Fotomanie

Keine Ahnung, wie lange sie das proben mussten. Vermutlich seit Wochen. Es muss der reinste Kraftakt gewesen sein, eine Horde Kleinkinder dazu zu kriegen für ein paar Minuten an einem Ort zu verharren und gemeinsam ein Lied vorzutragen.

Schon süß, wie sie da alle um den Weihnachtsbaum in der Kita stehen und „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, die Oma hängt am Gartenzaun..“ singen.

Weniger süß sind hingegen die rund zwei Dutzend Eltern, die sich alle in Position gebracht haben, um diesen speziellen Moment fotografieren bzw. filmen zu können. Zwei Dutzend Eltern, zwei Dutzend Smartphones, die sich zu einer Gafferkuppel über den Kindern zu schließen droht.

Wie Nazgûl sehen sie aus. Oder Dementoren. Wie sie da ihre Finger dem teuer gezüchteten Nachwuchs entgegenrecken, als wollten sie Seelen stehlen, dabei geht es nur darum für’s private Umfeld den cineastischen Beweis zu haben, was für tolle Sachen das eigene Kind nun kann und das sich dessen Anschaffung nun auch endlich zu rentieren scheint.

Vergessen der Tag, als Laura das ganze Stück Butter aß und sich ins Wohnzimmer auf’s Wildledersofa erbrach. Verdrängt der Schreck, als aus der Spülmaschine das klägliche Schreien der Katze klang. Der Moment, als Leon die Schlafzimmerwand mit Mutters rotem Chanel-Lippenstift bemalte: Verschmerzt, entschwunden, aus dem Gedächtnis gelöscht.

Das Kind singt! Das muss festgehalten werden!

Dass auf jeder Aufnahme zwangsweise auch dreiundzwanzig andere Handys zu sehen sein werden, wird ignoriert und verdrängt – Ohnehin die Kernkompetenz von Eltern.

Ich setze mich etwas entfernt hin und betrachte meinen Sohn. Der Antichrist ist desertiert und plündert, an dem Gesinge der anderen völlig desinteressiert, in völliger Seelenruhe die Lebkuchen. Binnen weniger Minuten ist er von oben bis unten mit Schokolade eingesaut und sieht aus wie ein Ork, der sich in Fäkalien gewälzt hat.

Und ich muss kurz widerstehen ein Foto von ihm machen zu wollen.

Ihr Kinderlein kommet

„Claudia! Brauchst du noch Text?“ Sie wedelt mit einer gefühlt 20-Seiten-dicken Sammlung von Weihnachtsliedern in meine Richtung. Ich lächle stalinesk und verneine mit der Begründung, ich würde alle Texte auswendig können. Kann ich nicht. Klingt aber netter, als wenn ich sagte Ich sing nicht mit. Und an Weihnachten bin selbst ich mal nett. Wenn auch meine Nettigkeit nicht so weit reicht, dass ich mich in einen Pulk von Heiden stelle, die christliche Lieder zur Geburt des Messias singen.

Goldig, wie sie da alle um das Klavier stehen, jeder an seinen Platz und die gesamte (!) Sammlung durchexerzieren, während ich mich mit einer ausladenden Bewegung aufs Sofa fallen lasse und zwischen Stille Nacht und Ihr Kinderlein kommet nachschaue, wie betrunken meine Twitter-Timeline schon ist.

Irgendwann blicke ich Richtung Kamin und sehe, ich bin nicht allein. Ein kleiner Mensch hat quer durch das gesamte Wohnzimmer den grünen Kinderstuhl aus Plastik hinter sich hergezogen, ihn vor dem knisternden Feuer in Stellung gebracht und betrachtet, den Rücken allen anderen zugewandt, das langsam in sich zusammenfallende Holz.

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Ob ihm das Gesinge zu laut war? Die Menschen zu viele? Ob er fürchtete als Antichrist beim Mitsingen der Lieder augenblicklich zu verbrennen? Ob er in jenem Moment seine misanthropische Seite entdeckt hat? Ich weiß es nicht.

Aber näher habe ich mich mit meinem Sohn selten gefühlt.