Inakzeptabel

Diese Woche, Sie werden es vielleicht schon bemerkt haben, gab es keinen Wochenrückblick. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich, kompliziert und letztlich schnurpsegal. Manchmal hat man eben keine Woche, die man noch einmal Revue passieren lassen muss. Passiert. Selbst mir.

Und dennoch.

Ein Tag, ein Termin in der letzten Woche, hängt mir immer noch nach. Ein Termin, über den ich mich eigentlich freuen sollte. Der wahrhaft Anlass zur Freude gibt. Weil er den ersten Schritt in eine Richtung bedeutet, die ich gehen wollte, seitdem ich etwa dreizehn war.

Und dennoch.

Mir fällt auf, dass es mir mit jedem Jahr schwerer fällt mich zu freuen.. nein, anders. Dass es mir schwerer fällt, mir zu gestatten so etwas wie Vorfreude zu entwickeln, zu spüren.

Vorfreude. Sich auf etwas zu freuen, was noch gar nicht da ist, was vielleicht auch niemals so eintreffen wird und wo es dementsprechend geradezu fatal sein kann, sich zu freuen, zu früh zu freuen, umsonst zu freuen, wenn es nämlich letztlich gar nix gibt, worüber man sich freuen kann.

In den letzten Jahren kam es immer wieder vor, dass irgend etwas passierte oder irgend jemand in mein Leben trat und sagte: „Hier, Frau Haessy, wie wäre es, bla bla bla, yada yada yada?!“ Und ich so: „Seriöslich?“ Und der Jemand so: „Ja, ja, sicher das.“ Und ich so: „Yeah!“ Und dann der Jemand so: „Ach ne. Doch nicht.“

Jedem passiert das einmal. Mindestens. Manchen zweimal. Dreimal. Manchen auch zuoftmal.

Und manche stehen auf, klopfen sich den Staub von der Hose und machen erst recht weiter. Manche weinen ein wenig länger, bevor sie aufstehen. Manche bleiben liegen. Weil jeder Mensch anders ist. Weil jeder andere Erfahrungen, andere Niederlagen, andere Tiefschläge verdauen musste. Weil wir nicht alle Pitbulls sein können, die sich voller Elan in die nächste, sich anbietende Wade verbeissen. Weil andere eben eher Möpse sind, die auf dem Sofa ihre Ruhe haben wollen. Und das ist okay.

Und dennoch.

Ist es scheisse, wenn man so viele Nackenschläge abbekommen hat, dass man sich nicht mehr gestattet zu freuen, weil man dem Ganzen nicht traut, weil man, furzegal, wie atheistisch man in der Theorie auch ist, langsam an seinem Karma und Schicksal zu zweifeln beginnt.

Wissen Sie, ob Sie in Ihrem letzten Leben nicht Hitler gewesen, zwischen 1945 und ihrem jetzigen Geburtsjahr als Amöbe und Schabe wiedergeboren worden sind und jetzt zwar wieder Mensch sein dürfen, aber immer noch echt in den Miesen sind, was ihr Karmapunktekonto angeht und noch einiges ausgleichen müssen? Wissen Sie, ob Ihnen nicht genau DESWEGEN letzte Woche die Buttermilch im Rucksack geradezu explodiert ist? Nein, wissen Sie nicht.

Letzte Woche sagte eine Freundin zu mir, dass, wenn es denn so wäre (Hitler, Amöbe, Schabe..), man sicherlich anders leiden würde. Brachialer. Einschneidender. In Afrika verhungern. In Russland offener Homosexueller sein. Nicht genügend Geld für’s neue iPhone haben. Die wirklich schlimmen Sachen eben.

Ich aber sage Nein. Denn das ist doch viel zu offensichtlich. Zu einfach. Gott, das Universum, das Fliegende Spagettimonster ist doch viel subtiler. Es will ja auch seinen Spaß. Leiden als Konstante im Leben ist spaßfrei, viel perfider ist es eben, den Menschen in den Schlamm zu werfen, wimmernd, weinend, maulend, und ihm dann einen Weg zu zeigen raus aus dem Elend, ein Funken Hoffnung, einen kleinen schimmernden Fleck am Horizont. Und der Mensch rappelt sich, jauchzt, frohlockt, rennt los. Und – BATSCH!

