100 Dinge

Minimalismus ist ja, neben Jutebeutel und Latte Macchiato, der letzte heisse Scheiß dieses Jahrhunderts. Weniger besitzen – am Besten so gut wie nix und das was übrig bleibt am Besten plastikfrei und recycelt. Oder aus Zement. Zement ist ja auch so ein heisser Scheiß unserer Zeit – und sich mehr aufs Wesentliche konzentrieren. Darum geht es und das hört sich erstmal auch ganz töfte an.

Offiziell hat die Minimalismus-Ecke auch nicht so einen faschistoiden Weltanschauungsanspruch wie z.B. die Hirse-Fraktion, die sich regelmäßig in Bio-Supermärkten trifft, um dort ihre Gottheiten aus Räuchertofu und Aubergine anzubeten und heimlich ihre Weltrevolution zu planen. Aber auch die Minimalisten wissen klar, wo die Reise hingehen soll. Im Grunde sind sie so ähnlich wie buddhistische Mönche. Nur ein wenig stylisher und hipstriger und eben mit Smartphone.
Es gilt: Je weniger, desto besser, aber generell werden Menschen, die dennoch mehr als fünf Hemden besitzen von den anderen nicht mit den Designerobstschalen aus Zement gesteinigt und das ist doch ein schöner Ansatz.

Seit einiger längerer Zeit geistert deswegen auch in den Blogs immer wieder die hübsche Zahl Hundert durch die Gegend. Hundert Sachen. Also, ob man es schafft sich auf hundert Sachen zu beschränken. Natürlich gibt es verschiedene Ansätze, wie genau dafür jetzt die Regeln sind und als ein Fan von Regeln las ich sie mir alle durch.. und als ein Fan von weniger-Kram-haben (im letzten Jahr habe ich so ausgemistet wie noch nie) überlegte ich, ob ich das auch schaffen würde.

Hundert Sachen. Ha. Kann ja nicht so schwer sein. Hundert ist super viel. Ha ha. Ha ha ha.

Meine Begeisterung begann zu schrumpfen, als ich begann allein im Schlafzimmer meinen  Wumms zu zählen. Inklusive Wanduhr, Yogamatte, Taschen, Kirschkernkissen, Kosmetikwumms, Bücher, Klamotten, Jutebeutel (oh, so viele Jutebeutel!), Schuhe und noch mehr Klamotten kam ich schließlich auf knapp 300 Sachen – Die Klamotten und Möbel des Mannes nicht eingerechnet. Da stand ich nun, kratzte mir unschlüssig am Kopf und stellte zu allem Überdruss auch noch fest, dass ich inzwischen mehr Jutebeutel als Bücher besaß.

Sieht man jedoch von der Tatsache ab, dass ich ein paar der Jutebeutel wirklich loswerden sollte, befinde ich mich an einem Punkt, an dem meine emotionale und persönliche Schmerzgrenze inzwischen erreicht ist.
Ich habe mich im letzten Jahr von 861 Sachen getrennt. Achthunderteinundsechzig. Ich besitze kaum noch Bücher oder DVDs (nur Friends und The Office), keine einzige CD und auch sonst kaum noch Schmuck, Erinnerungsstücke oder sonstigen Wumms.

Und dennoch, oder gerade deswegen, ist jetzt langsam mal Schluss. Ich ziehe die Handbremse an. Ich kann und will auch überhaupt nicht auf hundert Sachen runter und finde die Tatsache, dass es Menschen gibt, die stolz rumbellen, sie seien jetzt runter auf hundert, aber noch ein „Ach, übrigens: Bücher, Geschirr etc. etc. etc. etc. sind da nicht inkludiert!“ hinterherwispern albern.

Un-fass-bar albern.

Es ist super, dass jeder seine eigenen Regeln im Bezug auf Minimalismus aufstellen kann, aber das erinnert doch ein wenig an „Ich bin Vegetarier. Ich esse kein Fleisch! Außer Hühnchen!“
Es gibt einfach Dinge, wo eine gewisse Konsequenz durchaus lobenswert ist.

