Nichts Neues

Ich muss jetzt doch noch was sagen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, keine Worte über das letzte Wochenende mehr zu verlieren.

Über die Demonstranten, deren Demos nicht wirklich so gelaufen sind, wie erhofft. Über die Polizei, die unter einem Druck stand, unter dem ich nie stehen möchte – und deren [hier ein Adjektiv eurer Wahl einfügen] Verhalten mich dennoch wirklich irritiert und zu Teilen auch verängstigt hat. Über die Kriminellen, die unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung und dem Recht auf Versammlungsfreiheit, der Stadt und ihren Bewohnern einen finanziellen und auch emotionalen Schaden zugefügt haben – und denen das scheissegal ist.

Über die fleißigen Kommentatoren im Netz, die irgendwo auf einem in Plastik eingeschweißten Sofa im Oberallgäu sitzen, fein- und scharfsinnig alles analysierten und sich anschließend einen runterholten auf den Gedanken, wie viel besser und anders sie alles machen würden.

Über die Menschen, die alle Demonstranten und alle Linken nun scheiße finden – nein, eigentlich schon immer scheiße gefunden haben, aber jetzt hat man ja nochmal einen Beweis. Über die Menschen, die alle Polizisten scheiße finden, wirklich alle, selbst die, die gar nicht in Hamburg waren, sondern in einem Dorf auf Trinidad den Verkehr regeln.

Es wurde schon so viel gesagt und doch irgendwie am Ende gar nichts. Menschen, die sich im Netz gegenseitig anschreien und beschimpfen, als ob das Anschreien und Beschimpfen da draußen nicht ausreichen würde.

Continue reading

Alternativlos

Er sieht mich an und erwartet irgendeine Reaktion. Nein. Nicht irgendeine. Er erwartet mindestens Irritation, vermutlich Entrüstung, wenn nicht gar wüste Beschimpfungen. Ich schweige. Dann frage ich: „Deswegen hast du vor unserem Treffen zu mir gesagt, ich könnte dir in Ruhe aufzeigen, was genau an der AfD so schlimm sein soll, nicht wahr?“ Er nickt. Und ich weiß nicht wirklich, was ich dazu sagen soll.

Es wäre nicht wirklich schwer, ihm zu demonstrieren, warum die AfD nicht wirklich eine Alternative ist. Warum sie ein Sammelbecken für alles rechts der CDU und links der NPD ist. Warum sie als Partei inakzeptabel ist. Warum eine Diskussion darüber für mich überflüssig ist. Zeitverschwendung.
Menschen, die vom Offensichtlichen überzeugt werden müssen, sollen zu jemand anderem gehen. Jemand, der optimistischer ist, was das Lernverhalten der menschlichen Spezies angeht. Jemand, der generell optimistischer ist.

Was denkst du?“ fragt er und mir fällt auf, dass er noch da ist, dass er immer noch auf eine Reaktion von mir wartet, dass er wohl nicht gehen wird, bis ich irgendwas gesagt habe, reagiert habe.

Ich weiß nicht.“ Und das ist die Wahrheit.

Seit vier Jahren lief es bei ihm nicht mehr rund. Freiberufler sind es gewohnt, dass es mal Dürreperioden gibt. Dann weiß man plötzlich kaum, wo einem der Kopf steht vor lauter Arbeit und dann starrt man zwei Monate so intensiv die Tapete an, dass man hören kann, wie sie sich langsam schmatzend von der Wand löst.

Sicher, in den letzten vier Jahren hatte er immer mal wieder einen Auftraggeber, für ein halbes Jahr, für ein paar Monate, doch es wurde von Mal zu Mal schwerer und nun ist der letzte Job fast ein Jahr her.

Er bewirbt sich wie ein Tier, wird auch immer wieder eingeladen, aber am Ende wird nichts daraus. Ob es ihm liegt, dass er sich so schlecht verstellen kann? An seinem Alter? Fünfzig ist er fast und selbst wenn er in seinen Bewerbungen sein Geburtsdatum nicht mehr angibt, können die Fältchen in seinem Gesicht inzwischen niemanden mehr täuschen.

Und nun die AfD. Einen Medienheini brauchten die. In Erfurt. Erfurt, das gut vier Stunden von Hamburg entfernt ist. Erfurt, das er dann vielleicht nur noch an den Wochenenden verlassen würde, um zu seiner Familie, seinen beiden Kindern, zu fahren. Viel würden die nicht zahlen. Aber nicht viel ist besser als nichts und besser als bei McDonalds Fritten wenden.

Ich weiß nicht, was er von mir hören möchte. Ob er von mir wirklich überzeugt werden möchte, dass man nicht für die AfD arbeiten kann und sollte. Ob er meinen Segen möchte. Oder meine Loyalität ihm gegenüber testen.

Die Worte liegen mir auf der Zunge. Die Irritation, die Entrüstung, die Beschimpfungen. Wie kann man auch nur daran denken, es überhaupt in Betracht ziehen, es zur Diskussion stellen? Man hat doch so etwas wie einen moralischen Kompass. Prinzipien.

Doch Prinzipien muss man sich leisten können.

Ist es an mir zu sagen, dass er den Job nicht annehmen soll, nicht annehmen darf? Weil Geld nicht alles ist? Was würde ich selbst machen, wenn mir beruflich das Wasser so bis zum Hals stehen würde und ich meine Familie bald nicht mehr richtig versorgen kann? Wenn ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hätte? Wenn alle Bewerbungen und Weiterbildungen im Sande verlaufen würden?

Ich muss an mein Studium denken, an die theoretischen Übungen in Ethik. Wie würde man in der und der Situation reagieren? Wann und wie moralisch handeln? Hätte ich in den Dreißiger Jahren meinen jüdischen Nachbarn geholfen? Hätte ich nachgefragt, wenn sie plötzlich verschwunden wären? Hätte ich meinen Job bei der Stadt gekündigt? Hätte ich meine Prinzipien immer über alles gestellt? Hätte ich die Konsequenzen tragen können und wollen? Und hätte ich mich jeweils anders entschieden, wenn ich alleine bzw. wenn ich eine Familie gehabt hätte?

Die Antworten scheinen manchmal so simpel. So simpel, dass man sie nicht aussprechen, niederschreiben muss.

In der Theorie. Das Leben ist jedoch keine Theorie. Das Leben ist das Gegenteil. Prinzipien zahlen keine Miete. Überzeugungen kaufen keine neue Winterschuhe für die Tochter. Moral kauft keine Lebensmittel.

Und ich, die ich doch all die Antworten zu wissen glaube, die im Besitz von Prinzipien ist, die eisern sind, unumstößlich, ich, die einen ethischen Kompass hat, der mir Tag für Tag den Weg weist, ich bin nicht in der Position zu sagen, zu entscheiden, was er machen soll. Ich habe nicht das Recht dazu.

Was denkst du?“ fragt er wieder.

Ich weiß nicht.“ antworte ich. Und ich weiß es wirklich nicht.