Tage

Es gibt Tage, an denen einem alles zuviel ist.

Jeder Gedanke, den man laut aussprechen muss. Der sich formen muss, der einen nötigt strukturiert zu denken, den Mund zu öffnen und Lippen und Zunge gleichzeitig zu bewegen.

Jedes freundliche Lächeln eines Fremden. Im Aufzug, beim Türaufhalten in der Bäckerei. Der Befehl, die übermüdeten Mundwinkeln nach oben zu ziehen, kostet mehr Kraft, als man erübrigen kann. Erübrigen will.

Jede Umarmung brennt im Fleisch und in den Muskeln und lässt den Körper sekundenlang erstarren. Jeder Versuch einem näher zu kommen, verlangt, aus einem nur noch vage wahrgenommenen Gefühl des Selbsterhaltungstriebes heraus, danach abgewiesen zu werden, nur um dann doch stumm und innerlich bebend ertragen zu werden.

Jede Stimme, jedes Geräusch, wird zu einem Donnern, das den Kopf füllt und dort ewig nachzuhallen scheint, so dass es noch dröhnt, wenn die Stimme schon längst wieder weg ist.

Jeder Nerv des Körpers ist angespannt, während man nur den Knopf zu finden versucht, mit dem man seine Sinne ausschalten kann. Einen Regler wie bei einer Stereo-Anlage. Um sich selbst runterzudrehen, um das Draußen, den ständig tsunamiartigen Input, der wieder und wieder und wieder unnachgiebig auf einen einprasselt, endlich, und sei es nur kurz, zum Verstummen zu kriegen.

Die Nächte sollten wohltuende Entspannung verheißen, doch kann man schlafend nicht die einen umgebende Ruhe genießen. Also erwacht man am nächsten Morgen erneut mit schmerzenden Gliedern und dröhnendem Schädel und beginnt einen weiteren Tag, an dem das pochende Bedürfnis, sich zurückzuziehen, auf eine entlegende Insel, in eine dunkle, ruhige Höhle, sich langsam ins Unermessliche steigert. 

Es gibt Tage, an denen einem alles zuviel ist.