Liebe dich!

Ich finde #609060 gut. So generell. Also so theoretisch. Praktisch eher nicht so. Also meistens. Weil nämlich in der Regel Menschen mit völlig normaler (sic!) Figur sich die Finger vor dem Spiegel wundselfien und eben keine, deren BMI jenseits der magisch bösen 25 ist.
Das ist dann in etwa genauso lustig, wie diese 65kg-Mäuse, die voller Inbrunst ihre Waage an einer Raststätte aussetzten und darüber dann stolz schreiben, weil sie sich der Diktatur ihres Körpers nicht mehr aussetzen wollen.

Keine Unterdrückung mehr! Toffifee für alle!

Nicht Selfie ist mein Wort des Jahres 2013, sondern Fatshaming.

Fatshaming ist böse, Fatshaming ist fies, Fatshaming ist pfui. Darin sind wir uns alle einig!

Abnehmen wollen übrigens auch. Wie kann man nur, schallt es einem dann hohl im Netz entgegen. Wonneröllchen! Liebe dich gefälligst! Wenn du dich nicht liebst, du nicht deine eigene Masturbationsvorlage bist, dann unterstützt du die Magerkultur der Modeindustrie, der anderen, der Salat- und Staubesser, der Kohlenhydratverweigerer, der Kalorienzählersoziopathen!

Nein, du hast dich gefälligst zu lieben, egal, wie sehr die Hose zwickt, das Lieblingsoberteil nicht mehr passt, du beim Treppensteigen schnaufen musst, du deinen Bauchnabel suchen musst. Liebe dich!

JETZT LIEB DICH SCHON, DU BLÖDE SAU!

Das ist der Tenor, das ist die Stimmung in der Résistance im Kampf gegen die Diktatur der Waage, einer Diktatur, die „wir“ uns selbst auferlegt haben.

Im letzten Jahr wurde viel über diese Themen gesprochen. Immer schön und adrett im gleichen Atemzug mit Feminismus und Emanzipation gehaucht. Als gehörte das alles immer automatisch zusammen. Die Damen schrieen es von den Dächern, befreiten sich in ihren Blogs von einem Joch, das nur in ihren Köpfen und von ihnen gekauften (!!) Modezeitschriften existiert, untermalten den Protest mit geschrotteten Waagen und munteren Posen vor dem Badezimmerspiegel. Sie schrieen laut, damit auch ja niemand verpasste, dass sie sich von nun an lieben würden, von nun an und für alle Zeit.

Es sei denn, nun, es sei denn, jemand nimmt ab. Weil er seine Ernährung ändert, weil er Sport treibt, und nach einigen Monaten dann ein Foto von sich instagramt. In Leggins am Besten und mit kurzem Rock.
Wow! steht dann drunter. Gratulation! steht da. Sieht geil aus! Toll! Freu mich für dich!

Und wenn man ganz genau hinsieht, kann man sehen, wie der Sabber der neidenden, sich sonst doch selbst so liebenden Weiber, unter dem Foto in einer kleinen digitalen Pfütze sammelt.
Und für einen kurzen, aber wirklich nur ganz kurzen Moment, möchten die anderen Mädchen auch das, was die da hat, dieses messiashafte Wesen, das es geschafft hat, sich selbst, ihren Körper, zu bezwingen – bevor sie sich wieder daran erinnern, dass sie sich ja selbst voll lieb haben, so wie sie sind, so wie die Natur, die Gene, der liebe Gott und/oder Nutella sie geschaffen haben.

Und was soll ich sagen, es wird Sie kaum überraschen: Es kotzt mich an.

Nicht nur diese ganzen Mädchen, anders kann ich die gar nicht bezeichnen, die mit ihrem BMI von 23 durch die Welt flanieren und rumheulen, weil sie so fett sind, sondern vor allem die Mädchen, die zwischendurch mit dem Heulen mal innehalten und von nun an sich ganz dem sich voll Liebhaben und Akzeptieren hingeben – Und das am Liebsten laut, weil es funktioniert natürlich nur, wenn alle anderen das mitbekommen und es glauben, dass man sich voll geil findet, denn, wenn es alle anderen glauben, kann man es vielleicht auch irgendwann glauben und dann glaubt man es eben so lange, bis irgendjemand, der es nicht glaubte, abgenommen hat, dem heiligen Kreis der Yaya-Schwestern entflohen ist und stattdessen  im Club der Kleidergröße 38 aufgenommen wurde. Einfach so. Die blöde Schlampe.