Und ich für meinen Teil vermisse ein paar Sachen. Vor allem meine Bücher. Und habe deswegen beschlossen „meine“ Regeln dieses Jahr ein wenig zu lockern: Wenn ich etwas Neues kaufe, muss ich dafür nicht zwei Sachen entsorgen und statt sich pro Tag von einer Sache zu trennen, sollen es vorerst nur zehn im gesamten Monat sein. So sorge ich zumindest dafür, der Gesamtsituation auch weiterhin halbwegs Herr zu bleiben.

Und falls ich mal in einem Monat nicht auf meine zehn Sachen kommen sollte, nehme ich notfalls irgendwas vom Mann. Genau für solche Fälle lebt man ja in einer Beziehung und seien wir ehrlich, wozu braucht der ein Buch über die britischen Musikcharts 1955-1993 oder die Biografie von Dieter Bohlen?

Ich denke, die zehn Sachen pro Monat werden ein Klacks.

Horkruxe

Wenn man sagt, man sei Minimalist, klingt das natürlich super fancy. Wenn man sich bewusst wird, dass Diogenes – in der Tonne wohnend, zu Alexander dem Großen auf die Frage, womit man ihm dienen könnte, antwortete, er soll ihm aus der Sonne gehen – nichts anderes als ein Minimalist war, klingt es dennoch seltsam hohl für eine Idee, die doch soviel älter und dauerlebiger ist.

Als ich das erste Mal meine Sachen durchging und anfing sie wegzuschmeissen, wusste ich nichts von Minimalisten, wenn ich auch von Diogenes von Sinope wusste.
Mein Rödeln hatte einen praktischen Hintergrund: Ich würde umziehen. Ich würde aus Bonn wegziehen, wo ich (fast) mein ganzes Leben verbracht und wo sich dementsprechend unfassbar viel Scheiss angesammelt hatte.

Ich schmiss unzählige Säcke voller Krams und vermeintlichen Mülls weg und war dennoch überrascht, als ich sah, wieviele Umzugskartons ich schlussendlich immer noch voll kriegte.

Also sortierte ich in der neuen Wohnung weiter aus. Ich wohnte in Köpenick, da blieben einem außer Alkoholismus und ku-klux-klan-ähnlichen Aktivitäten nicht viele andere  Freizeitmöglichkeiten.

Als ich Ende 2012 wieder umzog, hatte ich jedoch noch immer unglaublich viel Scheiss.

Also führte ich eine Regel ein: An jedem Tag musste ich mich von einer Sache trennen. Shirts, Kugelschreiber, Bilderrahmen, CDs, Bücher, Küchenutensilien uvm. – Im Jahr 2013 trennte ich mich so von über 500 Sachen.

Da sich für meinen Geschmack, das Gefühl, der Mist um mich herum würde sich auch tatsächlich reduzieren, viel zu langsam einstellte, führte ich eine neue Regel ein: Für jeden Gegenstand, den ich anschaffte, musste ich mich von zwei Dingen trennen. Ein neues Buch, ein neues Küchenmesser, ein neues Paar Socken – egal was.

Wir haben jetzt Ende April und ich habe kürzlich in diesem Jahr die 400er Marke überschritten. So besitze ich unter anderem inzwischen keine einzige CD mehr und nur noch etwa drei Dutzend Bücher und ganz allmählich gewinne ich tatsächlich den Eindruck, es würde endlich weniger werden.

Ende diesen Jahres wollen wir umziehen und wenn ich sage, ich möchte so wenig wie möglich mitnehmen, dann meine ich das genau so. Eine Handvoll Klamotten, mein Computer, zwei Ordner mit Unterlagen, vielleicht ein paar einzelne Erinnerungsstücke. Das wäre meine Traumvorstellung.

