2015 | Woche 46

Nach den Attentaten – Nein. Nach den Massakern in Paris fühle ich mich seltsam benommen. Ich weiß, ich müsste andere Gefühle haben. Oder vielleicht denke ich auch nur, ich müsste andere Gefühle haben. Angst. Wut. Aber ich bin innerlich einfach nur taub.

Ekel ist vermutlich das Einzige, was ich noch empfinden kann. Ekel vor der eigenen Spezies.

Ekel vor dem, wozu sie fähig ist. Was sie bereit ist, ihren Mitmenschen anzutun. Mit einem Lächeln und der Überzeugung, das Leiden und der Tod anderer Menschen könnte etwas Gutes, etwas Erstrebenswertes sein.

Das war vor 2.000 Jahren schon so. Und das wird auch in 2.000 Jahren so sein.

Was bleibt einem da anderes übrig, als die Taubheit von Gefühlen. Taubheit, um den Ekel zu unterdrücken.

Um weitermachen zu können.

2015 | Woche 45

Nachdem ich am Wochenende zuvor beim Schwiegervater in Emsdetten aus Höflichkeit 1.073 Weißwürste gegessen hatte, habe ich am Montag diese „Jetzt ist ja auch alles egal!“-Mentalität und vertilge in der Mittagspause eine Portion Spagetti Bolognese in der Größe eines Mammutbabys. Konsequenz ist mein zweiter Vorname. Schlechtester Vegetarier aller Zeiten mein dritter. Und gibt es etwas schöneres, als einen Vegetarier, der sich den Rest des Tages mit einer Inbrunst hasst, die ihresgleichen sucht?

Dienstag Abend verbringe ich „bei Vox“ und schaue Geschickt eingefädelt, weil ich darüber eine Kritik schreiben soll. Und während ich mir überlege, wie oft ich wohl mit der Fernbedienung zuschlagen muss, bis ich ohnmächtig bin, wird mir klar, das wird keine Kritik, das wird in Worte gegossener Hass.

Um den Verlust an Synapsen, die während der Sendung sicherlich Suizid begangen haben, auszugleichen, mache ich am Mittwoch tatsächlich – und seit gefühlten Jahren das erste Mal – Netflix & Co. aus, ergebe mich der sich ausbreitenden Stille und lese ein Buch. So ein richtiges. Mit Worten. Ohne Bildern. Es ist sehr anstrengend und wenn ich in dem Tempo weiterlese, bin ich vielleicht sogar fertig, bevor ich sterbe.

Die Leistung des Donnerstags besteht darin, den Schreibtisch umzustellen. Völlig beseelt von meiner herkulischen Heldentat, stehe ich etwa eine halbe Stunde einfach nur da und betrachte mein Meisterwerk, das – so bin ich fest überzeugt – nun dazu führen wird, dass ich besser und mehr und strukturierter schreiben werde. Also gleich ab morgen!

Oder ab Samstag! denke ich am Freitag. Dann aber wirklich!

Am „Dann aber wirklich!“-Samstag vegetiere ich primär so vor mich hin. Intellektuelles Highlight ist der Besuch des EDEKA, um mich mit Pudding und Kola auszustatten – Operation Gesunde Ernährung! läuft super. Wie gesagt: Konsequenz ist eben voll meins.
Erst um Mitternacht schaffe ich es meine Aufmerksamkeit von The IT-Crowd weg und zu meinem ominösen pseudo-Thomas-Mann-Geschreibsel hinzubewegen. Wieder einmal erkennend, dass ich eine Nachteule bin, ziehe ich ernsthaft in Erwägung von nun an die Nächte durchzumachen. Also nachts aufstehen, schreiben, zur Arbeit gehen und anschließend direkt ins Bett. Die Idee klingt in der Theorie völlig grenzdebial, aber wird in der Praxis sicher super, super geil.

Denke ich so bei mir gegen 5.15h am Sonntag Morgen, kurz bevor mein Schädel vor lauter Müdigkeit mit einem ohrenbetäubenden Scheppern auf die Tastatur knallt.

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