Anne Frank

„Zwischen den Tagebucheinträgen lagen teilweise Monate, manchmal sogar Jahre, und obwohl mir die Frage kam, wie oder wieso diese Lücken entstanden sind, wurde mir schnell klar, dass sie nicht Anne Frank war und einfach noch was anderes zu tun hatte, als jeden Tag ihre Gedanken reinzuschreiben.“

Genau vor fünf Minuten schrieb ich diesen Satz auf. Er ist rein fiktiv. Der Ich-Erzähler ist fiktiv, die TagebuchschreibendenichtAnneFrankseiende-Person ebenfalls. Und dennoch zuckte in der Sekunde, als ich den Punkt hinter den Satz setzte, etwas in mir zusammen.

Oha. Anne Frank. Darf ich das? ’nen Witz dazu schreiben? Da kommt doch sicherlich gleich einer und motzt. Und wo ein Motzer ist, ist schnell ein Shitstorm.

Heutzutage weißt du doch gar nicht mehr, was einen Shitstorm auslösen kann und was nicht.

Was wen wann und wie anfrisst und einen Kloaken-Tsunami über einen zusammenbrechen lässt.

Vom Sofa aus, halb liegend wie so’n adipöser Römer, andere Menschen verbal zukacken, die gegen einen nicht existenten Verhaltenskodex verstoßen haben und bei denen man sich vor zehn Jahren einfach nur genervt weggedreht hat – das kann der Internetmensch. Das und nichts anderes.
Es geht nicht um Veränderung. Oder um Ermahnung. Es geht nur ums Empören. Ums Pöbeln. Und sich anschließend, immer noch in der Horizontalen auf dem Sofa, angesichts der eigenen Awsomeness einen runterzuholen.

Die Beliebigkeit mit der doch inzwischen geshitstormt wird, die eigentliche Gleichgültigkeit – die durch die epischen Ausmaße der zur Schau gestellten Empörung lediglich verdeckt wird –  mit der die nächste durchs Dorf treibende Sau ausgesucht wird, ist letztlich nur eins.

Zum Kotzen.

Narbenherz

2011 bekam Jessica aus heiterem Himmel die Diagnose Krebs. Allen Prognosen und Komplikationen zum Trotz scheint nach OP und Chemo die Krankheit besiegt und sie hält das Versprechen, das sie sich während dieser schweren Zeit selbst gegeben hat: Endlich all das zu machen, was sie immer machen wollte und wozu sie stets zu feige war.

In ihrem Fall bedeutet das: Sie kündigt ihren Job, packt einen Rucksack, lässt Wohnung und adipösen Kater zurück und begibt sich auf Weltreise. Nach New York, New Orleans und Miami, nach Mexiko, Kuba, Brasilien und Argentinien und schließlich noch nach Südafrika. Und sie nimmt den Leser mit auf diese Reise. Lässt ihn teilhaben, nicht nur an ihren Erfahrungen und Eindrücken, sondern auch ihren Ängsten und Hoffnungen. Und der Frage, ob man sein altes Leben, eine überstandene Krankheit, ein gebrochenes Herz einfach woanders zurücklassen kann oder es nicht doch überall hin mitschleppt. Wie ein hässliches Muttermal auf dem Rücken.

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Jetzt kann man sich vielleicht  fragen, ob die Welt noch ein Buch über eine Krebserkrankung und ihre Folgen braucht.
Darauf kann man antworten, dass jeder Mensch, jede Krebserkrankung, jede Krankheit an sich sich, jede Geschichte eine andere ist und nur weil man vielleicht Heute bin ich blond gelesen hat, bedeutet das nicht, dass man deswegen nie wieder ein Buch zu einem ähnlichen Thema lesen wird oder muss. Vor allem, weil es in diesem Buch nicht darum geht, was passiert, wenn man die Diagnose Krebs bekommt, sondern wie es weitergeht, wenn man den Krebs besiegt hat.

Ich habe Jessy damals nach ihrer Genesung und vor ihrer Weltreise kennengelernt. Lange, bevor es das Buch gab. Und damals wie heute bewundere ich jeden, der Job und (vermeintliche!) Sicherheit aufgibt, um das zu tun, was völlig irrational, unvernünftig und wider dem deutschen Bedürfnis nach Absicherung steht: Das Leben auszukosten, es wirklich zu erleben, es zu genießen, alle Bedenken über Bord zu werfen, egoistisch zu sein, sich selbst an erste Stelle setzen, auf sein Bauchgefühl hören und einfach losrennen. Hinfallen. Aufstehen. Weiterrennen. Und dieses Mal noch schneller, noch weiter.

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Jessys Geschichte ist eine Geschichte über das Leben und Lieben. Über Loslassen, sich selbst finden, spüren und lieben, über Glück, über die Suche nach Steckdosen im stromausfallgeplagten New York, über potentielle Massenmörder in New Orleans und die sieben Zwerge in Miami, über ehemals wacklige Beine, die fast amputiert worden wären und einen nun quer über die Kontinente tragen und Salsa in Trinidad und Tango in Buenos Aires tanzen, über Karneval in Rio und nur schwer zu ertragende Armut in Kuba, über große Narben, die endlich das Kribbeln der Sonne spüren dürfen, über neue Freundschaften und brennende Affären und über Rum. Viel Rum.

Jessy nimmt den Leser mit auf ihre Reise.

Und das ist mehr als schön.

Und weil das eben so schön ist, gibt es das Buch einmal zu gewinnen.

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Zitate aus: Jessica Wagener, Narbenherz. Wie ich auszog, die Welt zu sehen und den Krebs zu vergessen, Hamburg 2014.