Urlaub: Tag 04 bis 10

Liebes Tagebuch,

völlig unerwartet gestalteten sich auch meine restlichen Urlaubstage so unerwartet atemberaubend und spannend, dass ich mich an dieser Stelle damit begnüge, nur die weniger unbeschreiblichen Dinge niederzuschreiben.

Tag 04 – Montag

Das Kind kotzt. Vier Mal. Seltsamer Moment, wenn man hin und hergerissen ist zwischen der Sorge über die Kotzerei und der Freude darüber, dass der Antichrist nun so alt ist, dass er zielgerichtet in einen Eimer vomieren kann und nicht mehr wie die Katze unters Sofa oder in Schuhe kotzt.

Tag 05 – Dienstag

Ich fahre nach Hause. Nach Hamburg. Manchmal klingt das immer noch komisch. So als würde ich flunkern. Als müsste man damit rechnen, dass jemand hinter dem Sofa hervorgesprungen kommt und schreit „Du bist doch Bonnerin! Was redeste denn da?“

Tag 06 – Mittwoch

Blackout. Was habe ich an dem Tag gemacht? Habe ich das Haus verlassen? Hatte ich eine Hose an?

Continue reading

Die Leiden des jungen Werther

Erinnern Sie sich an Werther? An diesen grausig vor sich hinleidenden Menschen, durch dessen Zeilen man in der Regel in der Oberstufe gepeitscht wurde. Und der bis heute bei mir das Bedürfnis entfacht, mitten in die Seiten seiner weinerlichen Briefe zu springen und ihm höchstpersönlich die Pistole an die Schläfe zu halten, weil man nicht bis zum Ende des Buches warten mag.

Erinnern Sie sich an ebendiesen Werther?

Ich kann nicht genau sagen, wieso, aber genau an diesen Werther muss ich denken, als ich vor einiger Zeit auf einem Poetry Slam saß. Poetry Slams sind ja seit längerem der heiße Scheiß. Und selbst Tante Ursula und Onkel Klaus fühlen sich auf einmal ganz cool und hip, wenn sie sonntags bei Kaffee und Schwarzwälderkirsch ihren Freunden davon erzählen. Die machen dann „Oooh.“ und „Aaaah.“ und sind ganz baff, was für derbe krassen Scheiß Ulla und Klaus machen, während geräuschlos Kuchenkrümel aus dem vor Erstaunen offen stehenden Mund auf die selbst geklöppelte Deckchen fallen.

Und da ich Ulla und Klaus in nichts nachstehen möchte, war ich auch auf einem Slam. Nur als Zuhörer natürlich – so kann man besser be- und verurteilen. Die Texte, die Vortragsweise, vielleicht auch die Garderobe. Vor allem die Garderobe. Schließlich bin ich eine Frau und die sind bekanntlich Miststücke. Continue reading