Das Whiteboard

Ich stehe seit etwa einer Stunde vor dem Whiteboard und starre es einfach nur an. Vielleicht sind es auch nur fünfzehn Minuten. Oder zwei. Aber das klingt nicht so dramatisch.

Es gibt keinen Grund, warum ich hier so dumm rumstehe, außer dass ich eigentlich vorhatte, es zu säubern. Und genau das eben nun nicht mache.

Ich hatte das Whiteboard in der letzten Phase des Buches gekauft. Es war sauteuer, riesig und wunderschön. Andere Menschen träumen von Einhörnern und kohlenhydratarmen Keksen, ich habe feuchte Träume von Excel-Tabellen und Whiteboards. Neben meinem Listen- und Übersichts-Fetisch hat mir das Whiteboard aber tatsächlich in den letzten Wochen mehr als einmal den literarischen Arsch gerettet und mir Klarheit verschafft, wo sonst nur koffeingetränktes Chaos herrschte.

Es war mein Kamerad. Zwar ein sehr stummer Kamerad, aber so habe ich meine Kameraden eigentlich am liebsten.

Und nun es einfach abwischen?

Es ausradieren? Sein Gedächtnis löschen? Das dumme Ding ist analog. Es würde kein Strg+Z geben. Das fühlt sich nicht richtig an. Wie bei einem uralten, zu Tode geknuddeltem Kuscheltier aus Kindertagen, bei dem man kurz überlegt, es wegzuschmeißen und sich anschließend – quasi von Schuldgefühlen dahingerafft – gleich selbst mit in die Mülltonne legen möchte.

Natürlich ist mir klar, dass ich das Whiteboard früher oder später leer wischen muss. Weil es nun mal in der Natur eines Whiteboards liegt, gewischt zu werden.

Aber für diesen Moment stehe ich einfach noch ein bisschen hier, mit dem Tuch in der Hand und starre es einfach nur unschlüssig an …

2016 | Jahresrückblick

Wenn das neue Jahr ansteht, neigt man ja dazu, nur noch darüber zu sprechen und über all das, was man in diesem Jahr alles anders machen wird. 50kg abnehmen. Mit dem Rauchen aufhören. Einen Marathon in 17 Minuten laufen. All so Sachen eben.

Und abgesehen von irgendwelchen Sendungen mit austauschbaren Moderationsgesichtern wie Jauch, Pilawa und Lanz, die einem nochmal aufzählen, welcher Promi alles so gestorben ist, welches Schicksal (gerne was mit Kindern oder Welpen) uns dieses Jahr besonders mitgenommen hat und wo es das schönste Happy End des Jahres gegeben hat (gerne was mit schwerer Krankheit und Heiraten), befassen wir uns irgendwie recht ungern mit dem Jahr, das ab Dezember in seinen Endzügen siechend vor einem lag.

Also mit dem, was wir selbst in den vergangenen zwölf Monaten so gemacht haben. Denn unabhängig von den ganzen Promis, die 2016 verblichen sind, ist man selbst es ja nicht. Also verblichen. Und wenn man sich noch einmal so vor Augen führt, was man in 12 Monaten so alles gemacht, erlebt, gefühlt und gesehen hat, ist das gar nicht mal so wenig.

Halten wir also einen Moment inne für eine Ruheminute für das jüngst von uns gegangene Jahr, in dem zumindest ich eine ganze Menge gemacht habe.

  • Ich habe meinen Job gekündigt.
  • Ich habe Berlin und viele tolle Menschen verlassen. Also erneut. Also endgültig. Also vermutlich.
  • Ich habe einen neuen Job angefangen.
  • Ich habe das erste Mal zu 100% als Selbstständige gearbeitet.
  • Ich habe mich das erste Mal seit Jahren wieder in einem Fitnessstudio angemeldet. (Lachen Sie jetzt nicht!)
  • Wir sind das erste Mal zu dritt in Urlaub gefahren.
  • Ich habe wieder einmal festgestellt, wie schön es am Meer ist und dass wir viel öfter den vergleichsweise kurzen Weg von Hamburg an die Nordsee machen sollten.
  • Ich habe viel geweint.
  • Ich habe viel an mir gezweifelt.
  • Ich bin das erste Mal laufen gegangen.
  • Ich hatte große Angst, dass ich beim Laufen einfach sterbe und man mich dann im Leichenschauhaus in meinen lächerlich neonfarbenen Joggingklamotten identifizieren muss.
  • Ich habe herausgefunden, dass man an Seitenstichen gar nicht sterben kann.
  • Ich habe das Buch fast fertig geschrieben.
  • Ich habe zwischendurch noch mehr geweint.
  • Ich habe noch ein bisschen mehr an mir gezweifelt.
  • Ich habe währenddessen krass viel zugenommen.
  • Ich habe deswegen auch ein  bisschen geweint.
  • Ich habe einen Vertrag unterschrieben, um ab 1.1.2017 wieder als „Feste“ zu arbeiten.
  • Ich habe das erste Mal einen Kindergeburtstag veranstaltet, mit allem Pipapo und mich arg gewundert, warum Amnesty International sowas nicht verbietet.
  • Wir haben Weihnachten das erste Mal nicht in der Heimat bei der Familie, sondern Zuhause mit der eigenen Familie allein verbracht.
  • Und vor allem: Ich habe überlebt. Im wortwörtlichen Sinne.

Im Detail war da ganz schön viel Scheiße in meinem 2016. Viel Wut und Frustration. Aber ich stehe noch. Laufe noch. Wenn auch etwas schwerfälliger und dicker als vor einem Jahr. Aber egal, wie beschissen die Details und kleinen Momente auch waren, das große Ganze zeigt mir dann doch, wie viel ich aushalten kann. Und dass ich stärker bin, als ich im einzelnen Moment vielleicht denke.

Und das ist doch ein ganz okayes Fazit für 2016.

Foto 30.12.16, 16 52 38