Claudia H., 34, Lauftalent

„Mir geht nicht mehr aus dem Kopf, was du gesagt hast.“ schreibt sie und ich fühle mich ein bisschen seltsam, als ich das lese. Das Thema war mal wieder mein Essverhalten, um nicht zu sagen: meine Superkraft, alles, was vorrangig aus Kohlenhydraten, Zucker & Co. besteht, einfach wegzuinhalieren.

Und meine Abneigung gegen Sport im Allgemeinen oder das Schwitzen als Tätigkeit im Speziellen. Und damit verbunden natürlich meine ausufernde Körperfülle, die sich wie Hitlers Expansionsdrang in alle Himmelsrichtungen gnadenlos und unaufhaltsam auszubreiten ließ.

Nichts Neues also. Für mich zumindest. Und mein näheres Umfeld. Und mein weiteres Umfeld. Quasi jeder, der die Naivität besaß zu fragen und dann nicht schnell genug weglaufen konnte. Was relativ einfach ginge, da ich ja bekanntlich nicht hinterher laufen würde.

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Ping!

Ping macht es. Und dann direkt noch einmal. Ping. Das scheiss Ding steht gar nicht mehr still, murmle ich halblaut, während ich auf das Display starre. Endgeräte, stöhne ich und ziehe in der Bahn mal wieder irritierte Blicke auf mich. Wahrscheinlich halten sie mich für einen Apple-Vollproll, wie ich da ständig zwischen iPad und iPhone hin und herwechsel, auf dem einen gerade noch tippe und zeitgleich zu dem pingenden anderen greife. Der Mann schickt mir via Email einen YouTube-Link; später werde ich versuchen, anhand des Tonfalls seines „Na, hast du dir das Video angeguckt?“, mit „Ja. Voll lustig.“ oder „Ja. Voll schön.“ die richtige Antwort zu finden. Ein gewagtes Spiel, einmal war es am Ende ein Video über alte, tote Leute, was offenbar weder lustig, noch schön ist und ihn bis heute an meinen zwischenmenschlichen Fähigkeiten zweifeln lässt.

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Bei WhatsApp fragt die Chefin, ob ich ihren Zettel gelesen und verstanden hätte. Zeitgleich schickt sie an die dazugehörige WhatsApp-Gruppe den Dienstplan für Oktober. Ping. Ping.

Ich rufe mein Email-Postfach ab, wo ich 27 Benachrichtigungen von ello.co habe, weil sich jetzt offenbar die Invites dafür vermehren, wie andernorts nur die Ebolaviren. Zuhause erstmal die Benachrichtigungen deaktivieren, denke ich noch, bevor mir irgendjemand zeitgleich auf Facebook und Twitter die exakt gleiche Nachricht schickt. Ping. Ping.

Zuhause angekommen, bimmelt das Telefon, das alte, zwar nicht mit Wählscheibe, aber deswegen nicht minder altertümlich, ohne Unterlass. Parallel auf Skype mit der Schwester und auf Threema mit der besten Freundin chatten. Ping. Ping. Klingeling!! Ping.

Und zwischendurch das Gefühl bekommen, hier stimmt etwas nicht. Und dieses Gefühl wird mehr und mehr von dem Gefühl, dass das, was hier nicht stimmt, von einem selbst verschuldet wurde, überlagert, überwuchert. Wie Moos. Bis die Gewissheit, dass man sich selbst, irgendwann in dunklen Äonen vergangener Zeiten, zu diesem ganzen Mist entschlossen hat, unleugbar wird.

2007 ging ich zu StudiVZ, nur um in Israel deswegen ausgelacht zu werden und Facebook gezeigt zu bekommen. 2008 fing ich an zu bloggen und zu twittern. 2009 folgte das erste immer bereite und immer willige Endgerät, das mich wie eine 24/7-Hure über alles und jeden ständig auf dem Laufenden hält. Wer hat was gegessen, wer hat wen getroffen, wer hat welchen Film gesehen, wer hat wann, wo, wie laut gefurzt. Ich dauernd fern von zuhause, die Freunde fern von mir, egal, wo ich war – Welch ein Segen war doch das Internet! Dank Facebook weiß ich, was meine kanadische Freundin, die ich in Israel kennenlernte, in Mexiko so treibt. Dank Twitter weiß ich, wer mit wem schläft und mit wem ich besser nie geschlafen hätte. Dank WhatsApp weiß ich, was meine Cousine in Edinburgh in dieser oder jener Erziehungsfrage machen würde. Dank Instagram weiß ich, was meine kleine Schwester in der Schweiz an ihrem freien Tag für Blödsinn macht.

Ständig vernetzt. Ständig erreichbar. Ständig Ping.

Und ich weiß, irgendwas habe ich falsch gemacht. Irgendwo zwischendurch habe ich die Kontrolle verloren, sie abgegeben, reagiere nur noch, komme nicht mehr zur Ruhe, schalte nicht mehr ab, weil ich die Geräte nicht mehr ausschalte. Immer auf Standby.

Und ich weiß genauso gut, dass es an mir liegt. Dass nur ich entscheiden kann, offline zu gehen. Nicht komplett, das habe ich weder jetzt, noch jemals vor. Aber es zu reduzieren, so weit wie nur irgendmöglich. Accounts stilllegen, Apps löschen, vermeintlich wichtige „Projekte“ beenden, Benachrichtigungen ausschalten – und vor allem abends komplett auszuschalten.

Einfach mal offline gehen. Einfach mal kein Ping hören. Einfach mal in die Stille lauschen. Das wär‘ doch schön.