RELOADED | Der Tag, an dem der Schlüppi starb

Ich starre auf dieses dunkle Loch, das sich Waschmaschine schimpft. Wieso kann ich nicht etwas weniger neurotisch sein? Nur ein kleines bisschen. Bei dem Gedanken, meine Wäsche mit der der Vermieterin zusammen zu waschen (in einer Maschine, die ich vorher nicht desinfiziert habe!), kräuseln sich mir die Magenwände und ich überlege kurz, meine dreckige Wäsche wegzuschmeißen und einfach immer neue zu kaufen.

Wäsche ist hier in Jerusalem auch nicht so wahnsinnig teuer, denke ich. Jaha, aber scheiße schaut sie aus, widerspreche ich mir direkt, wenn du rumlaufen willst wie im tiefsten Rumänien, dann kauf halt hier deine Klamotten! Ich nicke zustimmend, denn ich habe meistens Recht.

Also entschließe ich mich schweren Herzens, meine Anziehsachen mit dem, was die Vermieterin als Anziehsachen bezeichnet, zusammen zu waschen. Meine Vermieterin ist Mitte/Ende Fünfzig, vielleicht auch Ende Zwanzig, so genau kann man das bei bestimmten Frauen nicht sagen, sie ist Protestantin und hat Pädagogik studiert, ihrem jugendlichen Flair zufolge offenbar irgendwann im 17. Jahrhundert. All meine schlimmsten Befürchtungen inklusive der schlimmsten Klischees treffen hier in einer einzigen Person auf einander – und sorgen so immer wieder für irritierende Momente.

Sie wäscht nur bunt und weiß (wobei ihre „weißen“ Unterhosen seit zwei Tagen im Bad in einem Eimer mit ehemals kochendem Wasser vor sich hindümpeln und mir beim Anblick stets das Bedürfnis entlocken, mich ein wenig zu übergeben).

Ob ich meine schwarze Unterwäsche denn mit in die Maschine tun dürfte, frage ich. Sie schaut mich mit leeren Kuhaugen an: „Du hast schwarze Unterwäsche?“ Ich überlege zu antworten: „Ja, sowas tragen wir atheistischen Huren alle.“ belasse es dann aber bei einem Kopfnicken. Ich darf meine satanischen Schlüpfer neben ihre gehäkelten Pullover in die Waschmaschine legen.

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Erinnerungen, die glücklich machen

Letztes Wochenende fand ich beim Ausmisten zwei Ordner mit Unterlagen aus Studienzeiten. Genau gesagt, meine Hebräisch-Unterlagen. Jetzt müssen Sie wissen, dass ich Hebräisch für eine der schönsten Sprachen der Welt halte. Neben Yiddish natürlich.

Mein Hebräisch ist inzwischen unfassbar schlecht, um nicht zu sagen: nicht existent. Aber als ich durch die Ordner blätterte und dem Antichristen, der mich mit fragendem, an meinen Geisteszustand zweifelndem Blick ansah, ihm daraus vorlas, mich kichernd an dem Klang der Sprache berauschte, verschaffte mir das für kurze Zeit beinahe ein Gefühl von Glück.

Es machte mich etwa genauso glücklich wie der Umstand, dass der Edeka bei uns gegenüber seit wenigen Monaten sein Sortiment erweitert hat und es nun ein halbes Regal voller Lebensmittel aus Israel gibt.

Der gefilte Fisch im Glas sieht zum Kotzen aus und wenn ich nur an den fettigen Geschmack der Bambas auf meiner Zunge denke, möchte ich spucken – aber jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, suche ich dieses Regal auf, prüfe nach, ob sie das Sortiment erweitert oder verändert haben und versuche – den Zeigefinger dabei wie ein Erstklässler langsam von rechts nach links bewegend –, die Wörter auf den Verpackungen zu lesen.

Nur um bei jedem Wort, das ich übersetzen kann, mich – berauscht an meinen eigenen, übermenschlichen Fähigkeiten – stolz umzublicken. Fehlt nur noch, dass ich dabei auf meine Brust trommle …

Ich kaufe dort nie etwas. Und eigentlich müsste ich die Ordner wegschmeissen. Schließlich bin ich Freizeit-Minimalist. Und weiß, ich werde mich nie wieder hinsetzen und Vokabeln pauken. Ich habe auch kein Verlangen, noch einmal nach Israel zu reisen, und wüsste keine Situation, in der mir ansonsten fließendes Hebräisch hilfreich sein sollte. Es gibt keinen rationalen Grund, diese Ordner zu behalten.

Scheiß doch auf rationale Gründe

Denn jedes Mal, wenn ich diese Ordner durchblättere, ihre Seiten beunruhigend zärtlich befingere und mich ergötze an diesen schwungvollen Buchstaben, an diesem Mischmasch aus althebräischen, yiddishen, romanischen und slawischen Wörtern, entsteht vor meinem geistigen Auge erneut eine Phase meines Lebens, die eigentlich unwiderruflich vorbei ist.

Eine, in der ich wagemutig war. In der ich gereist bin. In der ich unfassbar glücklich und unbeschreiblich unglücklich war.

Ich erinnere mich an meine erste Nacht in Tel Aviv und das eklige Hotel dort. Ich erinnere mich an Orah, meine Hebräisch-Lehrerin an der Uni in Be’er Sheva. An Steffi. Katharina. Felix. An viele, deren Namen ich vergessen habe. An meinen ersten Joint und die Enttäuschung darüber, dass jede Wirkung ausblieb.

Ich erinnere mich an Nachtwanderungen durch die Wüste Negev. An Blasen an den Füßen. An die viel zu späte und brennende Erkenntnis, dass man mit offenen Wunden nicht im Toten Meer baden sollte. Und dass es unmöglich ist, halbwegs sexy auszusehen, wenn man wie eine angeschossene Seekuh in ebendiesen Meer vor sich hintreibt.

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