So, meine Damen und Herren, und nicht anders würde das Universum funktionieren, wenn ich es erfinden würde und nichts anderes als ein metaphysisches, sich langweilendes und mit einem seltsamen Sinn für Humor und Gerechtigkeit ausgestattetes, göttliches Wesen wäre.

Und deswegen sitze ich jetzt hier. Und wage kaum mich zu bewegen. Weil es dann vielleicht auch nicht weggeht. Diese vage Möglichkeit, dass das, was ich mir so sehr wünsche und was vielleicht, eventuell, tatsächlich in den kommenden Monaten wahr werden würde.

Und dennoch weiß ich, ganz tief in mir drin, dass ich mich bewegen muss. Denn, wenn ich hier einfach weiter so sitze und ganz flach atme, die Möglichkeit einfach weiterzieht, weil sie irgendwann denken wird, ich will gar nicht.

Denn, sich nicht zu gestatten zu freuen, zu jauchzen und zu hüpfen ist eine Sache. Deswegen aus Angst zu Stein zu erstarren und dem Fatalismus anheim zu fallen, dass es ja eh nix werden wird, eine andere.

Eine, die inakzeptabel ist.

Anders geplant

Ich sollte mehr Alkohol trinken, denke ich, als ich auf die halbleere Flasche Wasser zu meiner Rechten blicke. Kreative trinken Alkohol. Viel Alkohol. Oder konsumieren andere Drogen. Alle. Zumindest die kaputten und das sind in der Regel die besten. Aber um mehr Alkohol trinken zu können, müsste ich erstmal überhaupt welchen trinken. Vielleicht müsste ich auch erstmal wieder überhaupt kreativ sein, um mich als Kreativer bezeichnen zu können, um dann trinken zu können. Oder kommt erst das Trinken und dann das andere? Ich habe den Überblick verloren. Über mich. Über das, was ich bin, was ich sein möchte, was ich machen möchte, wohin ich möchte.

Ehe man sich versieht, ist man mit dem Studium fertig, hat ein fast zweijähriges Kind, geht vor Mitternacht ins Bett und kriegt, sobald man einen Cocktail auch nur anguckt, schon einen schweren Kopf. Die großen Lautsprecherboxen, die den Fußboden zum Vibrieren brachten, sind in der Abstellkammer, statt Nutella pur isst man jetzt Roggenvollkornbrot mit Bio-Frischkäse, fönt sich die Haare, bevor man aus dem Haus geht und ist auch ansonsten ekelerregend vernünftig und erwachsen. Kurz mal nicht aufgepasst und plötzlich dreht sich der Tag darum, ob man heute besser Kochwäsche oder doch 30°C bunte Wäsche in die Maschine schmeisst und wann man zwischen Arbeit, Supermarkt und Kita-Termin noch die Katze zum Tierarzt bringt.

Die Träume, die wilden, und die Fantastereien sind abhanden gekommen wie ein Schlüsselbund in der Damenhandtasche. Man weiß, gerade waren sie noch da, neben einem, um einen herum, und von einer Sekunde auf die anderen kann man sie nicht mehr finden.

Kein nächtliches Durcharbeiten mehr, solange bis die Fingerkuppen bluten, bis der Kopf leer ist. Kein Feiern mehr bis morgens um vier, kein Döner mehr zum Frühstück auf dem Nachhauseweg. Kein Ausschlafen mehr bis zwei, drei oder fünf Uhr an den Wochenenden. Oder mitten in der Woche. Egal.

Nur sich selbst gegenüber verantwortlich sein. Nur seinen Träumen, seinen Talenten, seinen Wünschen.

01

Der Drang sich selbst verwirklichen zu wollen, ein bestimmtes Selbst von sich schaffen zu wollen, verblasste im Laufe der Zeit, unmerklich, wurde stumpf, wie ein altes Küchenmesser, das man vernachlässigt und nicht regelmäßig schärft.

Wie und wann genau weiß niemand. Und dann steht man da bzw. in meinem Fall sitzt man da, mit Calcium angereichertem, stillem Wasser, hört um kurz nach 21h Musik über Kopfhörer – wegen der Nachbarn – und entscheidet anhand des Fernsehprogramms, ob man um zehn oder doch erst [sic!] um elf ins Bett geht.

Irgendwie war das doch mal anders geplant.