Karussell ist Krieg

Von einer Minute auf die andere bricht Panik aus. Mütter und Väter hetzen nach vorne, ganz so, als schrille ein lautloser Bombenalarm oder ähnlich bedrohliches in ihren glühweingetränkten Köpfen. Die Kinder, die bis vor zwei Sekunden noch völlig eins mit sich und der Welt waren – ein Zustand, in dem Kinder in der Regel immer sind, solange wir Erwachsene sie in Ruhe lassen – werden gepackt und durch die Luft gewirbelt. Wie ein ausgehungertes Krokodil, das einer Antilope die Orientierung nehmen will, bevor es gefressen wird.

Das Karussell hat nicht an der selben Stelle gehalten wie vorhin. Das vergrößert die Anspannung und den Stress offenbar enorm. Wo möchtest du jetzt drauf? brüllt ein Vater seinem Kind zu, das stumm und überfordert auf den roten Feuerwehrwagen mit der Leiter zeigt. Eine Mutter schiebt ihr Kind durch die nicht vorhandene Frontscheibe auf den begehrten Fahrersitz. So geht das nicht, motzt der Vater – offenbar annehmend, dass der Mensch an sich taub sei und nur verstünde, wenn er angeschrien wird. Die Mutter schwitzt pure Aggression aus ihren Poren, bleckt die Zähne und zischt irgendwas von „Sie sehen doch, dass das geht!“

Zwei Wagen weiter pressen sich zwei Väter auf die Rücksitze eines quietschgrünen Traktors. Ihre Söhne sitzen vorne, beinahe apathisch. Karrussell fahren ist offensichtlich gefährlich. Besonders für Kinder. Besonders Kinderkarusselle. Deswegen fahren die Eltern mit. Alle. Immer. Man weiß ja nie, was alles passieren könnte. Es könnten zum Beispiel plötzlich Velociraptoren auftauchen und dann hält das Karussell wieder woanders und man ist nicht schnell genug da und dann wird das Kind gefressen und dann muss man ein neues machen und seien wir ehrlich, so eine Schwangerschaft, puh!

Ein Pärchen starrt die beiden Väter hasserfüllt an. Ihre völlig desinteressierte Tochter, die bei dieser Fahrt keinen Platz ergattern konnte, an der Hand.  Der Vater zuckt unwillkürlich mit der Faust in seiner Jackentasche. Wären wir in Berlin-Marzahn und nicht in Hamburg-Eppendorf würden jetzt Blut und Eingeweide fließen.

Karussel ist eben Krieg.

Doch während man in anderen Ecken der Republik geradezu damit rechnen muss, ein paar in die Fresse zu kriegen, wenn man sich derartig verhält, finde ich dieses Gebaren in dieser doch so zivilisierten Ecke erstaunlicherweise besonders abstoßend.

Der Eppendorfer – der ästhetische Übermensch Hamburgs. Mit seinen grünen Wachs- und Steppjacken. Seinem 200qm Loft für zwölfzig Trillionen Euro im Monat. Seinem Porsche Cayenne, mit dem er zum Edeka zwei Straßen weiter fährt, um Bio-Orangen und Koriander zu kaufen. Mit seiner Louis-Vuitton-Windeltasche und den Gesprächen über Rotwein und Frankreich-Urlaube am Sandkasten.

Der Eppendorfer, der stets unverbindlich und stalinesk-unterkühlt lächelt. Der sich in oberflächlichen Freundlichkeiten suhlt wie ein afrikanische Warzenschwein im Schlamm. Der meint, die 100-Euro-Strähnchen und eine farblich perfekt abgestimmte Kindergarderobe würden ihn besser machen. Aber man kann sich schminken, maniküren, pediküren, färben und in den edelsten Stoffen kleiden – wenn man sich am Ende wie ein rasierter Affe während des Pon Farrs verhält, war und ist das alles umsonst.

Die Widerwärtigkeit der eigenen Spezies, selten sieht man sie so deutlich, wie bei Eltern an einem Kinderkarussell.

Der Eppendorfer an sich

Als ich den Spielplatz betrete, brauche ich sage und schreibe sieben Minuten, um eine Bank auszumachen, die noch nicht von den 5831 hier anwesenden Eltern besetzt ist. Ramboartig schlage ich mich zu ihr durch, frage mich ein weiteres Mal, warum ich nie eine Machete dabei habe, wenn ich mal eine brauche, und lasse das Kind allein an der Rutsche zurück. Es wird schon zurecht kommen. Da muss es jetzt durch. Spielplatz, das ist Krieg, natürliche Selektion, das härtet ab, nur die Stärksten überleben und sind nachher fit für die Grundschule und andere Grausamkeiten des Lebens.

