2015 | Woche 11

Montag und Dienstag – das wird ja langsam wirklich langweilig – gearbeitet. Am Mittwoch ist der Mann beruflich in Chemnitz. Was durchaus nicht ungefährlich ist. Also für mich. Denn Chemnitz liegt in Spucknähe zu Leipzig, einer Stadt, zu der der Mann sich seit gut zwei Jahren seltsam hingezogen fühlt und bei der er mich regelmäßig versucht zu überreden dorthin zu ziehen. Seine fast schon brennende Liebe zu diesem Juwel des Ostens scheint kaum löschbar. Was vermutlich auch an den noch vergleichbar humanen Mieten liegt. Wobei mich das keinesfalls über die Aussicht hinwegtröstet, meinen Sprößling in eine der dortigen sächselnden Erziehungsanstalten zu geben.

Während der Mann also schon mal bzw. mal wieder einen Suchagenten für den Großraum Leipzig bei Immobiliendingsbumz einrichtet und mir mit kindlicher Euphorie Bilder von Häusern in direkter Nähe zum Cospudener See zeigt, kämpfe ich gegen den Ekel, der in mir aufkeimt, wenn ich an den See und die Taucherleiche denke, die damals natürlich erst gefunden wurde, nachdem ich 2012 meinen hochschwangeren Leib schon in die Fluten getaucht hatte. Mjammi.

Donnerstag und Freitag hat die Kita zu, was uns ganze vier Tage mit dem Antichristen beschert beschenkt. Neben den üblichen Kinderbespaßungsaktionen, versuche ich vorrangig an meiner Rolle als Muttertier zu arbeiten.
Mütter entwickeln ja gerne während des Prozesses des Kinderkriegen und -haben einen.. nun.. nennen wir es doch einfach furchtbar ekligen und nervtötenden Drang und Trieb, sich häuslich zu verwirklichen. Da wird plötzlich genäht, gefilzt und gestrickt, bis die Finger bluten, man backt und kocht Dinge, die man früher nicht mal aus der Tiefkühltruhe fischte, und kauft ohnehin nur noch Bio – wobei letzteres auch nur deswegen, weil der Mann völlig unverständlich mit Trennung drohte, als man den durchaus konstruktiven Vorschlag äußerte, aus seinem Hobbyraum ein Gewächshaus zu machen.
Alles, was man bisher bequem und einfach irgendwo fertig kaufte, will die Mutter nun am liebsten selbst machen und herstellen. Um sich in ihrer Rolle mehr zu spüren. Oder vielleicht auch einfach nur, weil sie von den Eisentabletten derbe Verstopfung hat. Und seien wir ehrlich: Wenn das Zeug nicht abtransportiert wird, steigt es zu Kopf und man bekommt eben scheiss Ideen.

Ich für meinen Teil versuchte, gemäß meiner genetisch vordispositionierten Rolle, nun Brot zu backen. Die Betonung liegt im Nachhinein auf versuchte. Denn was auch immer das war, was da letztlich aus meinem Ofen gekrochen ist, ich würde es weder Brot nennen, geschweige denn den Versuch unternehmen es zu probieren.

Aber wer weiß wozu es gut ist. Wenn die Mieten in Hamburg weiterhin so absurd steigen, backe ich einfach 18254298342384 weitere davon und baue mir damit eine Hütte.

Direkt am Cospudener See.

brot

Jabba-the-hut-Rotze

Ich vermute, es gibt wohl keine größere Selbstkasteiung, als an seinem freien Tag zum Arzt gehen zu müssen. Ohne Termin. Mit einem Zweijährigen. In ein Wartezimmer voller anderer kranker Kleinkinder.

Wäre Dante Mutter gewesen, ich bin sicher, in der Göttlichen Komödie hätte es einen zusätzlichen Kreis der Hölle gegeben, der genauso ausgesehen hätte. Ein kleiner Raum, voller genervter, da übermüdeter Elternteile. Kleinkinder, denen die Flüssigkeiten unablässig, wie lecke Wasserhähne, aus allen Körperöffnungen tropfen. Stühle und Spielzeug, von denen auszugehen ist, dass sie nicht allabendlich abgeschrubbt, mit heißem Wasser abgekocht oder sonst wie sterilisiert werden.

Als würde man in einer riesigen Petrischale sitzen. Nein. Baden.

Der Antichrist kotzt und hat Durchfall. Und hustet, als wolle er sich seine Lungen mal außerhalb seines Körpers ansehen. Das Jahr 2015 fängt richtig geil an.

Mir schräg gegenüber sitzt eine Mutter, die ihren beiden Jungs mit Milka füttert. Frühstück ist ja bekanntlich wichtig und in Vollmilch(!)schokolade steckt auch sicher super viel Calcium. Ein anderer Junge, dessen Nase irgendetwas absondert, was in einem früheren Leben sicherlich mal körperlicher Bestandteil von Jabba the hut war, fasst abwechselnd an ebendiese und das Spielzeug im Wartezimmer. Seine Mutter spielt Candy Crush auf dem Handy. Warum auch dem Kind mal die Nase putzen? Fängt ja eh gleich wieder an zu laufen. Vergebene Liebesmüh. Und wie Sisyphos, der etwas tut, einfach, weil es getan werden muss, egal, wie sinnlos es vielleicht erscheint, sieht sie wirklich nicht aus. Dann doch lieber die Suppe laufen lassen. Ist ja auch wichtig für die anderen Kinder. Stichwort: Abhärtung. Stichwort: Abwehrkräfte. Stichwort: PUTZ DEM KACK KIND ENDLICH MAL DIE NASE!!

Candy-Crush-Mom und Rotze-Boy werden aufgerufen, wir kurz danach auch. Der Antichrist möchte im Behandlungszimmer ein paar der dortigen Spielsachen anfassen. Ich übergebe mich kurz innerlich und gebe ihm stattdessen was von zuhause. Da sind nur seine eigenen Bakterien dran und die sind schlimm genug.

Magen-Darm hat er. Und eine Mandelentzündung. Der erste Kita-Winter eben. Bis April wird das noch etwa gehen, sagt die Ärztin. Aha, denke ich. Geil. Sie macht noch einen Abstrich, wir sollen kurz warten.

Vorne am Empfang treffen wir wieder auf Candy-Crush-Mom und Rotze-Boy. Er hat Streptokokken, sagt eine andere Ärztin ihr gerade. Sie nickt teilnahmslos. Aber in die Kita könne er doch trotzdem, fragt sie. Die Ärztin schweigt kurz, offenbar wartet sie auf eine Pointe, irgendwas, was einen Witz erkennen lässt. Fehlanzeige. Nein, sagt sie schließlich. Frühestens nächste Woche. Hm, sagt Candy-Crush-Mom und weg sind sie.

Fünf Minuten später kommt unsere Ärztin. Streptokokken hätte der Abstrich ergeben. Aha, denke ich und gucke das blondgelockte Elend an meiner Hand an. Armer Mann. Wann er wieder zur Kita kann, verkneife ich mir und frage mich beim Herausgehen, warum in all den tollen Ratgebern und Zeitschriften mit den glücklich lachenden Familien nie drin steht, wie man weiterhin gandhiesk lächelnd durch’s Leben und zur Arbeit laufen soll, wenn man innerhalb der Familie ununterbrochen Bakterien-Lotterie spielt und das einzige Hobby, das man nun noch regelmäßig pflegt, vollgekotztkackte Wäsche in Oxygen einweichen ist?