Nicht nur, weil unsere Wohnung in Hamburg nicht sehr groß ist, sondern vor allem, weil ich die Leere mag.

Nur.. ich mag auch meine Sachen. Es gibt einfach bestimmte Gegenstände, die mich – in meinen Augen – repräsentieren, verkörpern. Bestimmte Bücher, die Schreibmaschine meines Großvaters, meine Pfeife, Sandstrand vom indischen Ozean. All solche Dinge.

Sich über Dinge zu definieren ist sicherlich nicht richtig, zumindest klingt es irgendwie falsch, aber ich gehöre zu den Menschen, die, wenn sie Dinge wieder in die Hände nehmen, die Situationen, die sie damit erlebten, wieder neu erleben. Die Erinnerungen flackern wieder auf, wie eine Kerze, die schon längst erloschen schien.
Natürlich waren die Erinnerungen die ganze Zeit da, lagen brach, wartend, summten gelangweilt in irgendeiner Synapse vor sich hin.
Schmeisse ich diese Dinge weg, werden natürlich die Erinnerungen und meine damit verbundene Vergangenheit, ein essentieller Teil meiner selbst, nicht einfach ausgelöscht. Aber instinktiv weiß ich, sie werden von nun an und für alle Zeit brach liegen. Die Erinnerungen werden in meinem Gehirn einfach so herumliegen, wie auf einer geistigen Müllkippe. 

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Halte ich mein Exemplar der Ilias in der Hand, abgewetzt und fast auseinanderfallend, sehe ich mich, wie ich mich Stunde um Stunde durch die Verse wühlte und nicht selten quälte, diese und jene Seite zweifach, dreifach, siebenfach lesend, weil ich nach einer halben Seite nicht mehr wusste, was ich gerade gelesen hatte, sehe mich, in der Bahn sitzend und laut lesend, damit ich besser in den Rythmus reinkomme.

Halte ich das Armband aus Elefantenhaar in den Händen, das ich bei meinem letzten Aufenthalt in Namibia gekauft habe, erinnere ich mich an mein Studium und an jede einzelne Prüfung, in der ich es stets als Glücksbringer trug.

Habe ich den kleinen, unfassbar billig verarbeiteten Dolch vor mir, denke ich nicht nur an den Händler, der mir in Jordanien so lange auf die Nerven ging, bis ich ihn kaufte. Ich denke an das Chaos mit dem Hotelzimmer an diesem Wochenende, ich denke an Bob den Esel, auf den ich an diesem Tag ritt und der vorhatte mich und sich bei Petra in eine Schlucht zu stürzen, ich denke daran, dass ich an diesem Tag nur eine Rolle Mentos Fruit und ein wenig Wassermelone gegessen habe und abends im Hotel über das Shabbes-Dinner wie Wolverine hergefallen bin, ich denke daran, wie enttäuscht ich war, dass die isralischen Sicherheitsbeamten mir bei der Einreise den ollen Dolch – trotz Schilder mit entsprechender Ankündigung – nicht abgenommen haben.

Ja, man soll sich nicht über Materielles definieren. Und natürlich höre ich, hört meine Vergangenheit, mein bisheriges Leben, nicht einfach auf zu existieren, wenn diese Dinge nicht mehr sind.

Doch diese Gegenstände sind mehr als nur Gegenstände. Sie sind Horkruxe. Beweise meines Lebens, Primärquellen einer Zeit voller Chaos und Abenteuer und Neurosen. Stumme Zeitzeugen, denen nur ich ihr kleines Geheimnis entlocken kann.

Sie sind ich.

Und so schön ich auch den aktuellen Anblick finde, so befreiend ich es auch fand, alles einzupacken und wegzuräumen, um zu sehen, welche meiner vielen, vielen Dinge ich tatsächlich brauche, um so schöner wird es sein, einzelne – nicht alle!  – Fächer nach und nach mit meinen Erinnerungen, meinem Leben, wieder zu füllen.

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