Außerdem war es schließlich nicht meine, völlig bescheuerte Idee, an einem Samstag Nachmittag bei 35 Grad an einen Ort zu gehen, an dem sich mehr Menschen aufhalten als beim Sommerschlussverkauf bei Deichmann.

„Puh.“ sage ich „Ganz schön warm heute.“ Ich sage das mehr zu mir selbst, da ich mir irgendwann angewöhnt habe, mit mir selbst zu sprechen, wenn ich das Bedürfnis nach einem intelligenten Gespräch habe, wobei ich zugeben muss, dass „Puh. Ganz schön warm heute.“ nicht gerade zu meinen intellektuellen Sternstunden gehört.

Das hindert die Dame zu meiner Linken aber keineswegs ins Gespräch mit einzusteigen: „Drei.“

„Wie bitte?“

„Drei. Mein Leviathan ist drei.“

Ich halte kurz inne, während ich an meiner geistigen Gesundheit zweifele. Hatte ich vielleicht, ohne mich daran zu erinnern, irgendwas gefragt, was diese Antwort rechtfertigen sollte? Sicher, ich war 32, aber damit sicher immer noch recht früh für Demenz oder andere Spaßigkeiten des Älterwerden.

Noch während ich weiter überlege, was ich nun außer „Aha!“ darauf antworten soll, steht das Geschöpf von ihrer Bank auf, wendet sich ab und ruft in Richtung des Sandkastens: „Leviathan! Leviathan nicht! Das ist Kacka!“

Noch immer hin und hergerissen, zwischen der Fähigkeit des Geschöpfes ungefragt in anderer Leute Monologe einzudringen und der dringenden Frage, warum man sein Kind nach einem biblischen, dämonischen Seeungeheuer nennt, mustere ich das Geschöpf eingehend und erkenne recht schnell, dass es sich hierbei um die hierzulande häufig vorkommende Sub-Spezies der faschistoiden Mutterkuh handelt – das Eppendorfer Muttertier.

Ihr Blond ist zweifelsohne nicht echt, aber von einem bemerkenswerten, L’Orealhaften, güldenen Ton, der mir Tränen des Neides in die Augen treibt. Sie ist ein wenig älter als ich, vielleicht Ende Dreißig, was sie selbstverfreilich nicht davon abhält eine wesentlich bessere Figur zu haben.

Wobei ich sicherlich eine ähnliche Figur haben könnte, wenn ich auch nur noch Staub essen und jeden Tag acht Stunden Pilates machen würde.

Vermutlich spielt sie auch Golf. Oder reitet. Im Garten. Das macht man hier schließlich so. Ihre eng anliegende Hose mit dem Ledereinsatz lässt letzteres zumindest als nicht völlig aus der Luft ergriffen erscheinen. Im Herbst – der in Hamburg ja bekanntlich von September bis Juni geht – trägt sie vermutlich die passenden Glattlederstiefel und eine moosgrüne Wachsjacke. Ohnehin hat der Eppendorfer die meiste Zeit des Jahres eine rational nicht näher zu erklärende Affinität zu Kleidung, die unsereins nur aus Filmen kennt, in denen Großgrundbesitzer hoch zu Rosse oder Briten auf der Fuchsjagd vorkommen.

Doch jetzt im Sommer, pardon, „Sommer“, trägt die Frau und Zahnarztgattin in Personalunion grellbunte Sneakers, die vermutlich mehr als eine Niere auf dem Schwarzmarkt gekostet haben, und ihre Vitalität, ihre Fancyness und die noch geradezu endlos anmutende Zeitspanne, bis man 70 ist und nur noch beige tragen darf, unterstreichen soll.

An ihrem linken Handgelenk baumeln zwei Perlenarmbänder, die, da lege ich mich jetzt einfach mal fest, im Gegensatz zu meinen sicher nicht von Budni sind. In der rechten Armbeuge schaukelt eine pastellfarbene Longchamp gemütlich den internationalen Tanz des Konsums.

Als ich vor einigen Jahren das erste Mal zu Besuch in Eppendorf war, wohnte ich noch in Berlin. In einer jener Gegenden, in der man als overdressed gilt, wenn man im Supermarkt eine Jogginghose trägt.

