Die Leiden des jungen Werther

Erinnern Sie sich an Werther? An diesen grausig vor sich hinleidenden Menschen, durch dessen Zeilen man in der Regel in der Oberstufe gepeitscht wurde. Und der bis heute bei mir das Bedürfnis entfacht, mitten in die Seiten seiner weinerlichen Briefe zu springen und ihm höchstpersönlich die Pistole an die Schläfe zu halten, weil man nicht bis zum Ende des Buches warten mag.

Erinnern Sie sich an ebendiesen Werther?

Ich kann nicht genau sagen, wieso, aber genau an diesen Werther muss ich denken, als ich vor einiger Zeit auf einem Poetry Slam saß. Poetry Slams sind ja seit längerem der heiße Scheiß. Und selbst Tante Ursula und Onkel Klaus fühlen sich auf einmal ganz cool und hip, wenn sie sonntags bei Kaffee und Schwarzwälderkirsch ihren Freunden davon erzählen. Die machen dann „Oooh.“ und „Aaaah.“ und sind ganz baff, was für derbe krassen Scheiß Ulla und Klaus machen, während geräuschlos Kuchenkrümel aus dem vor Erstaunen offen stehenden Mund auf die selbst geklöppelte Deckchen fallen.

Und da ich Ulla und Klaus in nichts nachstehen möchte, war ich auch auf einem Slam. Nur als Zuhörer natürlich – so kann man besser be- und verurteilen. Die Texte, die Vortragsweise, vielleicht auch die Garderobe. Vor allem die Garderobe. Schließlich bin ich eine Frau und die sind bekanntlich Miststücke. Continue reading

Thank you, Alcohol

Ich trinke recht selten Alkohol. Im Grunde nie. Das war schon immer so. Als Teenager habe ich nicht verstanden, was genau der Sinn war, mir grausam schmeckende Substanzen zuzuführen, um dann einen Zustand zu erreichen, in dem mir die Kontrolle über meinen Körper entgleitet. Auf Tischen tanzen, Lieder laut singen, die ich nüchtern nicht mal leise singen würde, und/oder schließlich mit mangelnder Treffsicherheit das Porzellan mit Mageninhalten beglücken – all das fand und finde ich nur wenig verführerisch, geschweige denn cool.

Bis heute mag ich kein Bier, keinen Wein oder Sekt. Mein Schwiegervater, ein dem Weine durchaus zugetaner Mann, pflegte stets zu mir zu sagen, dass ihm Wein auch nicht schmecke, das aber egal sein, wenn man erst einmal eine Flasche intus hätte. Nun. Dagegen kann man natürlich nur schwer argumentieren. Und sicherlich gab es Momente, in denen ich auf irgendwelchen Partys oder Veranstaltungen war, in denen ich durchaus die Erfahrung machte, dass mit jedem Glas Sekt das nächste weniger scheiße schmeckt.

Das ändert aber nichts daran, dass das erste Glas weiterhin wie mit Kohlensäure versetzte Einhornpisse schmeckt. Und ich einen Sencha-Tee irgendwie vorziehe.

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