Thank you, Alcohol

Ich trinke recht selten Alkohol. Im Grunde nie. Das war schon immer so. Als Teenager habe ich nicht verstanden, was genau der Sinn war, mir grausam schmeckende Substanzen zuzuführen, um dann einen Zustand zu erreichen, in dem mir die Kontrolle über meinen Körper entgleitet. Auf Tischen tanzen, Lieder laut singen, die ich nüchtern nicht mal leise singen würde, und/oder schließlich mit mangelnder Treffsicherheit das Porzellan mit Mageninhalten beglücken – all das fand und finde ich nur wenig verführerisch, geschweige denn cool.

Bis heute mag ich kein Bier, keinen Wein oder Sekt. Mein Schwiegervater, ein dem Weine durchaus zugetaner Mann, pflegte stets zu mir zu sagen, dass ihm Wein auch nicht schmecke, das aber egal sein, wenn man erst einmal eine Flasche intus hätte. Nun. Dagegen kann man natürlich nur schwer argumentieren. Und sicherlich gab es Momente, in denen ich auf irgendwelchen Partys oder Veranstaltungen war, in denen ich durchaus die Erfahrung machte, dass mit jedem Glas Sekt das nächste weniger scheiße schmeckt.

Das ändert aber nichts daran, dass das erste Glas weiterhin wie mit Kohlensäure versetzte Einhornpisse schmeckt. Und ich einen Sencha-Tee irgendwie vorziehe.

Was nicht heißt, dass ich Alkohol gänzlich abgeneigt bin. Er darf eben nur nicht wie Alkohol schmecken. Amaretto mit Kirschsaft (50/50% natürlich). Heiße Schokolade mit Amarula – und Sahne. (Viel Sahne.) Und White Russian. Das geht alles.

Nur man muss schon über eine Bukowsk’sche Kaltschnäuzigkeit verfügen, damit es einem furzegal ist, wenn man mit Kollegen noch ein Feierabendbier trinken geht und während alle ein Becks oder Astra bestellen, man selbst zum Kellner Dinge wie „Einen White Russian, geschichtet, nicht gerührt. Und mit Sahne, nicht mit Milch.“ sagt.

Nicht, dass ich mit Kollegen sowas machen würde. Das wäre absurd.

Oder wenn man schön beim Italiener essen geht und alle bestellen einen Rotwein oder Weißwein und in einem keimt ebenfalls der Wunsch auch so bourgeoise Dinge zu fragen, wie „Welchen Weißwein können Sie zu dem Lachs empfehlen?“ – während man selbst nur die Wahl hat, ein stilles Wasser oder eben Kakao mit Baileys zu seiner Lasagne zu trinken.

Ich habe das schon immer ein wenig vermisst, wollte immer Weintrinker sein. Oder Cognactrinker. Ich fand einfach, dass mir das gut stehen würde. So ein bauchiges Glas. Ein Accessoire. Wie meine Taschenuhr. Oder der Humidor. Aber es sollte nicht sein. Also trinke ich so gut wie nie. Weder in Gesellschaft, noch Zuhause.

Normalerweise denke ich darüber auch gar nicht groß nach. Hin und wieder ertappe ich mich beim Googeln nach Angeboten für Cognacschwenkern, aber dann fällt mir wieder ein, dass Cognac wirklich, wirklich sehr furchtbar schmeckt …

… und dann höre ich wieder auf, darüber nachzudenken, wie hübsch sich so ein Hennessy auf meinem Schreibtisch neben dem silbernen Kerzenleuchter machen würde und gieße mir ein weiteres Glas Hohes C ein.

Aber über all das – über die tiefe Abneigung des Geruchs und des Geschmacks und das allgemeine Unverständnis über die Faszination von Erbrochenem hinweg –, habe ich in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren, welchen fulminanten Mehrwert Alkohol auch noch haben kann:

Denn ich bin bekanntlich ein Mensch starker Emotionen, der primär von Wut und Hunger durch den Tag gepeitscht wird. Und sobald man ein, zwei, zwölf Gläser Alkohol getrunken hat, weicht die Wut dem warmen Gefühl von kompletter Gleichgültigkeit.

Ein Umstand, den ich mit gewohnter Regelmäßigkeit vergesse. Nur um mich dann, etwa einmal im Jahr, wenn ich Alkohol getrunken habe, an diese beinahe spirituelle Erkenntnis wieder zu erinnern.

Der Mann hört mir nicht zu, wenn ich ihm was erzähle? Egal! Auf der Arbeit läuft es immer noch nicht so, wie ich es gerne hätte? Egal! Der Antichrist hitlert mal wieder wie blöde rum, weil er sich die Zähne putzen soll? Egal! Ich habe einen BMI von 3.091? Egal!

Gleichgültigkeit for the win!

Natürlich soll man verantwortungsvoll mit Alkohol umgehen. Und Alkoholismus ist nichts, worüber man Witze macht. (Es sei denn, man ist betrunken, dann ist ohnehin alles witzig.)

Alkohol ist also ganz sicher nicht die Lösung. Aber zumindest ist einem damit hin und wieder ein wenig egal, dass man überhaupt ein Problem hat!

Und vielleicht werde ich nun ab und zu, wenn die anderen in munterer, kultivierter Runde ihr Becks Gold bestellen oder ihren trockenen Riesling oder ihren Rosé, einfach ganz kalt meinen Amaretto-Kirsch bestellen. Denn nach spätestens zwei Gläsern ist mir ja ohnehin egal, wie die anderen das dann finden oder ob das so gut zu meinem Cheeseburger passt.

In diesem Sinne:

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