Ping!

Ping macht es. Und dann direkt noch einmal. Ping. Das scheiss Ding steht gar nicht mehr still, murmle ich halblaut, während ich auf das Display starre. Endgeräte, stöhne ich und ziehe in der Bahn mal wieder irritierte Blicke auf mich. Wahrscheinlich halten sie mich für einen Apple-Vollproll, wie ich da ständig zwischen iPad und iPhone hin und herwechsel, auf dem einen gerade noch tippe und zeitgleich zu dem pingenden anderen greife. Der Mann schickt mir via Email einen YouTube-Link; später werde ich versuchen, anhand des Tonfalls seines „Na, hast du dir das Video angeguckt?“, mit „Ja. Voll lustig.“ oder „Ja. Voll schön.“ die richtige Antwort zu finden. Ein gewagtes Spiel, einmal war es am Ende ein Video über alte, tote Leute, was offenbar weder lustig, noch schön ist und ihn bis heute an meinen zwischenmenschlichen Fähigkeiten zweifeln lässt.

IMG_6998

Bei WhatsApp fragt die Chefin, ob ich ihren Zettel gelesen und verstanden hätte. Zeitgleich schickt sie an die dazugehörige WhatsApp-Gruppe den Dienstplan für Oktober. Ping. Ping.

Ich rufe mein Email-Postfach ab, wo ich 27 Benachrichtigungen von ello.co habe, weil sich jetzt offenbar die Invites dafür vermehren, wie andernorts nur die Ebolaviren. Zuhause erstmal die Benachrichtigungen deaktivieren, denke ich noch, bevor mir irgendjemand zeitgleich auf Facebook und Twitter die exakt gleiche Nachricht schickt. Ping. Ping.

Zuhause angekommen, bimmelt das Telefon, das alte, zwar nicht mit Wählscheibe, aber deswegen nicht minder altertümlich, ohne Unterlass. Parallel auf Skype mit der Schwester und auf Threema mit der besten Freundin chatten. Ping. Ping. Klingeling!! Ping.

Und zwischendurch das Gefühl bekommen, hier stimmt etwas nicht. Und dieses Gefühl wird mehr und mehr von dem Gefühl, dass das, was hier nicht stimmt, von einem selbst verschuldet wurde, überlagert, überwuchert. Wie Moos. Bis die Gewissheit, dass man sich selbst, irgendwann in dunklen Äonen vergangener Zeiten, zu diesem ganzen Mist entschlossen hat, unleugbar wird.

2007 ging ich zu StudiVZ, nur um in Israel deswegen ausgelacht zu werden und Facebook gezeigt zu bekommen. 2008 fing ich an zu bloggen und zu twittern. 2009 folgte das erste immer bereite und immer willige Endgerät, das mich wie eine 24/7-Hure über alles und jeden ständig auf dem Laufenden hält. Wer hat was gegessen, wer hat wen getroffen, wer hat welchen Film gesehen, wer hat wann, wo, wie laut gefurzt. Ich dauernd fern von zuhause, die Freunde fern von mir, egal, wo ich war – Welch ein Segen war doch das Internet! Dank Facebook weiß ich, was meine kanadische Freundin, die ich in Israel kennenlernte, in Mexiko so treibt. Dank Twitter weiß ich, wer mit wem schläft und mit wem ich besser nie geschlafen hätte. Dank WhatsApp weiß ich, was meine Cousine in Edinburgh in dieser oder jener Erziehungsfrage machen würde. Dank Instagram weiß ich, was meine kleine Schwester in der Schweiz an ihrem freien Tag für Blödsinn macht.

Ständig vernetzt. Ständig erreichbar. Ständig Ping.

Und ich weiß, irgendwas habe ich falsch gemacht. Irgendwo zwischendurch habe ich die Kontrolle verloren, sie abgegeben, reagiere nur noch, komme nicht mehr zur Ruhe, schalte nicht mehr ab, weil ich die Geräte nicht mehr ausschalte. Immer auf Standby.

