Pinneberg

„Hast du Proviant eingepackt?“ Seine Stimme wirkt besorgt und die Frage durchaus ernst gemeint. „Wofür?“ frage ich irritiert „Ich dachte, die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde?“ „Ja,.. aber bei Pinneberg weiß man nie.“

Um ehrlich zu sein, habe ich die geradezu abgrundtiefe Verachtung des Hamburgers für den Pinneberger nie wirklich verstanden.

Diese Welle des latenten Hasses, die die hanseatischen Passanten und Autofahrer erfasst, wenn ein Auto mit dem Kennzeichen PI ihren Weg kreuzt. Das automatische Augenrollen, das genervte Schnauben, das belustigte Schmunzeln, sobald der Begriff Pinneberg auch nur fällt.

Was dem Berliner der Schwabe, das ist der Pinneberger dem Hamburger. Ein Übel, ein nicht mal notwendiges, sondern einfach nur ein Übel, das wie ein Furunkel am Arsch von Hamburg klebt und nicht wegzukriegen ist. Dabei macht der Pinneberger, wildert er denn einmal im Hamburger Revier, auf den ersten Eindruck keineswegs einen schlechten.

Er sieht normal aus und fährt meistens ein schönes Auto, nicht unbedingt die Klasse, die der Eppendorfer fährt, aber eben ein solches Auto, das man sich leisten kann, wenn man nun mal keine Miete in Hamburg zahlen muss. Vielleicht ist es aber auch genau das, was der Hamburger ihm übel nimmt: Der Pinneberger will Hamburger sein, will aber nicht dort wohnen, bzw. den Preis dafür zahlen.

Stattdessen fährt er dann mit bemerkenswerter Langsamkeit und Unentschlossenheit durch die Hamburger Straßen, dass man meinen könnte, die Reifen hätten zum ersten Mal den Parkplatz, auf den der Fahrer vor offenbar erst zehn Minuten das Fahren erlernte, verlassen.

Würde der Hamburger es für zwei Minuten unterlassen den Pinneberger in Grund und Boden und am liebsten direkt in die Hölle zu hupen, könnte er vermutlich hören, wie der Fahrer leise „Oh, was ist das? Asphalt…. Huch. Wo kommen denn die ganzen Autos her? So viele Autos, so viele.. Warum gucken die anderen denn alle so grimmig?.. Hui, der überholt aber schnell – oh, ein Eichhörnchen!“ haucht.

Doch es muss mehr sein, als nur das an motorische Behinderung grenzende Fahrverhalten des Pinnebergers, das ihn hier so unbeliebt macht.

Und seien wir ehrlich, wie schlimm kann dieser Ort und seine Bewohner schon sein, wenn der Mann doch vorgeschlagen hat, sich heute dort eine Wohnung anzusehen.

Zugegeben: Nicht ganz freiwillig. Dass der Hamburger Wohnungsmarkt bestenfalls heikel ist, ist kein Geheimnis. Menschen, die weniger als achtundzwölfzigtausend Euro im Monat verdienen, keine Organe mehr zum Verkauf haben und dabei auch noch gerne mehr als lediglich ein fünfzehn Quadratmeter großes Einzimmerappertement – mit Dusche in der Küche und Klo auf dem Gang – haben möchten, haben es mitunter schwer, etwas passendes zu finden.

Mit jedem Monat schwand unsere Hoffnung eine größere Wohnung zu finden ein wenig mehr.

Und so waren wir an diesem Vormittag auf dem Weg nach Pinneberg. Dem Mordor Schleswig-Holsteins.

Und mit jedem Meter, den uns unser 14 Jahre alter VW (etwas anderes können wir uns nicht leisten – wir wohnen in Hamburg) näher an die Stadt heranschiebt, scheint sich der Himmel mehr und mehr zu verdunkeln.

„Uh, das Wetter schlägt um.“ sage ich und blinzle nach draußen ins trübe Grau. „Nein.“ grunzt der Mann bitter „Wir sind nur gleich da.“

Wie Dementoren tauchen plötzlich die Häuser der Stadt auf: Unheilvoll werfen grau-beige Hochhäuser von fragwürdiger Ästhetik ihre Schatten über uns.

Schweigend fahren wir durch das architektonische Konglomerat an Brauntönen. Grau. Ocker. Beige. Schlammgrau. Taubenkotanthrazit. Wasserleichenaschgrau.

