Normal verrückt

Tage, die nur dazu gemacht zu sein scheinen, um sich zu betrinken. Ausgiebig. Unsicher stehe ich in der Küche vor dem Glas Amaretto mit Kirschsaft und betrachte wie die Eiswürfel, offenbar schon extrem betrunken, hin und herschwanken. Ich bin das Trinken nicht mehr gewöhnt. Was dumm ist, so als Schriftsteller, der man ja vorgibt zu sein. Alkohol gehört doch zum Schreiben wie dichter Zigarrenrauch und das aufgeregte Klackern der Schreibmaschine. Doch meine Mac-Tastatur klackert ohnehin nur minimal und zu allem Überdruss bin ich Asthmatiker. Außerdem habe ich meinen Humidor in einem Anfall geistiger Umnachtung (bzw. in einem minimalistischen Rausch) verschenkt. Also stehe ich hier in der Küche, ohne klackernde Tasten und den wohlschmeckenden Geruch einer Corona zwischen den Fingern. Dafür aber mit Alkohol. Der recht albern aussieht, so knatschrot.

Ich sollte etwas trinken, was mehr Hemingway ist, denke ich. Single Malt zum Beispiel. Ich hasse Single Malt. Ich könnte die Eiswürfel wieder rausfischen und das knatschrote Nass, das farblich in merlotige geht, einfach in ein Weinglas kippen und vorgeben, es sei Rotwein. (Denn natürlich hasse ich auch Rotwein.) „Ja, Rotwein. Amarettokirschwein. Das ist viel besser.“ sage ich laut und bemerke, wie der Mann mich kritisch mustert. „Ich bin nicht verrückt.“ antworte ich, ohne die Frage abzuwarten. Er zieht die Augenbrauen hoch und sagt nichts. „Okay,“ sage ich „ich bin nicht so verrückt, wie du gerade denkst. Ich bin normal verrückt. Durchschnittlich verrückt eben. Wo sind die Weingläser?“ Noch bevor er antworten kann, stehe ich auf der Leiter zum Dachboden, den Torso in komplette Dunkelheit gehüllt, während ich mit der iPhone-Taschenlampe die Kartons ableuchte.

Wir hatten die Weingläser beim letzten Umzug weggepackt, weil, seien wir ehrlich, der Mann und ich trinken keinen Wein, aber vor allem sind wir seltsam und haben ohnehin keine Freunde. Zumindest keine, die Wein trinken. Menschen, die Wein trinken, unterhalten sich in ihrer Freizeit über den Nahostkonflikt, Fontane und Aristoteles, sie nicken viel, wenn sie nicht gerade an ihren Weingläsern nippen oder dieses Hannibal-Lecter-Geräusch beim Trinken machen und außerdem verwenden sie Wörter wie Amuse-Gueule und Coitus und machen beim letzteren immer das Licht aus.

Unsere Freunde liegen in der Regel nach 27 Tequila Gold auf einem kleinen Kopfkissen aus Sabber neben dem Sofa und lächeln debil, weil sie gerade einen Sextraum mit Bradley Cooper haben. Ob Mann oder Frau ist dabei irrelevant. Davor haben wir übrigens weder über den Nahostkonflikt (bei uns nur als „Brandenburg“ bekannt), Fontane oder Aristoteles geredet, sondern darüber, warum,  wann und vor allem wie Catelyn Stark wiederkommen soll, nachdem man ihr so unmanierlich die Kehle durchgeschnitten hatte.

(P.S.: Spoiler.)

(P.P.S.: Ups.)

(P.P.P.S.: Har har!)

Kurzum, die Weingläser wurden weggepackt. Nach einer halben Stunde erfolgloser Suche kehre ich wieder in die Wohnung zurück und suche nach dem Mann, um ihn nach dem Kellerschlüssel zu fragen. Irgendwo müssen die scheiss Gläser doch sein und ich brauche so eines jetzt wirklich dringend. Als Schreibrequisite.

Ich finde den Mann schließlich in der Küche. „Was machst du da? Ist das Vanillepudding?“ frage ich, den Blick von dem dampfenden gelben Inhalt nicht abwendend. Er nickt. „Na ja,“ murmle ich halblaut „ich schätze, ich könnte etwas Pudding in mein Whiskeyglas schütten und so tun, als wäre es Single Malt.“ „Das könntest du.“ sagt er und schüttet etwas Pudding in mein Glas.

„Ich bin wirklich nicht so verrückt, wie du gerade denkst.“ flüstere ich, während ich mit meinem Vanillepuddingmalt aus der Küche zurück Richtung Computer gehe. „Ich weiß.“ höre ich ihn noch sagen, bevor ich die Tür wieder hinter mir schließe.

Anne Frank

„Zwischen den Tagebucheinträgen lagen teilweise Monate, manchmal sogar Jahre, und obwohl mir die Frage kam, wie oder wieso diese Lücken entstanden sind, wurde mir schnell klar, dass sie nicht Anne Frank war und einfach noch was anderes zu tun hatte, als jeden Tag ihre Gedanken reinzuschreiben.“

Genau vor fünf Minuten schrieb ich diesen Satz auf. Er ist rein fiktiv. Der Ich-Erzähler ist fiktiv, die TagebuchschreibendenichtAnneFrankseiende-Person ebenfalls. Und dennoch zuckte in der Sekunde, als ich den Punkt hinter den Satz setzte, etwas in mir zusammen.

Oha. Anne Frank. Darf ich das? ’nen Witz dazu schreiben? Da kommt doch sicherlich gleich einer und motzt. Und wo ein Motzer ist, ist schnell ein Shitstorm.

Heutzutage weißt du doch gar nicht mehr, was einen Shitstorm auslösen kann und was nicht.

Was wen wann und wie anfrisst und einen Kloaken-Tsunami über einen zusammenbrechen lässt.

Vom Sofa aus, halb liegend wie so’n adipöser Römer, andere Menschen verbal zukacken, die gegen einen nicht existenten Verhaltenskodex verstoßen haben und bei denen man sich vor zehn Jahren einfach nur genervt weggedreht hat – das kann der Internetmensch. Das und nichts anderes.
Es geht nicht um Veränderung. Oder um Ermahnung. Es geht nur ums Empören. Ums Pöbeln. Und sich anschließend, immer noch in der Horizontalen auf dem Sofa, angesichts der eigenen Awsomeness einen runterzuholen.

Die Beliebigkeit mit der doch inzwischen geshitstormt wird, die eigentliche Gleichgültigkeit – die durch die epischen Ausmaße der zur Schau gestellten Empörung lediglich verdeckt wird –  mit der die nächste durchs Dorf treibende Sau ausgesucht wird, ist letztlich nur eins.

Zum Kotzen.