Jabba-the-hut-Rotze

Ich vermute, es gibt wohl keine größere Selbstkasteiung, als an seinem freien Tag zum Arzt gehen zu müssen. Ohne Termin. Mit einem Zweijährigen. In ein Wartezimmer voller anderer kranker Kleinkinder.

Wäre Dante Mutter gewesen, ich bin sicher, in der Göttlichen Komödie hätte es einen zusätzlichen Kreis der Hölle gegeben, der genauso ausgesehen hätte. Ein kleiner Raum, voller genervter, da übermüdeter Elternteile. Kleinkinder, denen die Flüssigkeiten unablässig, wie lecke Wasserhähne, aus allen Körperöffnungen tropfen. Stühle und Spielzeug, von denen auszugehen ist, dass sie nicht allabendlich abgeschrubbt, mit heißem Wasser abgekocht oder sonst wie sterilisiert werden.

Als würde man in einer riesigen Petrischale sitzen. Nein. Baden.

Der Antichrist kotzt und hat Durchfall. Und hustet, als wolle er sich seine Lungen mal außerhalb seines Körpers ansehen. Das Jahr 2015 fängt richtig geil an.

Mir schräg gegenüber sitzt eine Mutter, die ihren beiden Jungs mit Milka füttert. Frühstück ist ja bekanntlich wichtig und in Vollmilch(!)schokolade steckt auch sicher super viel Calcium. Ein anderer Junge, dessen Nase irgendetwas absondert, was in einem früheren Leben sicherlich mal körperlicher Bestandteil von Jabba the hut war, fasst abwechselnd an ebendiese und das Spielzeug im Wartezimmer. Seine Mutter spielt Candy Crush auf dem Handy. Warum auch dem Kind mal die Nase putzen? Fängt ja eh gleich wieder an zu laufen. Vergebene Liebesmüh. Und wie Sisyphos, der etwas tut, einfach, weil es getan werden muss, egal, wie sinnlos es vielleicht erscheint, sieht sie wirklich nicht aus. Dann doch lieber die Suppe laufen lassen. Ist ja auch wichtig für die anderen Kinder. Stichwort: Abhärtung. Stichwort: Abwehrkräfte. Stichwort: PUTZ DEM KACK KIND ENDLICH MAL DIE NASE!!

Candy-Crush-Mom und Rotze-Boy werden aufgerufen, wir kurz danach auch. Der Antichrist möchte im Behandlungszimmer ein paar der dortigen Spielsachen anfassen. Ich übergebe mich kurz innerlich und gebe ihm stattdessen was von zuhause. Da sind nur seine eigenen Bakterien dran und die sind schlimm genug.

Magen-Darm hat er. Und eine Mandelentzündung. Der erste Kita-Winter eben. Bis April wird das noch etwa gehen, sagt die Ärztin. Aha, denke ich. Geil. Sie macht noch einen Abstrich, wir sollen kurz warten.

Vorne am Empfang treffen wir wieder auf Candy-Crush-Mom und Rotze-Boy. Er hat Streptokokken, sagt eine andere Ärztin ihr gerade. Sie nickt teilnahmslos. Aber in die Kita könne er doch trotzdem, fragt sie. Die Ärztin schweigt kurz, offenbar wartet sie auf eine Pointe, irgendwas, was einen Witz erkennen lässt. Fehlanzeige. Nein, sagt sie schließlich. Frühestens nächste Woche. Hm, sagt Candy-Crush-Mom und weg sind sie.

Fünf Minuten später kommt unsere Ärztin. Streptokokken hätte der Abstrich ergeben. Aha, denke ich und gucke das blondgelockte Elend an meiner Hand an. Armer Mann. Wann er wieder zur Kita kann, verkneife ich mir und frage mich beim Herausgehen, warum in all den tollen Ratgebern und Zeitschriften mit den glücklich lachenden Familien nie drin steht, wie man weiterhin gandhiesk lächelnd durch’s Leben und zur Arbeit laufen soll, wenn man innerhalb der Familie ununterbrochen Bakterien-Lotterie spielt und das einzige Hobby, das man nun noch regelmäßig pflegt, vollgekotztkackte Wäsche in Oxygen einweichen ist?

2015| Woche 5

Wie üblich Montag und Dienstag tapfer Frondienst geleistet, wobei auch in dieser Woche der Dienstag seine zweifelhafte Krönung dadurch erhielt, dass der Antichrist nach zwei Tagen Kotzpause sein Abendessen kunstvoll ins Bett erbrach. Natürlich nicht ohne es anschließend mit „Nass.“ zu kommentieren.

Dementsprechend sitze ich Mittwoch Morgen mit ihm beim Arzt. Als übervorsichtige Helicopter-Mom, die gleich eine Penicillin-Unverträglichkeit wittert, ist das meine Pflicht. Das steht so im Handbuch der FML (Faschistische Mütter-Liga).
Am Ende ist zwischen Penicillin und dem Sohn alles okay, die Banane selbst war schuld, scheiss Obst, bzw. der Magen-Darm-Infekt, scheiss Magen-Darm-Infekt. Den hat er sich direkt parallel zu den Streptokokken zugezogen. Quasi ein fließender (!) Übergang. Warum Zeit verschwenden? Pausen einlegen? Zwischendurch mal gesund sein? Pffth.

Donnerstag dann arbeiten und somit das heimische Lazarett gegen das Irrenhaus da draußen tauschen. Dem Antichristen geht es jedoch bis zum Abend so prächtig, dass wir beschließen ihn Freitag wieder in die Kita zu geben. Ansteckend sei er nicht mehr und wenn doch: So eine natürliche Selektion funktioniert ja schließlich auch nicht von alleine, nech?
Meine neu gewonnene Freiheit feiere ich mit einem konsumrauschartigen Ausflug zu IKEA, wo ich der Versuchung widerstehe Fleischabfälle in Form eines wohlschmeckenden, weltbesten Hotdog zu schnabulieren. Bin weltbeste Vegetarierin und belohne meinen eisernen Willen mit einem Brötchen mit gekochtem Ei von vermutlich super depressiven Hühnern aus Legebatterien. Irgendwas ist immer und ich bilde mir ein, dass das Ei verhältnismäßig glücklich schmeckt.

Samstag dann Familie spielen, inkl. Spazierengehen, Wochenendeinkauf und was Spießer halt noch so machen.
Nachmittags daran scheitern Milchreis zu kochen. Der Verdacht, ich sei die weltschlechteste Köchin steht also weiterhin maulend im Raum.
Abends spielen wir Sofaproletarier (unser Lieblingsspiel neben Essen und Schlafen und Fi.. Fische.. Fische beobachten!) und legen einen RTL-Marathon ein, wobei wir uns ab 21.41h nur noch mühsam gegen die sich aufbäumende Müdigkeit wehren können.
Letztlich weiß ich nicht, was mich mehr an der geistigen Gesundheit der Menschheit zweifeln lässt: Dass eine 50+-jährige Frau mit Harry-Potter-Brille und frechen [sic!] Zöpfen nun „Dschungelkönigin“ ist? Oder dass ich tatsächlich zwei Wochen lang jeden Abend dieses Schmonsens gesehen habe?

Am Sonntag wieder arbeiten. Das ist ja der Nachteil als Atheist: Warum sollte man sonntags auch nicht arbeiten müssen, da es ja keinen Gott gibt, der am siebten Tag ruhte, und dem man dabei nun nacheifern sollte oder könnte?

Na ja, irgendwas ist immer.