An jeder Kreuzung, an der wir abbiegen, stirbt meine Hoffnung, dass diese Straße vielleicht besser ist, dass sie nicht das visuelle Äquivalent zu Tod und Verderben sein wird. Doch nein. Mit derselben unerbittlichen Zuverlässigkeit, mit der hier alles Schöne und Gute zu Grabe getragen wird, ergeht es auch der Hoffnung.

Unvermittelt halten wir an.

Wir steigen aus.

Zwischen zwei „Häusern“ liegt ein Grundstück brach, ganz so als hätte man einfach vergessen dort etwas hinzubauen, auf dem dahinter steht ein bezauberndes Mehrfamilienhaus.

Der Makler, optisch ein Mischwesen aus Versicherungsvertreter, Staubsaugerbeutel und rasiertem Hamster, wartet bereits sehnsüchtig auf uns. Aus der Entfernung könnte man fast meinen, dass er „Frischfleisch“ mit seinen schmalen, blutleeren Lippen formt.

Die Banalität seiner Existenz, die Tristesse seines Alltags, seines gesamten Lebens fließt aus ihm heraus, er schwitzt es durch jede Pore, lässt es hernieder tropfen auf den nicht asphaltierten, baustellenartigen Boden, der die Ödnis in sich aufsagt, um sie an anderer Stelle wieder hervorzubringen und so diesen Schleier der allumfassenden Eintönigkeit über die gesamte Stadt zu legen.

Die Wohnung selbst ist zauberhaft.

Vier Zimmer.

100qm.

Bad mit großer Badewanne.

Balkon.

Ich stehe auf ebendiesem. Im Rücken die einzige Wohnung in sechs Monaten, die sowohl groß genug, als auch bezahlbar ist, zu meinen Füßen das Tschernobyl Westeuropas.

Man hat unvermittelt das Gefühl in eine Art Wurmloch geraten und irgendwo, weit, weit weg von Hamburg gelandet zu sein. Irgendwo, wo bis gerade noch Krieg herrschte.

Will ich wirklich Tag für Tag diesen Ausblick? Was bringt einem die schönste Wohnung, das gemütlichste Heim, wenn man sie nie traut, aus dem Fenster zu sehen, aus Furcht spontan zu erblinden oder sich reflexartig die Augäpfel herauszureißen?

Andererseits: Vielleicht gewöhnt man sich ja dran.

So wie Veganer mit der Zeit einfach vergessen, wie richtiges Fleisch schmeckt und völlig aus dem Häuschen sind, wenn sie ekstatisch vor ihrer Tofu-Bolognese hocken.

Vielleicht ist es mit Pinneberg genauso. Vielleicht ist Pinneberg wie Tofu und irgendwann findet man es gut hier. Man muss halt nur lange genug durchhalten und versuchen sich in der Zwischenzeit nicht umzubringen.

Gut, man dürfte halt auch nie wieder nach Hamburg rein. Oder grundsätzlich in eine Gegend, die schöner ist. Man dürfte dann halt nur noch nach Brandenburg. Oder nach Hannover.

„Und, was denkst du?“ Der Mann steht neben mir auf dem Balkon und lässt den Blick über die Nachkriegsruinen schweifen. „Ich möchte nicht den Rest meines Lebens Urlaub in Hannover machen müssen.“ flüstere ich verzweifelt. Ich bin nicht sicher, ob oder wie viel er davon verstand, aber er verstand zweifelsohne genug.

Wir bedanken uns bei dem Staubsaugerbeutelhamstermakler, gehen schnellen Schrittes zum Auto und verriegeln, von der Angst getrieben man könnte uns gegen unseren Willen hier festhalten, die Türen.

Erst als der Wagen die Grenzen der Stadt überquert hat und die Sonne wieder vorsichtig durch die fukushimahafte Wolkendecke Pinnebergs lugt, wagen wir wieder zu atmen.

Jean-Paul Sartre hat einmal geschrieben „Die Hölle – das sind die anderen“. Er lag falsch.

Aber er war ja auch nie in Pinneberg.


(Diesen Beitrag habe ich im Rahmen der Hamburg-Lesung WortImPort im Juli 2015 im Club 20457 gelesen.)

