Pommes aus Verzweiflung

Man liest ja heutzutage viel von dem grausamen Leben Schicksal der Tiere, die zu Verzehrungszwecken gezüchtet, gemästet und geschlachtet werden. Uns werden Fotos und Filme um die Ohren und die anderen Sinne gehauen, in denen Kühe, Schweine und King Prawns leiden, dass es einem die Tränen in die konsumierenden Augen treibt. Es ist alles ganz furchtbar.

Doch wer spricht von dem Los, dem Leiden, DEM GRAUSAMEN SCHICKSAL, das Vegetarier und Veganer erleiden müssen? Tag für Tag! Denn auch Gemüseenthusiasten wollen am Leben „der anderen“ teilnehmen. Sind mit Menschen befreundet, die nicht zum Clan der Hirseschnabulierer gehören, wollen mit ihnen Zeit verbringen, raus gehen, essen gehen.

Doch außerhalb Berlins und anderer ökologischer Hipster-Terror-Hot-Spots ist es oft schwer Restaurants zu finden, deren vegetarische Gerichte auch nur ansatzweise als schmackhaft zu bezeichnen sind.

@serotonic führt genau aus diesem Grund seit geraumer Zeit einen Blog, in dem sie das furchtbare, kaum auszuhaltende Schicksal der Vegetarier, die wieder und wieder dazu gezwungen werden, in scheinbar aussichtslosen Restaurantbesuchen, auf ein und das selbe auszuweichen: Pommes.

Mutig wird in diesem Blog das Ausmaß der kulinarischen Tragödie dokumentiert und ich möchte hier unerschrocken meinen Beitrag zu dieser Aufdeckung leisten und Ihnen sagen, dass das besagte Ausmaß viel größer ist, als man auf den ersten Blick denkt.

Denn diese Erkenntnis musste ich machen, als ich die Tage das erste Mal beim Thailänder war. Thais, sind das nicht Buddhisten oder sonstwie religiös angeheiterte Menschen, die super friedfertig sind? Nun, in der Theorie eventuell. Schaut man ein wenig Nachrichten, sieht man, dass der Thailänder an sich gerne mal genauso blutrünstig ist, wie jede andere Gruppe der Weltbevölkerung auch. Das schlägt sich natürlich auch in der Speisekarte nieder, in der sich – laut eines lustigen Kleeblatts hinter jedem vegetarischem Gericht – genau vier dieser Sorte befinden.

Letzten Endes saß ich dort mit einem Berg Frühlingsrollen und etwas, was laut Karte gebratener Tofu sein soll, aber eher wie toter Schwamm aussieht, sich anfühlt und natürlich schmeckt.

Verzweiflungspommes – die asiatische Version.

IMG_6307 Man hat es halt nicht leicht, so als moralisch überlegener Mensch.

Super lecker!

Warum mögen die meisten Menschen Vegetarier oder Veganer nicht? Nun, ich vermute: Aus gutem Grund.

Ich persönlich bin vor einigen Jahren auf fleischlos umgestiegen, 2010 dann sogar komplett auf vegan, bevor ich mich in die Einöde Köpenicks verirrte und mich plötzlich nicht in der Lage sah, ohne weiteres, bzw. ohne Schlittenhund, an eine halbwegs zufriedenstellende fleischlose Ernährung zu kommen.
Und schwupps, Faulheit und der abtörnende Gedanke an eine einstündige Bahnfahrt zum nächsten Bio-Supermarkt sei Dank, lagen auch schon wieder 2kg Leberwurst in meinem Kühlschrank. Das kann ja ganz fix gehen, wenn man so eine faule und inkonsequente Kuh wie ich ist.

Erst 2,5 Jahre, eine Schwangerschaft und einen Kaffee bei Starbucks mit @serotonic später, bin ich nun wieder Vegetarier. Seit zwei Wochen.

Fakt jedoch ist: Ich kann die meisten Vegetarier nicht ausstehen.

Dabei geht es primär gar nicht um die vermeintliche Moralkeule, die der allgemeine Mettliebhaber bewusst oder unbewusst so fürchtet.

Es sind weniger die eingefleischten Bio-Fanatiker und Öko-Terroristen – die sich morgens mit einem kleinen Ast die Zähne putzen, selbstgefilzte Unterwäsche tragen und schon einen kompletten Nervenzusammenbruch kriegen, wenn ihnen eine suizidal veranlagte Obstfliege gegen die Brillengläser klatscht-, die das Problem sind.

Zumindest nicht für mich.

Das sind zumindest Menschen mit Überzeugungen und Prinzipien. Kleine moderne Diogenesse in der Tonne, die nicht nur labern, sondern auch tatsächlich den Unsinn praktizieren, den sie predigen. Das finde ich schön. Wunderwunderschön. (Und nur ein klein wenig nervig.)

Viel ätzender finde ich jedoch diese Veggie-Hipster, die ihre Ernährungsweise vor sicher hertragen wie einen fancy Jutebeutel, auf den sie mit Edding „Karl Lagerfeld“ (LOL!) geschrieben haben.
Sie wissen schon, diese krassen Individualisten, die alle gleich aussehen und wirken, als würden die irgendwo in der TARDIS geklont werden. Da gehört die Sojamilch nicht zur Überzeugung, sondern zum Lifestyle und da dieser Lifestyle beinhaltet, jedem und andauernd unter die Nase gerieben zu werden – weil, wenn keiner mitbekommt, was für ein krass individueller Typ man ist, ist es bekanntlich auch nicht wahr -, postet und instagramt man sein geiles, veganes, voll leckeres (wichtig, sonst wissen das die Leute nicht!) Bio-Essen 24/7, um sich dann abends die Likes auszudrucken und sich über’s Bett zu hängen und sich ausgiebig im gleißenden Licht der eigenen Supercoolness einen runterzuholen.

Wasser

Ich bin gerne Vegetarier und ich unterhalte mich gerne mit anderen Vegetariern oder Veganern über Räuchertofu und Alpro und aluminiumfreies Deo und Stricken. Ich bin Mutter, ich darf das. (Ich glaube, es steht sogar irgendwo im Mutterpass, dass ich das muss!)

Und ich bin ein Bewunderer von Menschen, die sich Tag für Tag den Griff zum Nutellaglas verkneifen, weil ihnen ihre Überzeugung wichtiger ist, als das süße, zuckrige, braune Gold, das ewiges Glück und Zufriedenheit verheißt.

Aber Menschen, die sich selbst dermaßen abfeiern, indem sie mir und dem halben Internet jeden verdammten Möhrenreibekuchen (Ohne Ei, aber ey, echt voll lecker! WIRKLICH!) in die Fresse instagramen, möchte ich das Smartphone mit einer blutigen Hammelkeule aus den hipstrigen Fingern schlagen.

Ich bin vielleicht Vegetarier, aber nur, weil ich Hack nicht esse, heißt das nicht, dass ich dich nicht dazu verarbeiten würde.

In diesem Sinne.