Aha. Okay.

Ich bin von jeher nie jemand gewesen, der übermäßig häufig oder gar mit sonderlicher Vorfreude zum Friseur geht. Ich empfinde Frisuren an sich als vergleichsweise anstrengend und da es meinen darwinistischen Idealen widerspricht meinen Haaren eine Farbe oder Form aufzudrängen, die nicht ihrer Natur entspricht, wuchert alles auf meinem Kopf fröhlich vor sich hin.
Dass ich in der Vergangenheit alle Rottöne, alle Kurzhaarfrisuren und ja, selbst eine Dauerwelle hatte, ignorieren wir an dieser Stelle und bleiben trotzig bei der Variante mit Darwinismus-Natur-und-Wuchern –  Ich gehe also nur etwa einmal im Jahr zum Friseur, um mir die Spitzen zu schneiden.

So weit, so unspannend.

Da ich zu allem Überdruss im Bereich Dienstleistung geizig wie die Nacht bin und es mir nicht so ganz in den Sinn kommen mag, warum ich für’s Haare nass machen, Spitzen schneiden und Fön halten gerne mal 50 Ocken zahlen soll, ist mir dieses 1x im Jahr im Grunde auch schon zuviel.

Als ich daher sah, dass bei uns um die Ecke ein Billig-Friseur seine Tore öffnete – quasi ein Fast-Food-Friseur, nur eben ohne Food, aber auch ohne Terminvergabe und dafür mit Spottpreisen für die nicht mal chinesische Fabrikarbeiter morgens aufstehen und ihre Schuhkartonwohnung, die sie mit 12 anderen teilen, verlassen würden – schlug mein geiziges Herzchen gleich höher.

Aber kommen Sie doch. Begleiten Sie mich zum Friseur. Werfen Sie mit mir einen Blick in den tiefen, tiefen Abgrund der deutschen Dienstleistungsbranche.

Claudia geht zum Friseur. Oder auch: Aha. Okay.

Kein Termin auf den man drei Wochen warten muss, sondern Bämm! direkt drankommen. Klingt geil. Da freut sich das Kundenherz. Zumindest theoretisch. Praktisch heisst das – zumindest in meinem Fall – neben einem stark übergewichten jungen Mann zu sitzen, dessen rückflächigen Schweißflecken vermuten lassen, dass er kurz zuvor noch in einer Sauna saß. Mit Parker. Und Skiunterwäsche. Warten ist nicht geil. Warten neben stark schwitzenden Männern, die dieses typisch nussige Aroma, das immer ein wenig nach feuchtem Golden Retriever riecht, ausdünsten, ist so überhaupt nicht geil.

Als ich endlich drankomme, werden mir als erstes die Haare mit kaltem Wasser gewaschen. Aha, okay. Denke ich.
Das, was wohl eine Art Kopfmassage darstellen soll, aber nur mit mäßigen Feingefühl Anwendung findet und eher an einen stark unbegnadeten Pantominen erinnert, der so tut, als würde er mit ausladenden Gesten ein Gehirn sezieren, dauert so unfassbar lange, dass ich irgendwann kurz davor bin “Is’ gut jetzt. Sie können nun das Shampoo rausspülen!” zu sagen.
Natürlich hält der Mensch dabei den Wasserschlauch so ungünstig (Vielleicht wollte er mit dem Wasserstrahl ein plötzlich aufgetauchtes wildes Tier vertreiben?), dass das Wasser mir ins Gesicht läuft. Hallo nicht-wasserfeste Wimperntusche, möchtest du gerne das restliche Gesicht kennenlernen? Aha, okay. Denke ich.

Mein Friseur, ein Herr, 40+, genitalbetonende, enge Jeans und jugendliche Chucks tragend, mit Migrationshintergrund (ein wundervoll schwammiger Begriff, der letztlich nichts sagt, außer dass es vermutlich, aber auch nur vielleicht, kein Weißer ist und stattdessen von Chinese über Australier und Franzose alles sein kann), mit schwarzem, vollen Haar (okay, kein Australier), befestigt grob meinen Handtuchturban und führt mich zum Friseurstuhl.
Dort kämmt er – ohne vorherige Spülung – meine Matte mit der liebreizenden Zärtlichkeit eines Josef Stalins durch, so dass ich mir unter dem Umhang in die Hand kneife, um nicht laut zu fluchen oder reflexartig zuzuschlagen.