Oder überhaupt eine Hose.

Dementsprechend war ich – ich muss es zugeben – vom Eppendorfer an sich anfangs etwas eingeschüchtert. Es ist nicht gerade einfach für einen Ausländer – und etwas anderes bin ich ja als Rheinländer hier nicht – zu eruieren, was man vom Eppendorfer halten soll.

Dabei mag ich Hamburg. Wirklich. Und ich kam auch recht schnell zu der Erkenntnis, dass der Eppendorfer als solcher nicht unbedingt repräsentativ für den Hamburger an sich ist. (Zahlreiche Nicht-Eppendorfer bestätigen mir das mit Nachdruck).

Dennoch ist es schwer, sich dieses immer und immer wieder zu vergegenwärtigen, wenn man die meiste Zeit, wenn man das Haus verlässt, auf Eppendorfer trifft.

Was vermutlich daran liegt, dass besagtes Haus nun mal in Eppendorf steht.

Der Eppendorfer erinnert mich stets ein wenig an den Hannoveraner oder den Bonner, wobei ich beim besten Willen nicht sagen kann, welcher Vergleich nun der Schlimmere ist. Er wirkt immer ein wenig unterkühlt, aber nicht auf diese dennoch stets charmante Nordmannweise, die unbewusst sagt “Ich bin zwar wortkarg und verfüge über keine erkennbare Mimik, aber wenn du lieb bist, hab ich hier noch irgendwo ein frisches Krabbenbrötchen für dich..“, sondern auf diese “Meine Tasche hat mehr gekostet als ihre gesamte Garderobe und nun trete es beiseite, es steht im Lichtkegel der Käsetheke, die meinem in Sankt-Peter-Ording herangezüchteten Teint so schmeichelt.“

In meinem Herzen sehne ich mich daher hin und wieder nach Köpenick zurück, wo der dortige REWE nichts anderes war, als der tägliche Treffpunkt der örtlichen Schlafanzug- und Jogginghosen-Vereinigung, wo man Instantnudeln trocken aus der Packung aß und Wein aus kleinen Plastikflaschen trank.

Wie oft stellte ich mir anfangs die Frage: Durfte ich ohne den Besitz von Segelschuhen überhaupt diesen Stadtteil betreten? Wie bewegte man sich hier fort, wenn man keinen Mini oder Porsche Cayenne besaß? Mussten die Bewohner aus profaneren Stadtteilen, wie Bergedorf oder Rahlstedt ein Visum beantragen, falls sie hierherkommen wollten? Und musste ich als Neu-Eppendorferin nun ebenfalls eine Boutique für Designersecondhandklamotten eröffnen, um mich selbst zu verwirklichen?

Nein. Natürlich nicht.

Und natürlich sind auch nicht alle Eppendorfer so. Zwischendrin, mitten unter ihnen, kann man sie finden, die Normalen, man muss nur ein bisschen genauer hingucken.

Die, die 80% ihres Gehaltes für die Miete ausgeben und dann den Rest des Monats 99-Cent-Nudeln mit Ketchup essen. Sonntags vielleicht mal Curryketchup.

Die, die jeden Tag mit schweren SUVs aus den Tiefgaragen donnern, zu ihren Jobs in der Innenstadt oder der Hafencity fahren, die spätabends zurückkommen und sich dann 27 Minuten an ihrer feschen Wohnung erfreuen, bevor sie ins Bett gehen, um morgen früh rechtzeitig wieder fit zu sein, um wieder zu dem Job zu fahren, mit dem sie diese Wohnung finanzieren können, die sie ohnehin nie sehen.

Die, die strickenderweise am Isekanal sitzen, mit Bio-Dinkelkeksen im selbstgenähten Jutebeutel, während ihr Sören-Benedikt zu ihren Füßen mit toten Käfern spielt.

Der Rentner, der jeden Tag immer zu den Stoßzeiten einkaufen geht, weil es die einzige Zeit des Tages ist, an der er dann nicht so alleine ist.

Die alleinerziehende Verkäuferin, die ihre Tochter früh morgens mit ihrem uralten Fiesta schnell zur Kita fährt.

Die Frau mit den vier französischen Bulldoggen, die ihr die Familie ersetzen, die sie nie hatte.

Sie alle sind hier.

Man muss sie manchmal nur ein bisschen länger suchen.

Hier in Eppendorf.