Mir persönlich ist es ja herzlich egal, was sie essen, was sie tragen, ob sie sich wiegen und vor allem wieviel zu wiegen. Nur, wenn sie dauernd rumbrüllen müssen, WIE SEHR Sie sich ja lieben, entsteht bei mir Irritation, wen genau Sie von dieser (vermeintlichen) Tatsache schlussendlich überzeugen wollen?

Denn wissen Sie was? Ich finde es ebenfalls völlig okay, wenn man mit sich nicht zufrieden ist und das offen sagt.

Ich mag mich nämlich nicht so leiden, wie ich bin. Ich finde mich nicht voll geil und ich liebe auch nicht meine innere Göttin oder ähnlichen Scheiss. Ich habe seit der Schwangerschaft immer noch zehn Kilo mehr als vorher auf den Hüften und es kotzt mich an. Derbe.
Und noch mehr kotzt mich an, dass ich seit einem Jahr so gestresst bin, dass ich einfach nicht die Böcke habe, mich zu disziplinieren, und trotz des Gemaules vermutlich auch in diesem Jahr nicht abnehmen werde. Obwohl ich beim Anblick von Jeans Regalen voller Skinny-Fit-Schildchen (WTF?) und dem „Leichter werden, nicht schwerer!“-Spruch meines Orthopäden am Liebsten heulend zusammenbrechen würde.

Da kann ich mir noch so viele Post-Its an den Badezimmerspiegel kleben, auf denen steht, dass ich hübsch bin, und mantramäßig Wonneröllchenwonneröllchenwonneröllchen vor mich hinmurmeln, wenn ich eigentlich die Luft anhalten müsste, damit die Jeans nicht explosionsartig das ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legt.

Ich hab keinen Bock, mir einreden zu müssen, dass ich schön bin, wenn ich nun mal nicht mag, was ich im Spiegel sehe und es ist scheissegal, wie Sie das finden, denn Sie müssen morgens Ihre Fresse im Spiegel anschauen und eben nicht meine, also halten Sie doch Ihre.

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Ich bin nicht fett. Ich mag mich nur nicht. Und ich habe das Recht dazu. Nicht, weil Karl Lagerfeld, Kate Moss oder die Pornoindustrie es mir eingeredet haben, sondern einfach nur, weil ich will, dass es wieder wie vorher aussieht.

Und genauso wie ich finde, dass generelle Schönheit, Charisma und Ausstrahlung nichts mit Gewicht, BMI und Kleidergröße zu tun hat, will ich auch offensagen dürfen, dass ich mich „zu dick“ finde, dass ich meinen Körper so nicht mag, dass es Tage gibt, an denen ich ihn hasse.
Ich will mir nicht von anderen sagen lassen, was ich machen soll, wie ich mich wahrnehmen soll und wann und wie ich mich lieben soll. Weder von der einen Seite, noch von der anderen. Und erst Recht nicht von solchen, die jahrelang im Netz ihr Bauchfett wie eine Trophäe vor sich hertragen und sich dann kaum noch einkriegen vor Selbstverliebtheit, wenn sie doch zwanzig Kilos abgenommen haben.

Es. Kotzt. Mich. An. 

Daher. Noch einmal zum Mitschreiben.

Hallo,

mein Name ist Claudia, ich bin 179cm groß und wiege verschissene 83kg.
Von diesen 83kg mag ich zehn nicht leiden, der Rest ist ganz okay.
Mir ist egal, wieviel du wiegst, ob du dich wiegst, was du isst, welche Farbe deine Haare haben und ob du auf BDSM im Schlafzimmer stehst (Mama, bitte google das nicht).
Aber lass mich mit meinem Körper unglücklich sein. Lass mich maulen, fluchen, hassen. Und trotzdem parallel Kekse essen.
Denn sollte ich eines Tages die verhassten zehn Kilo los werden, möchte ich dann zumindest zufrieden in den Spiegel gucken können und wissen, dass ich mich und die ganze Welt bis dahin nicht belogen habe.

Sich selbst zu lieben ist eine großartige Sache. Sich selbst nicht zu belügen übrigens auch.

In diesem Sinne.