Tagebuch des Verfalls: Die Vuvuzela

Ich hänge über der Toilettenschüssel und irgendwelche Dinge, die ich in den vergangenen Stunden wahllos in mich reingestopft habe, schießen nun aus mir heraus wie aus einer vollautomatischen Waffe.

Für einen Moment halte ich kurz inne und höre mit dem Wutheulen auf, um den Kopf eines Haribo-Schlumpfes zu betrachten, der orientierungslos das Porzellan entlangrutscht und zum traurigen, gelatineförmigen Mahnmal alles Vergänglichen wird.

Recht schnell wird mir jedoch wieder bewusst, wieso ich hier bin. Also setze ich mich wieder auf die Fliesen und hangele das Handtuch von der Halterung, um möglichst leise und rücksichtsvoll in ebendieses hinein zu weinen. Der Mann oder die Nachbarn sollen sich bitte nicht mehr als nötig belästigt fühlen.

Schließlich bin ich Bonnerin und weiß: So ein kleiner Nervenzusammenbruch hat bitte möglichst leise vor sich zu gehen. Es grenzt ja schon beinahe an einen Akt der Rebellion, dass das Licht im Bad gerade brennt. Wo doch jeder weiß, dass weibliche Hysterie nur bei Dunkelheit gesellschaftlich tolerabel – da so besser ignorierbar – ist.

Wenn Sie schon mal aus Versehen in einen Spiegel gesehen haben, nachdem Sie feucht fröhlich eine halbe Stunde durchgeweint haben, wissen Sie, warum es nicht gerade zur eigenen Erbaulichkeit beiträgt, sein eigenes Antlitz zu betrachten. Und wenn man selbst es schon kaum erträgt, wie grausam muss dies dann bitte für Dritte sein? Dann doch lieber beim Heulen das Licht ausmachen.

Stoßartig atme ich ein und aus und versuche genügend Sauerstoff in meine frustrierten Lungen zu pumpen, doch irgendwo auf dem Weg nach unten scheint er ständig verloren zu gehen, denn es kommt einfach nichts an. Ich keuche, verschlucke mich an der Luft, die nicht weiß, ob sie nun rein oder raus soll und breche erneut. Dieses Mal ohne Schlumpf.

Der Mann kommt irgendwann rein. Während ich den Geräuschpegel beim Weinen noch recht gut reguliert habe, scheint das beim Kotzen weniger gut gelungen zu sein. Er streichelt mir den Kopf, sagt, ich soll zu ihm aufs Sofa kommen. Runterkommen. Vielleicht ein wenig fernsehen. Abschalten.

„Geht nicht.“ japse ich und wische undefinerbare Krümel aus meinen Haaren „Ich muss schreiben.“ Beim Wort Schreiben fange ich wieder an zu weinen. „In 25 Tagen muss das Buch fertig sein. Fünf. Und. Zwanzig!“ Ich möchte wieder brechen. Und mich dann anschließend zusammen mit den Überresten meines Abendessens die Toilette herunterspülen. Einfach fort. Vielleicht lande ich im Meer. Der Nordsee. Oder einem Güllebecken. Egal. Selbst das wäre besser als das hier. Die Realität. Ich hasse die Realität. Seit der Zwischenprüfung in Philosophie hatte ich keine Panikattacke mehr. Ich bin zu alt für Panikattacken. Panikattacken sind unsexy. Hysterisch. Laut. Als würden die eigenen Gefühle mit Schlagtrommeln und Vuvuzelas um einen herumtanzen und in Dauerschleife die Hymne der internationalen Loser-Vereinigung singbrüllen.

Am Ende schaue ich mit dem Mann ein wenig „American Psycho“. Ob es die Musik von Phil Collins oder der Anblick umherschwingender Kettensägen ist – aber irgend etwas an diesem Film scheint mich kurz zu beruhigen. Dann fällt wieder ein, dass der Film auf dem Buch von Bret Easton Ellis beruht. Der hat sein erstes Buch mit 21 geschrieben und veröffentlicht. Während ich ausrechne, wie alt er war, als er „American Psycho“ rausrotzte (Antwort: 27), marschieren die Vuvuzelas hochmotiviert am Rande des Sofas wieder auf und ich gehe lieber ins Bett.

Morgen ist auch noch ein Tag, denke ich, als ich weinend einschlafe. Schreibste eben morgen 20 Seiten. Wird schon.

„Ja. Genau!“ höre ich eine Vuvuzela aus dem Dunkeln irre kichern.

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