Syphilis 2.0

Ich bin ein Freund des Home-Office. Home Office bedeutet für mich in der Nase popeln und sich am Po kratzen zu dürfen, während man gerade an der Broschüre eines Kunden sitzt. Es bedeutet, die Musik aufdrehen und schön und schief und laut Memories von Cats mitsingen zu können, solange das Telefon nicht klingelt. Es bedeutet, den ganzen Tag Nutella aus dem Glas essen zu können, ohne von Kollegen komisch angeschaut zu werden.

Manchmal jedoch muss man raus und manchmal sitzt man dann plötzlich seit gefühlt ewig langer Zeit wieder in einem Büro. So ganz ohne Sofa und so ganz mit richtiger Hose.
Man sitzt mit anderen Menschen in einem Raum, von morgens bis abends, und soll dort nicht laut pupsen und rülpsen oder mit dem Tacker nach Praktikanten werfen. Und man fragt sich schnell warum, schließlich erscheint jeder Ort, an dem man keine Jogginghose tragen darf und an dem es mehr als 5m bis zum Kühlschrank sind, sinnbefreit und auf eine sartr’sche Art höllenartig.

Der einzige Lichtblick ist, dass ich auch weiterhin das machen kann, was ich mag und was ich gut kann – also jenseits von Körpergeräuschen und Genußmittelkonsum -, und nun kam es, dass ich mich in den vergangenen zwei Wochen vermehrt mit anderen Menschen auseinandersetzen musste, die ebenfalls in dem tätig sind, was man auf eine höchst unkreative Weise als Kreativbranche bezeichnen kann. Was immer das letzten Endes auch heißt.

Aus Gründen tummelte ich mich deswegen unlängst auf vielen, vielen, wirklich sehr vielen Seiten von Textern, PR-lern, Grafikern, Werbemenschen, Social-Media-Beratern und Social-Media-Berater-Beratern. Und kam recht schnell zu einer irritierten Erkenntnis, dass nämlich jeder Zweite, egal, ob er nun eigentlich hauptberuflich Texter oder Grafiker oder Frittenwender bei McDonald’s ist, auch immer gleich noch Social Media anbietet.
Social Media, das gehört doch schließlich dazu wie das Taschentuch zum Pornofilm, und außerdem hat ja jeder heutzutage ein Facebookprofil und das reicht als Qualifikation doch schließlich aus.

Ich klicke das siebzehnte Mal des Tages auf einen Icon, auf dem sich das mir so bekannte Vögelchen tummelt. 176 Followings und 54 Follower warten dahinter. Ich stöhne. Die Facebookseite hat 31 Likes, der letzte Eintrag ist vom Juli 2011.

Joah, denke ich, da krieg ich als Kunde ja schon richtig Bock den zu beauftragen. Die scheinen wirklich Ahnung zu haben von diesem Social-Media-Gedöns, die wissen was abgeht, wo der Hase lang läuft.

Die nächste Designerin, die ihre Social Media Fähigkeiten preist, ist seit 2009 Mitglied bei Twitter und hat seitdem *Trommelwirbel* 81 Tweets für ihre 32 Follower geschrieben. 81 Tweets in 4,5 Jahren.   Chapeau!

Heutzutage scheint es ein regelrechter Sport zu sein, sich überall, wo sich einem die Möglichkeit bietet und wo man keinen Waffenschein für’s Netz braucht, fröhlich Profile anzulegen. Soziale Netzwerke sind  auch nichts anderes als eine Geschlechtskrankheit, deren massive Verbreitung darauf beruht, dass einfach jeder ohne Nachzudenken mitmachen darf. Syphilis 2.0.

Aber diese Netzwerke sind wie osteuropäische Katalogehefrauen: Es reicht nicht, sie zu bestellen, man muss sie auch ein wenig pflegen, ein wenig hegen, ein wenig Pralinen hier, ein wenig Blumen dort, sonst fangen sie an zu verwesen und zu müffeln und das ist nicht schön, nein, wirklich so gar nicht schön.

Nächste Firma. Wir machen Internet steht in frohlockenden, selbstbewussten Lettern auf der Website. Ein sehr beliebter Slogan, den ich in den letzten Tagen so häufig lesen musste, dass er inzwischen jede Bedeutung verloren hat.
Die 619 Fans bei Facebook lassen noch hoffen, zumindest bis man auf die 47 Follower bei Twitter trifft. Wir machen Internet heisst in dem Fall: Wir machen Facebook – Manchmal.

Natürlich kann man sagen, dass es letzten Endes darauf ankommt, dass man die Kanäle und Profile des Kunden bedient – doch ich stelle fest, dass es bei denen oft nicht viel besser aussieht. Auf der Facebookseite eines Kunden ist der letzte Eintrag vom September 2013.

Kürzlich las ich, dass es zwar immer wieder Massen zu Twitter zieht, die Absprungrate aber mit 75% erheblich sei. Natürlich sind nicht alle davon Agenturen, da wären auch die Horst und Gundulas, die nach AOL und MySpace auch mal was Neues, was Pfiffiges und Frisches, ausprobieren wollten, die Sandys und Marvins, die von Internetruhm eines Sami Slimani träumen, die Firmen, Unternehmen und Selbstständigen, die beim Kacken in der Mittagspause epiphanieartig die Idee hatten, sie müssten auch sowas haben. Einfach, weil das ja alle haben.

Die Studie sagt leider nicht, was die Beweggründe für die hohe Absprungrate sind, aber nicht erfüllte Erwartungen in Bezug auf Reichweite und Aufmerksamkeitsgenerierung sind sicher ein Grund.
Die Menschen denken, das würde von alleine funktionieren, sie müssten sich nur anmelden. Das Maximum an Energie, das sie in den Account stecken ist ein griffiger Name. Und selbst dafür reicht es oft nicht, nicht wahr @bundeskunsthall?
Den Horsts und Gundulas und Sandys und Marvins sei ihre debile Naivität verziehen, sie wussten es nicht besser. Aber Agenturen und Werbe- und Internetmenschen?

Denn wer in der Modebranche arbeiten will, trägt doch auch nicht KIK auf den Fotos seiner Website. Wer PETA als Kunden gewinnen will, bietet keine Mettigel beim Meeting an. Warum? Weil. Es. Einen. Beschissenen. Eindruck. Macht. Darum. Very simple.
Ein Social Media Account der kümmerlich und vernachlässigt brach liegt, ist nichts anderes als ’ne Lebwerwurstulle auf ’ner Veganerparty.

Doch woher kommt nur dieser Irrglaube, man müsse unbedingt auf allen Kanälen vertreten sein, und vor allem, dass dann diese Art und Weise einen Account zu „pflegen“ – die aus allen Poren nach Inkompetenz und/ohne teenagerhafte Null-Bock-Attitüde riecht – ausreichen würde? Und wie kommt man dann nur dazu, auf diese Profilruinen auch noch so stolz zu sein, dass man die entsprechenden Icons wie Nippelpiercings auf seiner Seite zur Schau stellt?

Wer die grobschlächtige Intelligenz besitzt, einen Tumblr-Account zu erstellen, beweist nicht, dass er das Netz verstanden hat oder dass er gar darin lebt.

Es beweist lediglich, dass er einen Internetanschluss hat.

In diesem Sinne.