Bergfest

Der Moment fulminanter Erleichterung, wenn man ganz offiziell die Hälfte geschafft hat. Ein weiteres, vorerst letztes Mal, auf Speichern geklickt, die ganzen gut 100 Seiten in ein PDF gestopft und sie an den Verlag geschickt hat.

Dieser kurzer Moment des Luftholens, der dringend benötigten Pause, bevor man sich in wenigen Tagen an den zweiten Teil setzen wird und das Gefühl, dass da ganz schön beschissen viel Arbeit vor einem liegt, wieder Überhand nehmen wird.

Wir sollten das alle viel öfter machen: Kurz innehalten, vielleicht auch ein wenig länger als kurz, sich selbst auf die Schulter klopfen und sich ein wenig für das schon Geschaffte gratulieren.

Oder einfach nur dafür, dass man bis zu diesem Punkt überhaupt durchgehalten hat.

Bergfest

Sommersprossenalbino

Irgendwann stellte ich fest, dass ich nicht gerade mit den schönsten Knien gesegnet war. Die Pubertät ist eine grausame Phase und man entwickelt dort die schreckliche Angewohnheit, sich solange mit seinem Körper zu beschäftigen, bis man ein Ohr, einen Zeigefinger oder eine vermeintliche Delle im Oberschenkel findet und sich solange auf diesen Makel fixiert, bis er zum Symbol und Stellvertreter für die Unvollkommenheit des eigenen Ichs wird.

Ich habe die Knie meiner Großmutter. Preußin. Keine Ahnung, ob alle Preußen hässliche Knie haben. Vielleicht kommt das von der Kartoffelernte. Sie hatte zumindest hässliche Knie, meine Mutter hat welche, ich habe welche.

Ich nenne sie Elefantenknie. Irgendwann realisierte – Nein, meinte ich zu realisieren, dass meine Waden ebenfalls hässlich seien und dass ich nicht über Knöcheln verfüge, weil meine Waden einfach so in meine Füße übergingen. Ich hatte Wöcheln.

Irgendwann zwischen der Einführung des Wortes Wöcheln und dem Entdecken weiterer Fehlbarkeiten wurde ich schwanger und gehörte zu jener glücklichen Sorte Frau, die mit Wassereinlagerungen, Krampfadern und zwei unfassbar sexy aussehenden Thrombosestrümpfen beglückt wurde.

Das Kind kam, die Thrombosestrümpfe gingen, die fette grüne Krampfader an der linken Wade und die schicken, feinen Besenreißer auf meinen alabasterweißen Beinen blieben.

Und wie jeder Mensch, der selber beim Anblick entblösster Beine doch bitte nichts schwabbeln sehen möchte, keine pergamentartige, weiße Haut, von Flecken, Muttermalen oder pumpenden, „Hallo! Hier bin ich!!“-kreischenden Krampfadern der verschiedensten Coloeur geschändet. Bitte nur – zumindest leicht – gebräunte Beine, festes Fleisch, ohne Makel. Und natürlich haarlos. Alles andere ist eklig und es spielt selbstverfreilich keine Rolle, dass die Natur die Stelzen so geschaffen hat. Dumme Natur. Warum schafft sie auch so Menschen wie Gisele Bündchen, an der sich die restlichen 95% der menschlichen Bevölkerung bitte zu orientieren hat? Man hat ja auch eine Verantwortung. Eine ästhetische. Darf und soll das seinen Mitmenschen nicht zumuten. Den Anblick. Man will’s ja schließlich selbst auch nicht sehen. 

Und das ist ja ein wenig die Krux bei der Sache. Es ist schließlich recht einfach sich dem über Jahre oder Jahrzehnten geformten Schönheitsideal hinzugeben und naserümpfend und sich schüttelnd beim Anblick un-giselliger Körperteile abzuwenden. Blöd und unpraktisch wird es nur, wenn, egal, wie man sich auch Mühe gibt, man selbst einfach nicht zu Giselle wird. Sondern einfach weiterhin Ute bleibt. Oder Helga. Oder Anna.

Ich bin bei Weitem nicht bereit, meinen Körper zu lieben, so wie er jetzt ist. Dafür sind die Vorstellungen von Schönheit und Ästhetik, ob falsch oder nicht, zu tief verankert und eingepflanzt. Aber es ist an der Zeit, gewisse Teile davon zu akzeptieren.

Denn egal, wieviel ich abnehme, meine Knie werden bleiben, genauso wie meine Wöchel und die pulsierende faustgroße Krampfader. Ich werde auch die nächsten Jahre nicht ohne weiteres, braune Haut bekommen, da mein Erbgut dergleichen einfach nicht vorsieht. Verbringe ich genug Zeit in der Sonne, explodiert meine Haut von Sommersprossen und verwandeln mich in Etwas, was offenbar zu nahe an einer Gülle-Sprenkler-Anlage gestanden hat. Verbringe ich noch mehr Zeit in der Sonne und habe langsam das Gefühl, die zwischen den dunklen Punkten verbliebene Haut würde langsam braun, erkenne ich mit Entsetzen, dass es auch weiße Sommersprossen gibt, die nun sichtbar werden. Ich bin ein Sommersprossen-Albino.

Als es diesen Sommer heiß wurde, über dreißig Grad, stand ich eines Morgens mit meiner dunkelblauen, schweren Jeans vorm Kleiderschrank und spürte, wie ich schon durch das bloße Anziehen schwitzte, als würde ich mit einem Anorak einen Dauerlauf durch den Senegal machen. Aber was sollte ich tun? Ich wollte doch schließlich niemandem den Anblick dieser Beine zumuten. Ich spürte, wie die Hitze mich zu erdrücken schien, ich spürte die nahende Gefahr auf einer Schweißspur auszurutschen und einen unschönen, da kopfaufschlagenden Tod zu finden.

Also stand ich eine Weile einfach regungslos da und schwitzte vor mich hin.

Bis ich die Hose auszog, ein Kleid, das mir gerade so bis zu den Knien geht, anzog und damit aus dem Haus ging.

Einfach so.

moimoimoi

Ich habe nämlich etwas wichtiges erkannt, bzw. aus der Not und im Angesicht des Schweißes erkennen müssen:

ICH TRAGE DOCH NICHT WEGEN MIR VÖLLIG FREMDER MENSCHEN BEI 30 GRAD IRGENDWELCHE BEINKLEIDER, DIE MEINEN KÖRPER AN DEN RAND DER KREISLAUFAPOKALYPSE BRINGEN, NUR DAMIT DIESE MENSCHEN GGF. NICHT INS SÜßIGKEITENREGAL BRECHEN MÜSSEN, WENN SIE BEI EDEKA HINTER MIR AN DER KASSE STEHEN.

Ja. Ich habe Wöcheln. Und Preußenkartoffelerntenknie. Und eine echt richtig fiese Krampfader. Und das alles auf zwei, farblich uneindeutig gestalteten Stelzen.

Und ich muss diese Stelzen nicht lieben, ich muss mir nicht einreden, ich bzw. meine Beine seien trotzdem schön, weil sie es nun mal nicht sind. Aber nur, weil etwas nicht schön ist, muss ich es nicht gramerfüllt vor der Welt verstecken und mir das Leben noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist.

Wenn Sie ein hässliches Kind zur Welt bringen, gehen Sie damit auch zum Spielplatz. Tagsüber. Ohne Tüte über’m Kopf. So dass alle sehen können, was Sie da fabriziert haben. Sie können an der Fresse Ihres Kindes nichts ändern. Und ich nichts an meinen Beinen.

So get over it.