Vielleicht morgen

Ich sitze einfach nur da, während meine Hand unruhig über die Maus hin und her rutscht, und starre auf das Lesezeichen, das in meinem Browser seit über einem Monat darauf wartet, angeklickt zu werden.
Einmal schon habe ich gesehen, was sich hinter dem Link verbirgt – als ich ihn ahnungslos bei Facebook angeklickt hatte. 2:49 Minuten ist der Film, nein, der Trailer zum Film lang. Eigentlich nicht besonders lang, aber es reichte völlig, um mich für die nächsten Stunden heulend zusammenbrechen zu lassen. Mich. Die das Wort Empatie nicht mal richtig schreiben kann – da! Sehen Sie!
Und als der gehäutete Hund, den ich für tot hielt, in dem Trailer plötzlich blinzelte, wusste ich, dass ich in absehbarer Zeit kein Tier mehr würde essen können. Und dass ich meine eigene Spezies abgrundtief verachtete und hasste.

Das war vor über einem Monat. Und eine leise, nervtötende Stimme in meiner Kleinhirnrinde flüstert mir seitdem immer wieder zu, dass ich, von der letzten Konsequenz her, auch auf Käse und Milch und Eier und Leder und überhaupt jede Art von Spaß und Genuss verzichten sollte.

Die Stimme in meiner Kleinhirnrinde, ich nenne sie Dörte, verbündet sich mit dem Internet gegen mich und schiebt mir regelmäßig Fotos von allerlei veganem Kram unter. Essen, bei denen mir Menschen versichern, wie geil es schmecken würde.
Ich habe schon einmal ein Jahr vegan gelebt und was soll ich sagen: Sie lügen. Sie lügen alle.

Das ist natürlich nicht wahr und nur meine Meinung, aber seien wir ehrlich, es ist hier die einzige, die zählt.

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Sojamilch schmeckt für mich auch im Jahr 2014 wie Pappmaché, das einzige Sojaprodukt, das überhaupt schmeckt ist der Karamellpudding von Alpro. Und das auch nur, wenn man zuvor einen richtig schlimmen Unfall hatte und deswegen vergessen hat, wie „richtiger“ Pudding schmeckt. So mit Milch und Fett und geilem Industriezucker.

Vor etwa zwei Wochen war ich in einem veganen Cafe und die Tatsache, dass sie die Sachen Heisse Schokolade und Cupcakes nennen, sorgt nicht zwangsläufig dafür, dass sie gustatorisch auch nur irgendwas damit gemein haben.

Ja, ja, sparen Sie sich das Kommentieren, ich weiß, objektiv gesehen gibt es vermutlich abertausende verdammt leckere vegane Gerichte, aber allein schon die Tatsache, dass Nutella nicht dazu gehört, lässt mich tagelang wie ein Klageweib einer griechischen Tragödie weinen und wimmern. Okay, wie ein verdammt verzogenes Kleinkind, aber dennoch.

In Gedanken stehe ich kurz auf, gehe zum Kühlschrank und streichle zärtlich über die zahlreichen Käsesorten und die böse, jedoch so hervorragend mundende Frischmilch. Wieder zurück am Schreibtisch kreist der Cursor erneut wie ein Habicht um den Link. Ich weiß, das Video würde vermutlich reichen, um mir den letzten Schubs zu geben. Nur ein Klick und dann 2:49 Minuten durchhalten. Nur ein Klick. Nutella. Komm klick schon. Nie wieder Nutella. Hmmm, Nutella. Butterkäse. Philadelphia. Brownies. Rührei. Nutella. Nur ein Klick. Nur einnnnnomnomnom.

„Morgen.“ denke ich noch, bevor ich den Computer ausschalte „Vielleicht morgen.“

In diesem Sinne.