Lookiswhat?

Warum ich weiterhin True Fruits kaufen werde.

  • Weil ich die Smoothies von True Fruits sehr gerne mag und ihren Humor (‚Einhornkotze‘ etc.) bisher ebenfalls.
  • Weil nicht jeder Mensch, jede Firma, jedes Produkt sich humoristisch an meine Maßgaben halten und immer politisch korrekt sein muss. (Hallo Herr Barth.)
  • Weil ich finde, dass die Reaktion von True Fruits auf die Bedenken und die Kritik zwar mehr als undiplomatisch ausgefallen ist und man das durchaus anders hätte machen können, aber nun mal nicht müssen.
  • Weil die Herren und Damen von True Fruits Saft verkaufen. Saft. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn man in dieser Angelegenheit von Dingen wie „mangelnde Unternehmerverantwortung“ spricht, meiner Ansicht nach den Sinn für Relationen verliert. (Hallo H&M.)
  • Weil ich finde, dass es wichtigeres gibt als eine Saftfirma, die frauenfeindliche (?) Witze macht.
  • Weil Lookismus nicht nett, aber auch nicht strafbar ist.
  • Weil Lookismus ein seltsam beknackter Neologismus ist, dem ich nur mit Kopfschütteln begegnen kann.
  • Weil ich es bedenklich finde, dass Meinungsfreiheit langsam nur noch ein theoretisches Gut im Netz ist. Frei nach dem Motto: „Natürlich darfst du denken, sagen und schreiben, was du möchtest, aber dann machen wir dich eben fertig.“ Ich möchte nicht in einem Internet leben, in dem es in Bezug auf Shitstormen nicht um Veränderung, sondern nur ums Shitten geht.
  • Weil ihr nicht Rousseau seid und das hier nichts mit Aufklärung zu tun hat. Weil viele von euch so selbstkritisch und -reflexiv wie ein lobotomierter Nacktmull sind. Ihr seid ein Mob. Bewaffnet mit Blogs statt mit Heugabeln.
  • Weil ich glaube, dass viele, die im Netz rumkrähen, sich mal lieber selbst an die eigene Nase packen sollten.
  • Weil ich finde, dass True Fruits blöde Sprüche machen kann, dass ihr das natürlich und auch durchaus mit Recht blöd finden könnt und ich und andere dennoch weiterhin deren Produkte konsumieren dürfen, ohne gleich auf einer moralischen Stufe mit Eichmann und Pol Pot zu landen.
  • Weil es nicht sein kann und darf, dass Menschen „Angst“ bekommen und sich dreimal überlegen, im Netz offen zu sagen, dass sie trotzdem noch True Fruits kaufen. Dass man, nur weil man diese Smoothies konsumiert, nicht auf der Seite des Feindes ist. Weil man auf gar keiner Seite ist. Weil es hier um einen humoristisch fragwürdigen Flaschenaufdruck und nicht die Schlacht bei den Thermopylen geht.

Und zu guterletzt:

  • Weil ich die Smoothies auch weiterhin sehr lecker finde und wirklich andere Dinge zu tun habe.

Anne Frank

„Zwischen den Tagebucheinträgen lagen teilweise Monate, manchmal sogar Jahre, und obwohl mir die Frage kam, wie oder wieso diese Lücken entstanden sind, wurde mir schnell klar, dass sie nicht Anne Frank war und einfach noch was anderes zu tun hatte, als jeden Tag ihre Gedanken reinzuschreiben.“

Genau vor fünf Minuten schrieb ich diesen Satz auf. Er ist rein fiktiv. Der Ich-Erzähler ist fiktiv, die TagebuchschreibendenichtAnneFrankseiende-Person ebenfalls. Und dennoch zuckte in der Sekunde, als ich den Punkt hinter den Satz setzte, etwas in mir zusammen.

Oha. Anne Frank. Darf ich das? ’nen Witz dazu schreiben? Da kommt doch sicherlich gleich einer und motzt. Und wo ein Motzer ist, ist schnell ein Shitstorm.

Heutzutage weißt du doch gar nicht mehr, was einen Shitstorm auslösen kann und was nicht.

Was wen wann und wie anfrisst und einen Kloaken-Tsunami über einen zusammenbrechen lässt.

Vom Sofa aus, halb liegend wie so’n adipöser Römer, andere Menschen verbal zukacken, die gegen einen nicht existenten Verhaltenskodex verstoßen haben und bei denen man sich vor zehn Jahren einfach nur genervt weggedreht hat – das kann der Internetmensch. Das und nichts anderes.
Es geht nicht um Veränderung. Oder um Ermahnung. Es geht nur ums Empören. Ums Pöbeln. Und sich anschließend, immer noch in der Horizontalen auf dem Sofa, angesichts der eigenen Awsomeness einen runterzuholen.

Die Beliebigkeit mit der doch inzwischen geshitstormt wird, die eigentliche Gleichgültigkeit – die durch die epischen Ausmaße der zur Schau gestellten Empörung lediglich verdeckt wird –  mit der die nächste durchs Dorf treibende Sau ausgesucht wird, ist letztlich nur eins.

Zum Kotzen.