RELOADED | Der Tag, an dem der Schlüppi starb

Ich starre auf dieses dunkle Loch, das sich Waschmaschine schimpft. Wieso kann ich nicht etwas weniger neurotisch sein? Nur ein kleines bisschen. Bei dem Gedanken, meine Wäsche mit der der Vermieterin zusammen zu waschen (in einer Maschine, die ich vorher nicht desinfiziert habe!), kräuseln sich mir die Magenwände und ich überlege kurz, meine dreckige Wäsche wegzuschmeißen und einfach immer neue zu kaufen.

Wäsche ist hier in Jerusalem auch nicht so wahnsinnig teuer, denke ich. Jaha, aber scheiße schaut sie aus, widerspreche ich mir direkt, wenn du rumlaufen willst wie im tiefsten Rumänien, dann kauf halt hier deine Klamotten! Ich nicke zustimmend, denn ich habe meistens Recht.

Also entschließe ich mich schweren Herzens, meine Anziehsachen mit dem, was die Vermieterin als Anziehsachen bezeichnet, zusammen zu waschen. Meine Vermieterin ist Mitte/Ende Fünfzig, vielleicht auch Ende Zwanzig, so genau kann man das bei bestimmten Frauen nicht sagen, sie ist Protestantin und hat Pädagogik studiert, ihrem jugendlichen Flair zufolge offenbar irgendwann im 17. Jahrhundert. All meine schlimmsten Befürchtungen inklusive der schlimmsten Klischees treffen hier in einer einzigen Person auf einander – und sorgen so immer wieder für irritierende Momente.

Sie wäscht nur bunt und weiß (wobei ihre „weißen“ Unterhosen seit zwei Tagen im Bad in einem Eimer mit ehemals kochendem Wasser vor sich hindümpeln und mir beim Anblick stets das Bedürfnis entlocken, mich ein wenig zu übergeben).

Ob ich meine schwarze Unterwäsche denn mit in die Maschine tun dürfte, frage ich. Sie schaut mich mit leeren Kuhaugen an: „Du hast schwarze Unterwäsche?“ Ich überlege zu antworten: „Ja, sowas tragen wir atheistischen Huren alle.“ belasse es dann aber bei einem Kopfnicken. Ich darf meine satanischen Schlüpfer neben ihre gehäkelten Pullover in die Waschmaschine legen.

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RELOADED | Machete gesucht. Biete Vermieterin mit Katze

„Die Miezi ist krank.“ sagt sie zur Begrüßung. Nicht „Hallo.“ oder „Guten Abend.“, so wie es gut gesittete Menschen normalerweise machen. Sie sagt einfach nur „Die Miezi ist krank.“ und zeigt dabei auf das rotgestreifte Säugetier zu meinen Füßen.

(Das rotgestreifte Säugetier auf dem verseuchten Sofa)

„Aha.“ sage ich und nicke, einfach weil ich nicht weiß, welche Emotion man angesichts einer solchen Nachricht am besten vortäuschen sollte. Vielleicht ist es angebracht sich die Hände an die Wangen zu schlagen und laut „Oh. Gott. Nein.“ zu rufen. Vielleicht sollte ich sie zum katzenhaarversuchten Sofa geleiten und ihr einen Stimmungstee machen. Ich weiß es nicht, also verharre ich in Schweigen.

„Sie hat sich übergeben.“ fährt sie unbeirrt fort und ich nicke wieder, nun starr vor Angst noch mehr Einzelheiten anhören oder das Erbrochene angucken zu müssen. Das kranke Tier miauzt währenddessen laut, gleich so, als wolle sie das alles auch nicht so genau wissen. Ich ringe mich zu einem „Na, du kennst ja sicher einen guten Tierarzt in Jerusalem.“ durch. Eigentlich eher eine rhetorische Frage, denn so ein Flohmagnet muss mindestens einmal im Jahr zum Spritzensetzer. Ich weiß das, ich hatte in Deutschland selbst so eine Kotztüte auf vier Pfoten.

„Ne.“ sagt sie, der Blick auf der Bakterienschleuder haftend, und sie erläutert mir, dass Miezi ja ’ne ganz wilde Straßenkatze sei, einmal wäre sie beim Tierarzt gewesen, ein Drama wäre das gewesen, die Königin der Savanne hätte dadurch wohl ein Trauma erlitten.

Ich beginne zu bereuen, mein Zimmer verlassen zu haben, um auf Toilette zu gehen, und ich frage mich, ob es wohl schwer ist, sich so einen Blasenkatheter zu legen, so für die Zukunft.

Also kein Tierarzt. Also auch keine jährlichen Impfungen gegen Krankheiten. Und sicher dann auch nicht der monatliche Zecken- und Flohschutz. Meine Hände beginnen zu jucken und ich überschlage schnell im Kopf, wie oft ich den pelzigen Ungezieferspender in den letzten Wochen angefasst habe.

Zu oft lautet die mathematisch korrekte Antwort.

Inzwischen ist sie ans Katzenklo herangetreten, eine offene Plastikwanne, in der unsereins Legosteine aus Kindertagen aufbewahrt, hier jedoch wird sie nur zur Produktion und Lagerung von Tierexkrementen herangezogen. (Und praktischerweise direkt vor meiner Zimmertür platziert.)

Sie beugt sich herüber und diagnostiziert mit dem Scharfsinn eines geistig behinderten Sherlock Holmes Durchfall. Die Wanne ist mehr oder weniger vollgeschissen und ich bin schon ein wenig verwundert, dass sie noch in der Lage ist da Differenzierungen vorzunehmen.

Ich überlege kurz, ob ich aus reinem Ekel heraus nun Herpes bekommen sollte, entscheide mich dagegen, steige über sie und die Kackwanne und verabschiede mich. Doch mein „Gute Nacht.“ wird ignoriert, stattdessen höre ich sie murmeln „Eindeutig Durchfall.“
Ich warte noch kurz, ob sie das nur rein anhand der Optik entscheidet, oder ob sie vielleicht noch den Geschmacks- oder Tastsinn hinzuziehen mag und schließe dann meine Tür.

Und wie so oft in den letzten Wochen denke ich: „Wo ist eigentlich die Machete, wenn man sie mal braucht?


(Der Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form ursprünglich am 09.12.2009. auf meinem ersten Blog.)