Unzufriedenheit

Zu sagen, dass man unglücklich ist, ist schnell getan. Zu schnell.

Zu wenig Schlaf. Eine Zeitlang ein Hauch zu viel Stress auf der Arbeit. Nicht viel, aber eben doch so viel, dass es einen mürbe macht, ganz langsam, kaum merkbar. Zu ungesundes Essen und das auch noch geschlungen. Keine Ruhe. Nicht mehr zu Ruhe kommen. Stattdessen das Gefühl von Rastlosigkeit. Ganz tief im Innern. Wenn der Körper langsam beginnt zu streiken und dem Geist Zweifel kommen, wozu man sich so schindet. Leise sind sie erst, die Zweifel. Kaum hörbar. Nur ein leises Wispern in der Ferne. Doch dann, im Laufe von Wochen, wird aus dem Wispern ein Rauschen, immer lauter, immer durchdringender.

Und irgendwann, scheinbar ganz plötzlich, läuft man mit der Faust in der Tasche durch den Tag. Steht müde an der Bahnstation und fragt sich, wozu man das macht. Alles. Die Mundwinkel merkelig nach unten gezogen. Müde. Abgespannt. Gereizt. Und dann kommt es einem in den Sinn: Wie unglücklich man doch gerade ist. Genau in dieser Sekunde. Aber auch so generell. Und überhaupt. Ist doch alles scheisse. Alles und alle.

Und so steht man da. Bemitleidet sich. Weil man ja so unglücklich ist. Aber dann wird einem klar, dass man eigentlich nur unzufrieden ist. Zutiefst ja. Aber Zufriedenheit ist etwas, was von einem selbst abhängig ist. Von den eigenen Prioritäten. Der inneren Einstellung. Und das all das nichts mit wahrem Unglücklichsein zu tun hat.

Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ein warmes Bett und eine halbwegs warme Heizung (4. Stock, Altbau…). Ich muss nicht zur Arbeit laufen oder mit dem Rad fahren, weil ich mir eine Monatskarte leisten kann. Ich habe genug Geld, um mir zu essen zu kaufen, jeden Tag, und darunter reine Luxusgüter wie Mate, Schokopudding und Unmengen überteuertem Ziegenfrischkäse. Ich habe ein iPhone und Netflix und Klamotten, die mich wärmen. Wie kann ich es da wagen, unglücklich sein zu wollen?

Nein. Ich bin unzufrieden. Schlicht und einfach unzufrieden. Weil ich Ansprüche an mich selbst habe, die überspitzt sind, weil es mein Perfektionismus ist, der mir im Wege steht, weil ich mir selbst im Wege stehe. Weil ich es bin, die entscheidet, nicht um zehn ins Bett zu gehen und genügend Schlaf zu bekommen. Weil ich es bin, die lieber Weihnachts-Lebkuchen statt Obst im Büro isst und weil ich es bin, über die ich mich ärgern muss, wenn ich zunehme.

Es spielt aber keine Rolle, wer oder was Schuld ist, dass ich unzufrieden bin. Ich. Die anderen. Die „Umstände“.

Es ist aber umso wichtiger, dass ich nur mir die Schuld geben kann, wenn ich es bleibe.

Schweigen

1

Nicht unglücklich sein. Das ist alles. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nur nicht unglücklich sein. Ist das nicht ein wenig traurig, so als Ziel im Leben und in der Beziehung? Kann das überhaupt ein Ziel sein? Sollte es das sein? Ist die Antwort nicht direkt: Nein! Was ist das denn für ein Leben, wenn man sich solche Ziele setzt, solche Wünsche hat? Das ist doch kein Leben, so ein Leben, in dem man sich dergleichen wünscht.

2

Dir gehen meine Stimmungsschwankungen auf die Nerven, sagst du. Kannst damit nicht umgehen. Warum ich denn wohl welche habe, blaffe ich zurück. Wie ein Hund, der sich um sich selbst dreht und in seinen eigenen Schwanz beisst, rennen wir im Kreis und fressen uns gegenseitig auf. Und während wir noch kauen, beschweren wir uns weiter. Über den anderen. Immer über den anderen. Die Frage der Schuld steht im Raum. Keiner will sie gestellt haben und dennoch ist sie da, schwebt drohend über einem, ist einfach da, still und wartend, und mag einfach nicht weggehen.

 3

Du kannst das nicht mehr, sagst du. Es macht dich kaputt. Über den Punkt sei ich schon längst hinaus, antworte ich. Ich war am Boden, alle Glieder und Knochen gebrochen, emotional ein Invalide, kam nur noch kriechend vorwärts. Wenn überhaupt. Und als ich erkannt habe, dass ich nie mehr würde laufen können, dass die andere Option war, alles zu beenden, hatte ich begonnen mich einzurichten. Dort auf dem Boden. Schön ist es da unten weiterhin nicht. Es schmerzt immer noch. Alles. Aber der Schmerz ist dumpfer, die Schläge in Form von verletzenden Worten werden noch registriert, aber die Synapsen, die dem Gehirn mitteilen sollten, dass es wehtut, wurden durchtrennt. Die Schmerzen werden, zusammen mit allen anderen Emotionen, mit sanftem Nachdruck erstickt. Tag für Tag. Immer auf’s Neue. Bis man gar nichts mehr fühlt. Bis einem egal ist, was du fühlst.

4

Ich sei nicht konstruktiv, sagst du. Sei eine Diva. Ich lache. Dann schweige ich. Und wir wissen beide, dass Schweigen selten Versöhnung bedeutet, sondern lediglich das Einläuten des Unvermeidlichen.