Expedition ins Wartezimmer

Sie sitzt mir schräg gegenüber. Ihre Boots vermitteln den Eindruck, dass sie sich gerade auf dem Weg zu einer Expedition befindet und nur kurz aufgehalten wurde. Ob sie sich sehr ärgert, dass sie in diesem Wartezimmer sitzen muss, während die Huskys unten, drei Stockwerke tiefer, vor der Haustür sicherlich schon ungeduldig mit den Pfoten scharren? Ihr martialisch anmutender Rucksack beinhaltet sicher Dinge wie Spitzhacke, Unmengen an Seilen und ein Survival-Kit. Vielleicht auch nur Buttermilch und Puffreiscracker. Wir sind in Eppendorf, hier weiß man nie. Ihre beiden (!) Gürteltaschen jedoch verdeutlichen anschaulich die Ernsthaftigkeit mit der sie diesen Reinhold-Messner-Gedächtnis-Look zelebriert. Gut, der Weg nach ihrem Arzttermin führt sie wahrscheinlich nur zum Drogeriemarkt und nicht in die Arktis, aber die Welt ist eine gefährliche da draußen. Voller Risiken, Unwägbarkeiten und gefährlichen Dingen wie Rauchern, Atomstrom und Kohlenhydraten. Nur, weil wir die Gefahr nicht mehr so sehen, wie damals, vor einigen hundert oder gar tausend Jahren, als jederzeit irgendwer oder -was gefährliches hinter einer Hecke hervorspringen konnte, heißt das nicht, dass wir sicher sind. Hedonismus, Konsum und Luxus sind der Beginn des Verfalls der menschlichen Spezies! Wir müssen auf der Hut sein, uns wappnen! Vorbereitet sein! Auf was genau weiß ich nicht. Aber die Dame mir gegenüber weiß es offenbar. Aber, wenn es soweit ist, wird sie es mir bestimmt sagen.

Irgendwas mit Mammuts

Jammern auf hohem Niveau. Das können wir im Westen bekanntlich abartig gut.

Ich kann mir das neue iPhone 6 nicht leisten und muss deswegen weiterhin mit meinem alten iPhone 4S rumlaufen.

Ich passe nicht in die Pepe Jeans und muss deswegen voll blöde Jeans von Esprit kaufen und tragen.

Ich habe dieses Wochenende nicht genügend Geld, um am Freitag UND am Samstag auszugehen.

Ich werde nie, nie, NIE, NIE, verkraften, wie sie Opie bei ‚Sons of Anarchy‘ getötet haben und WENN DER ZWERG AUS ‚GAME OF THRONES‘ STIRBT, TÖTE ICH UNS ALLE.

Wir haben es hier wahrlich nicht leicht und zelebrieren das gerne. Ich bin da nicht besser, vermutlich noch schlimmer. Denn ich stehe vor der unsäglichen Entscheidung, wie ich von nun an, beruflich und privat, mein Leben weiter gestalten will. Welche Schwerpunkte ich setzen will. Was mir noch wichtig ist oder was mir zumindest wichtiger als anderes ist.

Ich befinde mich auf dem Höhepunkt einer geradezu theatralischen Quarterlife-Crisis, die allein schon dadurch begründet ist, dass ich diesen Monat 32 (ZWEIUNDDREIßIG!) geworden bin und vor einigen Jahrhunderten sicherlich schon tot wäre oder, mit 27 Enkeln gesegnet, auf ebendiesen Zustand warten würde. Aber Nein! Stattdessen sitze ich hier, mehr oder weniger blutjung – nur meine Hände werden jetzt im Winter immer so trocken, das Problem hatte ich nie, als ich zwölf war, was ich als weiteren Hinweis auf meinen körperlichen Verfall deute.

ES GEHT BERGAB!

Und da ich, neben einer vergleichsweise guten Gesundheit, auch noch mit Mann und Kind, einer Wohnung in Hamburg-Eppendorf und einem Job, mit dem ich meine Rechnungen bezahlen kann (Es ist ja alles so grausam!) gesegnet bin, muss ich mich jetzt seit geraumer Zeit mit der Frage auseinandersetzen: Was nun?