Dann schneidet er. Schnipp. Schnapp. Schnipp. Schnapp. Fertig. Aha, okay. Denke ich. Bei ungefähr 37kg Kopfwolle. Schnipp. Schnapp. Fertig.
Anschließend drückt er mir den Fön ins Händchen – offenbar wird überhaupt nicht angenommen, dass Kundschaft, die einen solchen Laden betritt, auch gerne gefönt werden wird – und nuschelt „Wenn trocken, guck ich nochma.” Aha. Okay. Denke ich.

Ich föne. Gefühlte drei Stunden lang. Während er sehr beschäftigt ist mit Nichtstun und sich selbstverliebt durchs volle Haar fahren (Franzose!).
Dann soll ich aufstehen und er schneidet nach. Fertig. Mit dem EUR-3,00-Gutschein zur Ladeneröffnung macht das Ganze dann EUR 11,00, die ich in möglichst kleinen Münzen zahle. Als Trinkgeld gebe ich ein eiskaltes Lächeln.

Da ich beim Fönen keine Bürste oder ähnliche Utensilien zum Bändigen des Kopffelles bekam, sehe ich aus, als hätte eine sehr aggressive Taube versucht auf meinem Kopf ein Nest zu bauen. Und wäre danach elendig verreckt. Zusammen mit dem Nachwuchs.
Dass mein Kopf aberwitzig juckt – weil das Wasser ja primär dazu verwendet wurde, um mich abzuschminken und das Shampoo dementsprechend nicht richtig ausgewaschen wurde – ist letztlich nicht wirklich überraschend und nur die Krönung des Ausflugs in dieses Mordor der Friseur-Industrie.

Die Frage ist nun: Kann ich mich angesichts des lächerlichen Preises von EUR 14,00 überhaupt beschweren?

Die Antwort ist simpel: Nein.

Denn bei einem solchen Preis kann man nicht mehr erwarten. Nicht ernsthaft.

Wir können als Konsument und Kunde nicht nölend durch die Botanik laufen, “Ist mir zu teuer!” skandieren und uns dann wundern, wenn’s zwar billig, aber parallel auch scheisse wird.

Wenn 1 Liter Milch 59 Cent kostet,
wenn der Chicken Burger 1,99 EUR kostet,
wenn das T-Shirt 4,99 kostet,
wenn der Haarschnitt EUR 14,00 kostet,

dann nicht weil Bauer, Kuh, Huhn und thailändischer Leiharbeiter dich so furchtbar, furchtbar lieb haben. Sondern weil’s irgendwo Abstriche gab.
Bei der fairen Bezahlung und dem Stundenlohn, der Fütterung und Haltung der Tiere, der Einhaltung der Hygiene- oder Sicherheitsvorschriften oder sei es nur bei der Arbeitsfreude eines Friseurs.

Meistens merken wir es nicht. Können es hübsch verdrängen. Weil wir am Ende der Konsumkette stehen. Weil die Milch von unglücklichen Kühen immer noch superduper schmeckt und das Fleisch des Antibiotikahühnchens, na ja, schmeckt auch. Irgendwie.

Aber wehe, WEHE!, der eigene Geiz, der eigene Unwille für Qualität, für ‘ne anständige Kopfmassage und ein stilles Wasser während des Wartens, mehr zu bezahlen als unbedingt “nötig”, kollidiert mit der wirtschaftlichen Realität!

Dann steht man da. Mit zersausten Haaren. Juckender Kopfhaut. Und ’ner Stimmung wie letzte Tage Führerbunker.

Ist die Friseurkette schuld?
Ist der lethargische, unambitionierte Friseur schuld?
Ist der Kunde schuld?

Egal. Nächste Woche gehe ich erstmal schön zum Friseur und lasse mir für EUR 50,00 eine orgasmusreife Kopfmassage geben, während ich Latte Macchiatto von antiobitischen Kühen schlürfe und dem Herrgott für den Kapitalismus danke.

Und nun entschuldigen Sie mich, ich muss mir dringend die Haare waschen.