2015 | Woche 7

Montag und Dienstag, wie stets, fleißig wie ein adipöses Bienchen gearbeitet, um genug schnöden Mammon zu verdienen und dem Mann im März zu seinem Geburtstag was Hübsches kaufen zu können. Was genau weiß ich noch nicht, aber so einer Zehnerpack Socken kommt ja bekanntlich nie aus der Mode.

Mittwoch Nachmittag primär Anstandswauwau gespielt: Der Sohn wird offenbar für gesellschafts- und öffentlichkeitstauglich befunden und wurde zum Spielen eingeladen. Für mich bedeutet das vor allem meine eigentlich freien Nachmittage in den Wohnzimmer mir nicht näher bekannten Müttern zu verbringen und zwei Zweijährigen dabei zuzusehen, wie sie sich abwechselnd zum Heulen bringen, weil das Konzept von Teilen und Zusammen Spielen nur rudimentär verinnerlicht wurde und vorrangig eine Idee ist, die zwar, wie so viele Ideen, hübsch klingt, aber nur in der Theorie funktioniert. Nun ja. Zumindest gab es Kekse.

Donnerstag erneut arbeiten, da ich mir dachte, so ein Dreierpack frischer Schlüppis dürfte sich im noch zu befüllenden Geschenkkorb ebenfalls ganz gut machen.

Zeitgleich lasse ich langsam jede Hoffnung fahren, bis zur Lesung am Freitag noch etwas Neues zu Papier zu bringen. Nicht, dass das irgendjemand merken würde. Aber man fühlt sich immer etwas schmutzig, wenn man auf Lesungen alte Texte liest. Und zwar nicht auf die gute, angenehme Weise.
Am nächsten Tag dann vor nicht ausverkauftem Haus, bzw. Cafe, in Rahlstedt gelesen. @Pseudonymphe wurde während des gesamten Abends nicht müde darauf hinzuweisen, dass direkt nebenan ja ein Friedhof sei. Wie symbolisch dies nun für den Abend war, lassen wir an dieser Stelle besser mal offen. Denn wir hatten Spaß, das Publikum – also meine Mutter, ihre Bridge-Runde und ein Obdachloser, der dachte, es gäbe etwas umsonst – auch.

Anschließend schnell wieder zurück nach Hamburg in die Stadt, wo @Pseudonymphe und ich den restlichen Abend in der Sofabar verbrachten und in Tequila und Rotwein badeten. Wortwörtlich. RIP geliebte Strickjacke.

Zusammfassung des Abends: Les, les. Trink, trink. Verschütt. Trink, trink. Lach, lach. Flirti, flirti. Trink, trink. Vor allem die Teile zwei, vier und sieben haben uns sehr gut gefallen und schreien geradezu nach einer regelmäßigen Wiederholung.

Samstag vorrangig damit zugebracht, so zu tun, als wäre ich noch Zwanzig und hätte nicht das Gefühl, dass mein alternder, vor sich hinrottender Körper offenbar kaum noch Alkohol verträgt. Vermutlich verwechselte er den Tequila mit Formaldehyd und versuchte sich gegen das vermeintliche Einbalsamieren zu wehren.
Der Mann, in vorauseilender Dankbarkeit seiner geilen Geburtstagsgeschenke, schenkte mir zum Valentinstag eine gefühlt 2m lange Rose, die fast schon als Baum durchgeht, und Schokolade. Da ich im Besitz von Brüsten bin, kam ich auch dieses Jahr drumrum ihm etwas zum Valentinstag kaufen zu müssen.
Nachmittag die hinreissende Idee gehabt mit dem Kind ins Einkaufszentrum zu fahren. An einem Samstag. Nachmittag. Mit einem Zweijährigen. Ohne Kinderwagen.
Unser Masochismus erreicht immer wieder neue, schwindelerregende Höhen. Auch bekannt als Fifty Shades of Kinder haben.

Sonntag dann einen Babysitter-Casting-Marathon abgehalten, um in naher Zukunft auch mal wieder Pärchenkram (jenseits von genau getimeten Schlafzimmercoitus während des Mittagsschläfchen des Antichristen) vollziehen zu können.
Die Vorstellung endlich mal wieder ins Kino zu können, um dort vermutlich nach 27 Minuten in ein tiefes, nur Eltern bekanntes Koma zu fallen, lässt mein düsteres, verdörtes Herz schneller schlagen.