Lieber Uwe

Es gab mal eine Zeit, in der mochte ich brandeins. Warum auch nicht?

Um auf die Frage „Warum nicht?“ eine Antwort geben zu können, hat es sich brandeins nun offenbar zur Aufgabe gemacht, Inhalte zu produzieren, die, wenn sie schon nicht informieren oder unterhalten, vor allem eines können: irritieren. Ich hätte auch nerven oder verärgern schreiben können, die Anzahl der negativen Verben ließe sich beinahe endlos fortführen, aber irritieren trifft es letztendlich ziemlich gut.

Erst diese Nummer mit der (Unter-)Repräsentation von Frauen bei bzw. in der brandeins, über die man letzten Endes denken mag, wie man möchte, und nun dieser Beitrag zum Thema gesunde Ernährung, der mich einfach nur kopfschüttelnd zurück läßt, denn der Informationsgehalt gleicht dem eines Bravo-Artikels über die Wiedervereinigungsgerüchte von Tic Tac Toe.

Ich erlaube mir, den Artikel kurz zusammenzufassen:

1. Wir machen uns alle ganz jeck mit dem, was wir essen sollen und was gesund ist bzw. eben nicht.

2. Obst und Gemüse sind vielleicht gar nicht soo gesund.

3. Fleisch ist vielleicht gar nicht soo ungesund.

4. Zucker – siehe Fleisch.

5. Fazit: Vertrauen Sie Ihrem Körper. Essen Sie nur dann, wenn Sie echten Hunger haben, und zwar nur das, worauf Sie Lust verspüren.

Aha.

So so.

Also, wir tun einfach so, als ginge es allen Salatanbetern nur um ihre gesunde Ernährung, denn das Thema industrielle Tierhaltung oder gar Tierethik und dieser ganze regionale Wumms scheinen dem Autor nur so semi besprechenswert. Für ihn sind „Vegetarische und vegane Ernährung […] Moden, die mehr der Profilierung der Persönlichkeit als der Gesundheit dienen. Wer aber aus dem ethischen Motiv „Ich will nicht, dass für mich ein Tier stirbt“ auf Fleisch verzichtet, hat einen guten Grund.“

Ich danke dem Autor, Uwe Knop, einem Diplom-Ökotrophologen, für diese Erkenntnis und vor allem die Wertung. Danke Uwe.

Ich könnte vermutlich die ellenlangen Ausführungen darüber, was man im Grunde über gesunde Ernährung alles nicht weiß bzw. nur zu wissen meint, links liegen lassen und selbst auch noch die hauchfeine Beleidigung über Motive und Hintergründe von Vegetariern – was mir jedoch am Ende wirklich übel aufstößt, ist Uwes Fazit, das ich in seiner vollen Länge und Pracht und Weisheit  zitieren möchte:

„Wo also liegt die „gesunde Alternative“ zur vermeintlich schlechten Ernährung? Wo soll man suchen, wenn nicht in der Wissenschaft? Nichts leichter als das, antwortete der gesunde Menschenverstand: Vertrauen Sie Ihrem Körper. Nur der weiß, welches Essen für Sie gesund ist, sonst niemand. Die Alternative zum Essen nach Regeln und pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen lautet: Essen Sie nur dann, wenn Sie echten Hunger haben, und zwar nur das, worauf Sie Lust verspüren, was Ihnen schmeckt und gut bekommt.

Schöner Nebeneffekt: Sie können sicher sein, dass Ihnen Ihr Körper keine falschen Studienergebnisse unterjubelt, Ihnen etwas verkaufen oder Sie für dumm verkaufen will. In diesem Sinne: Schluss mit dem Tellerterror und guten Appetit!“

Aha.

So so.

Also Uwe, voll schön für dich, dass du Ökotrophologe bist und dein Körper so super schlau, aber du hast einen kleinen Denkfehler gemacht, hast eine Kleinigkeit in deinen Ausführungen übersehen.

Diese Kleinigkeit ist 80kg schwer und krümmelt gerade Toffifee in die Tastaturzwischenräumen, während sie das tippt.

Denn, lieber Uwe, du gehst davon aus, dass die Körper aller anderen Menschen genauso schlau sind wie du und dein Körper, und sie eben nur auf genau diesen hören müssen und alles ist tutti.

Nur.. mein Körper ist ein verfressenes, von der westlichen Konsumgesellschaft verdorbenes Arschloch.

Er teilt mir nie, aber auch wirklich nie mit, wann ich was trinken soll, was seit Jahren dazu führt, dass ich manchmal am Tag nur 200ml Flüssigkeit zu mir nehme und natürlich immer wieder an extremen Kopfschmerzen leide. Lernen mein Körper oder ich daraus? Ha ha ha. Natürlich nicht.

Mein Körper liebt Nutella und Leberwurst und Kekse und Unmengen an Mozarella und schafft es ohne große Mühen wochenlang so überhaupt keine Lust auf Obst oder Gemüse zu haben, es sei denn eben diese werden lebendig unter einem Berg Vanillevla oder Käse begraben. Dich als Ökotrophologen dürfte es daher nicht verwundern, dass ich seit einer gefühlten Ewigkeit einen adretten Eisenmangel und inzwischen einen noch adretteren Vitaminmangel mein eigen nenne.

Mein Körper weiß so gar nicht, was für mich gesund und gut ist und falls er es weiß, hat er null Bock danach zu leben oder es mir durch irgendwelche Signale auch nur ansatzweise mitzuteilen.

Mein Körper ist ein Arschloch. Und das Einzige, was mich daran hindert, noch schneller als ohnehin zu verfetten und im 21. Jahrhundert eine prächtige Anämie samt weiterer Hypovitaminosen zu entwickeln, ist eine kleine App, die mich regelmäßig daran erinnert, dass ich was trinken muss und die Faustregel, dass ich mindestens einmal am Tag etwas essen muss, was in irgendeiner Form geerntet wurde und eben nicht geschlachtet oder gemolken oder ähnliches.

Ich darf meinem Körper nicht vertrauen. Er ist ein verfressenes Miststück, das mich ständig in Bezug auf Hunger und Lust zu überlisten versucht.

Warum ist das wohl so, lieber Uwe? Vielleicht magst du darüber ja auch mal was schreiben. Ich habe nämlich das dumpfe Gefühl, ich bin nicht die Einzige…

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