Denn man kommt ja als Mittelschichtler – wenn man mal kurz damit aufhört sich panisch zu machen, wie schlecht es einem doch geht, wegen der Rente und den Mieten und überhaupt sind das ja hier schon fast afrikanische Zustände und WIR WERDEN ALLE VERHUNGERN UND STERBEN. OHNE WLAN! – zwangsläufig an diesen Punkt, an dem man das gottverschissene Glück hat, sich fragen zu können, was denn da noch kommen soll.

Der Kühlschrank ist voll, das gekühlte Bier steht neben einem, auf der anderen Seite die Schale mit frischen, duftenden Barbecue-Chips – die zwar nicht nach Barbecue schmecken, aber irgendwie werden wir auch diese Bürde tragen – während der Laptop einem wohlig den Schritt wärmt, und auf dem Flatscreen laufen Männer mit grotesken Gehältern einem Ball hinterher: Der perfekte Moment um innezuhalten und sich ernsthaft [sic!] zu fragen, ob das jetzt alles gewesen ist. Ob es das jetzt war. Oder ob da vielleicht noch mehr kommt.

Nein, nicht einfach nur Käse-Nachos und noch mehr Bier. Obwohl wir diesen Aspekt nicht gänzlich aus den Augen verlieren sollten.

War es das jetzt? Unschlüssig, was da stattdessen noch kommen sollte – also außer ein warmes, bezahltes Zuhause, Essen, Trinken, fließend Wasser (sogar warm, wann immer wir wollen!), frisch gewaschene Unterhosen (mit Weichspüler!) und weiterem kapitalistischen Schabernack – bleibt dieser Gedanke hartnäckig, dass da noch was kommen muss.

Bei mir ist es nicht anders. Wie genau gestalte ich nun die vor mir liegende Freizeit? Baue ich meinen freiberuflichen Kram noch weiter aus? Sollte ich mich mehr auf das konzentrieren, was „Spaß“ macht? Oder meine Familie? Oder doch lieber Watchever, Netflix, Amazon Prime und Maxdome im Wechsel leer gucken? Fragen über Fragen. Die man sich erstmal leisten muss. Leisten können muss. Probleme für Privilegierte. First World Problems.

Wofür sind wir hier?

Was ist der Sinn in meinem Leben?

Gibt es  überhaupt einen Sinn?

Gibt es ein Jenseits?

Und wenn ja, gibt es dort WLAN?

Ich glaube ernsthaft, dass der Mensch überhaupt nicht für Freizeit gemacht ist. Er kommt dabei zwangsläufig auf dumme Ideen. Der Mensch soll die Kindheit überleben, was zur Erhalt der Sippe beitragen (wahlweise Essen und/oder Kinder mit halbwegs gutem Erbgut) und dann sterben. Bitte nach kurzer Krankheit, vielleicht wegen eines Säbelzahntigerunfalls oder irgendwas mit Mammuts. So war das ursprünglich vorgesehen, so hatte die Natur sich das überlegt, aber der Mensch so: „Näää.“, erfand das Geld und Freizeit und sobald einer von beidem zuviel hat, sitzt er irgendwo auf der Akropolis, schaut in den Sternenhimmel und macht sich Gedanken. Furchtbarer Fehler, ganz, ganz furchtbarer Fehler. Wir sollten alle sofort damit aufhören uns Gedanken zu machen! Gedanken sind der Anfang allen Übels.

Alexander II.: Zu viele Gedanken gemacht – Zack! Halb Asien und den Nahen Osten erobert und ein fürchterliche Chaos hinterlassen.

Caesar: Zu viele Gedanken gemacht – Zack! Rubikon überschritten und das Kaisertum eingeführt. Noch mehr Chaos.

Jesus: Viel zu viele Gedanken gemacht – Zack! Reden wir nicht darüber..

Hören wir doch bitte auf, die Welt in Frage zu stellen. Die Sterne. Das Universum. Uns. Erfreuen Sie sich doch einfach an ihrem kaltem Bier und den komisch schmeckenden Chips und freuen Sie sich, dass der BVB offensichtlich aus seinem Spielkoma erwacht ist.

Ich werde das zumindest heute Abend mal versuchen.

Und nächste Woche erzähle ich Ihnen dann, was ich von nun an mit meiner Freizeit so machen werde. Nun, nachdem ich das mit den Gedanken machen sein lassen werde..

In diesem Sinne.