Und ich weiß genauso gut, dass es an mir liegt. Dass nur ich entscheiden kann, offline zu gehen. Nicht komplett, das habe ich weder jetzt, noch jemals vor. Aber es zu reduzieren, so weit wie nur irgendmöglich. Accounts stilllegen, Apps löschen, vermeintlich wichtige „Projekte“ beenden, Benachrichtigungen ausschalten – und vor allem abends komplett auszuschalten.

Einfach mal offline gehen. Einfach mal kein Ping hören. Einfach mal in die Stille lauschen. Das wär‘ doch schön.

Syphilis 2.0

Ich bin ein Freund des Home-Office. Home Office bedeutet für mich in der Nase popeln und sich am Po kratzen zu dürfen, während man gerade an der Broschüre eines Kunden sitzt. Es bedeutet, die Musik aufdrehen und schön und schief und laut Memories von Cats mitsingen zu können, solange das Telefon nicht klingelt. Es bedeutet, den ganzen Tag Nutella aus dem Glas essen zu können, ohne von Kollegen komisch angeschaut zu werden.

Manchmal jedoch muss man raus und manchmal sitzt man dann plötzlich seit gefühlt ewig langer Zeit wieder in einem Büro. So ganz ohne Sofa und so ganz mit richtiger Hose.
Man sitzt mit anderen Menschen in einem Raum, von morgens bis abends, und soll dort nicht laut pupsen und rülpsen oder mit dem Tacker nach Praktikanten werfen. Und man fragt sich schnell warum, schließlich erscheint jeder Ort, an dem man keine Jogginghose tragen darf und an dem es mehr als 5m bis zum Kühlschrank sind, sinnbefreit und auf eine sartr’sche Art höllenartig.

Der einzige Lichtblick ist, dass ich auch weiterhin das machen kann, was ich mag und was ich gut kann – also jenseits von Körpergeräuschen und Genußmittelkonsum -, und nun kam es, dass ich mich in den vergangenen zwei Wochen vermehrt mit anderen Menschen auseinandersetzen musste, die ebenfalls in dem tätig sind, was man auf eine höchst unkreative Weise als Kreativbranche bezeichnen kann. Was immer das letzten Endes auch heißt.

Aus Gründen tummelte ich mich deswegen unlängst auf vielen, vielen, wirklich sehr vielen Seiten von Textern, PR-lern, Grafikern, Werbemenschen, Social-Media-Beratern und Social-Media-Berater-Beratern. Und kam recht schnell zu einer irritierten Erkenntnis, dass nämlich jeder Zweite, egal, ob er nun eigentlich hauptberuflich Texter oder Grafiker oder Frittenwender bei McDonald’s ist, auch immer gleich noch Social Media anbietet.
Social Media, das gehört doch schließlich dazu wie das Taschentuch zum Pornofilm, und außerdem hat ja jeder heutzutage ein Facebookprofil und das reicht als Qualifikation doch schließlich aus.

Ich klicke das siebzehnte Mal des Tages auf einen Icon, auf dem sich das mir so bekannte Vögelchen tummelt. 176 Followings und 54 Follower warten dahinter. Ich stöhne. Die Facebookseite hat 31 Likes, der letzte Eintrag ist vom Juli 2011.

Joah, denke ich, da krieg ich als Kunde ja schon richtig Bock den zu beauftragen. Die scheinen wirklich Ahnung zu haben von diesem Social-Media-Gedöns, die wissen was abgeht, wo der Hase lang läuft.

Die nächste Designerin, die ihre Social Media Fähigkeiten preist, ist seit 2009 Mitglied bei Twitter und hat seitdem *Trommelwirbel* 81 Tweets für ihre 32 Follower geschrieben. 81 Tweets in 4,5 Jahren.   Chapeau!

