schlemihl aus der Sesamstraße – auf die Frage „Die Wurst aus Fleisch?“ mit „SSSSSHHHHH! Ja, genau….“ hinter meinen Mantelkragen hauche. Als wenn mein Zittern und die blutunterlaufenden Augen nicht Antwort genug gewesen wären.

Freitag ziehe ich mir dann vorrangig die dritte Staffel Hannibal durch die Gehirnwindungen, um darüber eine Kritik zu schreiben. Aber letztlich ist das Fazit jeder einzelnen Folge lediglich: „Ich sollte unbedingt viel öfter kochen!“

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Während der abendlichen Zugfahrt nach Hamburg, die wie gewohnt ein Fest ist, überwiegen die Mordfantasien dann aber schnell die Kochfantasien.

Da ich ja durchaus hin und wieder dem Klischee-Mami-Teil fröne, verbringe ich den Samstag größtenteils damit, einen Adventskalender zu basteln, einen atheistischen Adventskranz (fragt bitte nicht…) zu frickeln und mit dem Lütten Kekse zu backen – die aber allesamt etwa 15 Minuten, nachdem sie aus dem Backofen gekommen waren, auch schon ihren Weg in unsere Mägen gefunden haben. Circle of life und so!

Um das Kinderprogramm abzurunden, geht es am Sonntag ins Marionettentheater. Es gibt Kalif Storch von Hauff, einen völlig begeisterten Dreijährigen auf meinem Schoß und eine 40-jährige, fremde Frau ohne Kind, dafür aber mit rasselndem Atem und dem Bedürfnis mir sehr, sehr nahe zu kommen, neben mir.

Im Großen und Ganzen würde ich also sagen: Die kommende Woche kann nur besser werden…

ADVENTSKRANZ 03