2015 | Woche 2

Am Montag Morgen direkt mit dem noch semi-kranken Kind zum Arzt. Ohne Termin. Auch eine Art seinem Selbsthass Ausdruck zu verleihen. Aber man braucht heutzutage einen Wisch, mit dem man belegen kann, dass das Kind mit seiner laufenden Nase durch’s bloße Atmen nicht alle anderen Kindern töten könnte. So wird der natürlichen Selektion zwar ein übles Schnippchen geschlagen, aber so läuft’s nun mal.
Anschließend schnell zur Kita, den Antichristen mit Schwung durch die halb-geöffnete Tür wie eine überreife Mango mit den Worten „Viel Spaß mit ihm!“ reinwerfen und den matten Körper auf direktem Wege zum HNO schleifen. Der will einen direkt krankschreiben, der superresistente Keim ist wieder da. Juhu.

Dienstag verschwimmt in einem Delirium und ich erinnere mich nur vage an die aussichtslose Schlacht meinen Körperflüssigkeiten auch nur ansatzweise Herr zu werden.

Der nächste Tag verläuft ähnlich erquicklich. Zumindest nachmittags amüsantes Gespräch mit Herrn Nickel, der Mann mit dem wohl trockensten Humor, wo gibt. Stelle immer wieder fest, wie angenehm es ist, Menschen zu kennen, die keine Kinder haben, mit denen man nicht ausschließlich über Stuhlfarben redet und die einem stattdessen von wilden Sauftagen in Dänemark berichten.

Am Donnerstag zum Orthopäden. Die Arthritis im Fuß ist immer noch da. Ich sieche vor mich hin. Fange offenbar an langsam zu verwesen. Verständlich. Ich werde dieses Jahr 33.

Ich erfahre am Freitag telefonisch, dass ich einen Vitamin-D-Mangel habe. Mir völlig unverständlich, denke ich, während ich ein neues Nutella-Glas köpfe. Seit geraumer Zeit sammle ich Mangelerscheinungen, wie andere Menschen Happy Hippos aus den Überraschungseiern. (Natürlich die aus den derbe maskulinen für Jungs!)
Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich Skorbut oder ähnliches kriege. Skorbut. Das haben immer die Seeleute bekommen, weil sie nur Zwieback aßen. Kann mir nicht passieren – denke ich, während ich zärtlich das Nutella auf den Zwieback streiche.

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Am Samstag beschleicht uns der furchtbare Verdacht, dass wir den Mann angesteckt haben. Also mich beschleicht der Verdacht. Der Antichrist ist bezüglich seiner lebenauslöschenden Dauerinfektionen gleichmütig wie Buddha.
Es ist unleugbar: Der Mann kränkelt. Für den Fall, dass ich das nicht mitbekommen habe, sagt er es alle dreißig Minuten. Und um es zu beweisen, versucht er mit dem rektalen Fieberthermometer des Kindes unter dem Arm Fieber zu messen. Klappt so semi. 34,7°C. Offenbar ist er schon tot und die Leiche kühlt nun aus. Mein Vorschlag seine Lebertemperatur zu messen kommt nicht so gut an. Tja. Tote haben selten Humor.
Abends mit weltältester Freundin drei Stunden telefoniert. Primär über Kinder, Omega-3-Fettsäuren und Darmaktivitäten. Man ist offiziell erwachsen, wenn man froh ist, Freunde zu haben, die über das Gesprächsstadium „Pupsen. Hi hi hi.“ hinauskommen und mit denen man ausgiebig über Schließmuskel, Hämorrhoiden und Darmrohr fachsimpeln kann. Erwachsen und super alt.
Als nächstes unterhalte ich mich sicher im Bus mit Fremden über nässenden Ausschlag und warum für mich ein Leben ohne Tena Lady nicht mehr vorstellbar ist. Das wird schön.

Sonntag. Der Mann stirbt. Er atmet so schwerfällig und leidend, dass selbst Patienten mit Lungenemphysem ganz blass vor Neid würden. Wären sie es aufgrund des Sauerstoffmangels nicht ohnehin schon.
Außerdem stöhnt er bei jeder, wirklich jeder!, Bewegung, da er an Schmerzen leidet, die sich kein Mensch vorstellen kann. Eine Frau ohnehin nicht.
Egal, was der Mann hat: Falls er tatsächlich daran sterben sollte, geht es eindeutig nicht schnell genug.

Anders geplant

Ich sollte mehr Alkohol trinken, denke ich, als ich auf die halbleere Flasche Wasser zu meiner Rechten blicke. Kreative trinken Alkohol. Viel Alkohol. Oder konsumieren andere Drogen. Alle. Zumindest die kaputten und das sind in der Regel die besten. Aber um mehr Alkohol trinken zu können, müsste ich erstmal überhaupt welchen trinken. Vielleicht müsste ich auch erstmal wieder überhaupt kreativ sein, um mich als Kreativer bezeichnen zu können, um dann trinken zu können. Oder kommt erst das Trinken und dann das andere? Ich habe den Überblick verloren. Über mich. Über das, was ich bin, was ich sein möchte, was ich machen möchte, wohin ich möchte.

Ehe man sich versieht, ist man mit dem Studium fertig, hat ein fast zweijähriges Kind, geht vor Mitternacht ins Bett und kriegt, sobald man einen Cocktail auch nur anguckt, schon einen schweren Kopf. Die großen Lautsprecherboxen, die den Fußboden zum Vibrieren brachten, sind in der Abstellkammer, statt Nutella pur isst man jetzt Roggenvollkornbrot mit Bio-Frischkäse, fönt sich die Haare, bevor man aus dem Haus geht und ist auch ansonsten ekelerregend vernünftig und erwachsen. Kurz mal nicht aufgepasst und plötzlich dreht sich der Tag darum, ob man heute besser Kochwäsche oder doch 30°C bunte Wäsche in die Maschine schmeisst und wann man zwischen Arbeit, Supermarkt und Kita-Termin noch die Katze zum Tierarzt bringt.

Die Träume, die wilden, und die Fantastereien sind abhanden gekommen wie ein Schlüsselbund in der Damenhandtasche. Man weiß, gerade waren sie noch da, neben einem, um einen herum, und von einer Sekunde auf die anderen kann man sie nicht mehr finden.

Kein nächtliches Durcharbeiten mehr, solange bis die Fingerkuppen bluten, bis der Kopf leer ist. Kein Feiern mehr bis morgens um vier, kein Döner mehr zum Frühstück auf dem Nachhauseweg. Kein Ausschlafen mehr bis zwei, drei oder fünf Uhr an den Wochenenden. Oder mitten in der Woche. Egal.

Nur sich selbst gegenüber verantwortlich sein. Nur seinen Träumen, seinen Talenten, seinen Wünschen.

01

Der Drang sich selbst verwirklichen zu wollen, ein bestimmtes Selbst von sich schaffen zu wollen, verblasste im Laufe der Zeit, unmerklich, wurde stumpf, wie ein altes Küchenmesser, das man vernachlässigt und nicht regelmäßig schärft.

Wie und wann genau weiß niemand. Und dann steht man da bzw. in meinem Fall sitzt man da, mit Calcium angereichertem, stillem Wasser, hört um kurz nach 21h Musik über Kopfhörer – wegen der Nachbarn – und entscheidet anhand des Fernsehprogramms, ob man um zehn oder doch erst [sic!] um elf ins Bett geht.

Irgendwie war das doch mal anders geplant.