Heutzutage scheint es ein regelrechter Sport zu sein, sich überall, wo sich einem die Möglichkeit bietet und wo man keinen Waffenschein für’s Netz braucht, fröhlich Profile anzulegen. Soziale Netzwerke sind  auch nichts anderes als eine Geschlechtskrankheit, deren massive Verbreitung darauf beruht, dass einfach jeder ohne Nachzudenken mitmachen darf. Syphilis 2.0.

Aber diese Netzwerke sind wie osteuropäische Katalogehefrauen: Es reicht nicht, sie zu bestellen, man muss sie auch ein wenig pflegen, ein wenig hegen, ein wenig Pralinen hier, ein wenig Blumen dort, sonst fangen sie an zu verwesen und zu müffeln und das ist nicht schön, nein, wirklich so gar nicht schön.

Nächste Firma. Wir machen Internet steht in frohlockenden, selbstbewussten Lettern auf der Website. Ein sehr beliebter Slogan, den ich in den letzten Tagen so häufig lesen musste, dass er inzwischen jede Bedeutung verloren hat.
Die 619 Fans bei Facebook lassen noch hoffen, zumindest bis man auf die 47 Follower bei Twitter trifft. Wir machen Internet heisst in dem Fall: Wir machen Facebook – Manchmal.

Natürlich kann man sagen, dass es letzten Endes darauf ankommt, dass man die Kanäle und Profile des Kunden bedient – doch ich stelle fest, dass es bei denen oft nicht viel besser aussieht. Auf der Facebookseite eines Kunden ist der letzte Eintrag vom September 2013.

Kürzlich las ich, dass es zwar immer wieder Massen zu Twitter zieht, die Absprungrate aber mit 75% erheblich sei. Natürlich sind nicht alle davon Agenturen, da wären auch die Horst und Gundulas, die nach AOL und MySpace auch mal was Neues, was Pfiffiges und Frisches, ausprobieren wollten, die Sandys und Marvins, die von Internetruhm eines Sami Slimani träumen, die Firmen, Unternehmen und Selbstständigen, die beim Kacken in der Mittagspause epiphanieartig die Idee hatten, sie müssten auch sowas haben. Einfach, weil das ja alle haben.

Die Studie sagt leider nicht, was die Beweggründe für die hohe Absprungrate sind, aber nicht erfüllte Erwartungen in Bezug auf Reichweite und Aufmerksamkeitsgenerierung sind sicher ein Grund.
Die Menschen denken, das würde von alleine funktionieren, sie müssten sich nur anmelden. Das Maximum an Energie, das sie in den Account stecken ist ein griffiger Name. Und selbst dafür reicht es oft nicht, nicht wahr @bundeskunsthall?
Den Horsts und Gundulas und Sandys und Marvins sei ihre debile Naivität verziehen, sie wussten es nicht besser. Aber Agenturen und Werbe- und Internetmenschen?

Denn wer in der Modebranche arbeiten will, trägt doch auch nicht KIK auf den Fotos seiner Website. Wer PETA als Kunden gewinnen will, bietet keine Mettigel beim Meeting an. Warum? Weil. Es. Einen. Beschissenen. Eindruck. Macht. Darum. Very simple.
Ein Social Media Account der kümmerlich und vernachlässigt brach liegt, ist nichts anderes als ’ne Lebwerwurstulle auf ’ner Veganerparty.

Doch woher kommt nur dieser Irrglaube, man müsse unbedingt auf allen Kanälen vertreten sein, und vor allem, dass dann diese Art und Weise einen Account zu „pflegen“ – die aus allen Poren nach Inkompetenz und/ohne teenagerhafte Null-Bock-Attitüde riecht – ausreichen würde? Und wie kommt man dann nur dazu, auf diese Profilruinen auch noch so stolz zu sein, dass man die entsprechenden Icons wie Nippelpiercings auf seiner Seite zur Schau stellt?

Wer die grobschlächtige Intelligenz besitzt, einen Tumblr-Account zu erstellen, beweist nicht, dass er das Netz verstanden hat oder dass er gar darin lebt.

Es beweist lediglich, dass er einen Internetanschluss hat.

In diesem Sinne.