6 Gedanken zur Briefwahl

Man liest ja dauernd Dinge im Netz, bei denen man denkt „Echt jetzt?“ Aber meistens ist das Leben und die eigene Aufmerksamkeitsspanne zu kurz, als dass man die Ruhe oder Energie hat, sich langfristig zu empören. Bei all meiner Motzigkeit: Wären mehr Menschen wie ich, es gäbe wohl weit weniger Shitstorms.

Doch auch meine sorgsam gepflegte Gleichgültigkeit gegenüber der Menschheit hat irgendwann ein Ende. In der Regel, wenn eine Meinung im Netz munter wiederholt wird und man sich bei der x-ten Wiederholung gar nicht so munter fühlt, sondern eher verärgert. Weil man sich angesprochen fühlt. Auf unangenehme Weise.

In diesem Fall war es das seit einiger Zeit regelmäßig wiederholte Gemaule, dass Briefwahl für Menschen, aber auch nur und ausschließlich für jene Menschen sei, die am Sonntag wirklich verhindert seien, sei es körperlich oder psychisch (weil man Agoraphobie hat oder einen Job) – und eben nicht für all die faulen Säcke, die am Sonntag nur keinen Bock haben, ihren Arsch vom Sofa hochzubewegen.

Dieser Vorwurf kam in verschiedenster Kleidung daher, aber stets kam das Wort faul darin vor. Und als ich es das erste Mal las, dachte ich nichts. Beim zweiten Mal dachte ich „Echt jetzt?“. Und beim sechsten Mal dachte ich nur noch:

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Nichts Neues

Ich muss jetzt doch noch was sagen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Worte über das letzte Wochenende mehr zu verlieren.

Über die Demonstranten, deren Demos nicht wirklich so gelaufen sind, wie erhofft. Über die Polizei, die unter einem Druck stand, unter dem ich nie stehen möchte – und deren [hier ein Adjektiv eurer Wahl einfügen] Verhalten mich dennoch wirklich irritiert und zu Teilen auch verängstigt hat. Über die Kriminellen, die unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung und dem Recht auf Versammlungsfreiheit, der Stadt und ihren Bewohnern einen finanziellen und auch emotionalen Schaden zugefügt haben – und denen das scheissegal ist.

Über die fleißigen Kommentatoren im Netz, die irgendwo auf einem in Plastik eingeschweißten Sofa im Oberallgäu sitzen, fein- und scharfsinnig alles analysierten und sich anschließend einen runterholten auf den Gedanken, wie viel besser und anders sie alles machen würden.

Über die Menschen, die alle Demonstranten und alle Linken nun scheiße finden – nein, eigentlich schon immer scheiße gefunden haben, aber jetzt hat man ja nochmal einen Beweis. Über die Menschen, die alle Polizisten scheiße finden, wirklich alle, selbst die, die gar nicht in Hamburg waren, sondern in einem Dorf auf Trinidad den Verkehr regeln.

Es wurde schon so viel gesagt und doch irgendwie am Ende gar nichts. Menschen, die sich im Netz gegenseitig anschreien und beschimpfen, als ob das Anschreien und Beschimpfen da draußen nicht ausreichen würde.

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