#hollerkaputt

Ich kenne Claudius Holler nicht. Nicht persönlich. Und kenne ihn trotzdem. Primär aus dem Netz. Als einen sehr engagierten Menschen oder „Gutmenschen“, wie er sich selbst auch mal mit einem lakonischen Schmunzeln nannte. Er redet oft und viel über Politisches, über Flüchtlinge, über Engagement. Er stellt sich jedem Dialog, auch, wenn nicht gar vorzugsweise dem mit „besorgten Bürgern“. Er bleibt immer bewundernswert ruhig und höflich, nun, zumindest so ruhig und höflich wie man im Gespräch mit Nazis und Freizeit-Rechten bleiben kann. Er macht was mit Mate. Er macht was mit Skatern und Kultur und Kunst im ansonsten kunstfreien Mecklenburg Vorpommern.

Er macht allgemein ganz viel. Manches ist amüsant und schön, manches ist ernst und notwendig.

Und wie das so oft ist im Leben: Manchmal geht alles schief und manchmal geht alles so verdammt scheiße schief, dass es ein Wunder ist, wenn man noch die Kraft hat, morgens aufzustehen. So ist es hier auch.

Claudius hat in den letzten 1,5 Jahren mehr als einmal auf die metaphorische Fresse bekommen. Das Leben ist ein Arschloch und Arschlöcher sind eben Rudeltiere: Wo eines ist, sind noch mehr.

Aber Claudius kann euch viel besser erklären, warum ich das hier schreibe. Warum er jetzt ein wenig Hilfe braucht. Von mir. Dir. Uns allen. Es tut auch nicht weh. Zumindest uns nicht. Ihm hingegen schon. Und das meine ich nicht metaphorisch.

Leider.

Wenn ihr also ein paar Euronen übrig habt – und spätestens beim nächsten Café Latte Venti Dingsbums to go wisst ihr, dass ein paar Euronen meistens übrig sind – und einem engagierten Menschen in einer mehr als unglücklichen Situation helfen wollt, dann spendet – oder teilt sein Video.

Danke.

Der Fehler

Ich habe einen Fehler gemacht. Irgendwann, zu einem Zeitpunkt, der gefühlt Jahrzehnte zurückliegt, habe ich im Netz den Schritt raus aus der Anonymität gemacht. Und das war ein Fehler. Ich hatte einen hübschen Twitteraccount und einen hübschen Blog, die beide unter dem Namen orbisclaudiae liefen, und das war’s. Kein Klarname. Keine Selfies. Kein irgendwas, das Auskunft gab über mein analoges Leben.

Es begann mit dem Wechsel des Avatars, weg von einem beliebigen Foto aus den unendlichen Tiefen der Tumblr-Blogs, hin zu einem, auf dem meine ganz eigene Fresse in einem gestreiften Oberteil zu sehen war. Und es endete schließlich mit einem neuen Blog auf meinen Namen.

Es war eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzogen hat. Nichts, was von heute auf morgen geschehen war. Es war schleichend. Und das ist das perfide daran.

Ich habe letztlich nichts zu verbergen. Weder besagte Fresse, noch meinen Klarnamen – denn hinter orbisclaudiae hätte sich ja auch in Wirklichkeit ein 57-jähriger Triebtäter verstecken können, der im Keller seiner nicht minder gestörten Mutter wohnt und diesen nur verlässt, weil er sie waschen muss oder ähnlich schmackhaftes.

Das Problem sind auch nicht irgendwelche Fremde, die das hier alles lesen. Fremde, die sich in dem Niedergeschriebenen wieder erkennen. Fremde, die mich nicht leiden können. Vermutlich, weil sie ebenfalls im Keller ihrer Mutter wohnen und sonst keine Hobbys haben.

Das Problem sind Menschen, die mich kennen oder meinen mich zu kennen. Der Mann, der auf Facebook eine beiläufige Bemerkung über Männer von mir liest und sauer ist, weil er das auf sich bezieht. Kita-Mütter, die mich googeln und dann unnette Dinge, die ich ins Internet schrub, lesen. Dinge über sie. Dinge, die vielleicht so nicht stimmen. Dinge, die ich erfunden habe. Dinge, bei denen ich ihre Namen nicht nenne, sie sich aber trotzdem enttäuscht und getäuscht sehen von mir. Dinge, die sie aus dem Zusammenhang reißen, Dinge, die dazu geboren sind, missverstanden zu werden, Dinge, die ich nie geschrieben hätte, hätte ich geahnt, dass sie mich googeln.

Ich schreibe nun immer öfter keine Dinge.

Es liegt mir auf der Zunge. Das Gefühl. Die Situation. Die Worte. Manchmal wabern sie nur umher, ploppen gegen die Schädeldecke. Manche schreien. Manche schreien sehr laut.

Früher setzte ich mich hin, schrieb sie auf und drückte auf Publish und die Worte waren weg. Raus aus meinem Hirn, durch die Finger und die Tastatur, rein ins Nichts des Netzes. Doch jetzt sitzt vor der Tastatur ein kleines, untersetztes Männlein. Es schaut grimmig und erinnert mich stumm und vorwurfsvoll, dass es da draußen Menschen gibt, die mich kennen. Nicht wirklich, es reichte vielleicht für ein „Hallo.“ und den Namen, aber das reichte offenbar, um mich zu googeln.

Menschen, die nicht zwischen einem literarischen Ich und meinem analogen Ich unterscheiden können und wollen. Menschen, die meinen, meine Welt drehe sich um die ihre und wenn ich ein Thema aufgreife, dann müssen sie damit gemeint sein. Meinen, dass sie etwas wüssten, nur weil sie ein paar Buchstaben lesen auf irgendeiner Webseite.

Ich muss mich dann erklären. Entschuldigen. Missverständnisse beseitigen und auf Vergebung hoffen. Das macht man ein, vielleicht zwei Mal. Und danach sitzt da dieses Männchen. Das den Kopf schüttelt, wenn man die Finger auf die Tastatur legen will. Das dir die Namen all derer ins Ohr flüstert, die es lesen könnten, weil sie nichts anderes zu tun haben, als dich zu googlen.

Ich würde sehr gerne jetzt sagen, dass ich auf all diese Namen scheiße. Dass ich mir von denen nicht meinen Blog kaputtmachen lasse. Dass ich nichts falsch gemacht habe. Dass ich nichts dafür kann, dass Menschen kein eigenes Leben haben und danach lechzen, einen misszuverstehen. Dass das nicht mein verschissenes Problem ist.

Aber Fakt ist: Ich habe einen Fehler gemacht. Und ich ertappe mich immer öfter bei dem Gedanken an einen neuen anonymen Blog, einen neuen, anonymen Twitter-Account. Einen ohne Selbstzensur-Männchen und einem Avatar von irgendeinem Tumblr-Blog.

Das Einzige, was mich daran hindert, ist ein zweites kleines Männchen. Eines, das zutiefst von Widerwillen und Trotz erfüllt ist. Ich kann nur noch nicht sagen, welches Männchen am Ende entschlossener, wütender und lauter sein wird.