Wann kommt denn nun das neue Buch raus?!

Es gibt so Dinge, die hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Irgendwann, es dürfte bis zu zwanzig Jahre her sein, las ich in irgendeinem Magazin, so ganz aus Papier und totem Holz, denn das las man damals noch, über einen Autor. Ich weiß nicht mehr, welcher es war. Ich weiß nur noch, es war einer „der Großen“. Einer dieser weißen, Ü-50-Autoren mit Penis, die schwere Werke voll Wichtigkeit verfassen, denen man ihre künstlerische Potenz schon beim Foto ansieht und die ihre weltverändernden Romane an schweren, wuchtigen Schreibtischen vor malerischen Kulissen schreiben. Es war also mehr ein Gefühl, das sich mir beim Lesen des Artikels aufdrängte. Das mir im Gedächtnis blieb. Und eine einzige Information: Dass er seit fast zehn Jahren an seinem neuen Roman schrieb. Und ich dachte: What? Wofür braucht der zehn Jahre? Ich meine, bei der künstlerischen Potenz und dem Schreibtisch und der Kulisse – was braucht der Mann denn noch?

Das war, wie gesagt, recht lange her. Ich weiß nicht, ob er das Buch inzwischen fertig hat oder ob er noch lebt. Ich habe von diesem Mann nichts gelesen, denn ich mag meine Autoren bevorzugt tot. Tote Autoren neigen dazu, nach Jahren der Anbetung und Bewunderung, nicht bei Sandra Maischberger oder in einem WELT-Interview aufzutauchen und dumme Sachen zu sagen über Flüchtlinge, Hitler, Frauen und ähnliches, worüber man heutzutage gerne dumme Sachen sagt, wenn man doch lieber schweigen sollte.

Das, was ich jedoch inzwischen weiß, ist, dass so zehn Jahre für ein Buch gar nicht mal so viel sind.

Und damit komme ich endlich zum Punkt. Denn das mit dem zweiten Buch dauert noch ein bisschen.

Natürlich könnte ich sagen, dass liegt daran, dass ich eben nicht über besagte künstlerische Potenz verfüge – wenn überhaupt dann eher über eine phlegmatische Potenz. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Schreibtisch von IKEA ist – und ich, wenn ich aus dem Fenster gucke, nicht den Lago Maggiore sehe, sondern die Nachbarin schräg gegenüber, die fast den ganzen Tag latent creepy am Fenster steht und mich beobachtet. All das hat ganz vielleicht damit zu tun, dass das Buch noch immer nicht fertig ist – obwohl es das längst sollte.

Vor allem jedoch hat es damit zu tun, dass ich im Winter 2016 in eine schwere depressive Phase gerutscht bin und sich lustige Bücher mit einer galoppierenden Depression eher beschwerlich schreiben.

Und es hat damit zu tun, dass ich im Sommer 2017 entschieden habe, zu kündigen und die Umstellung auf ein erneutes Dasein als Freie gewöhnungsbedürftiger war und ist, als erwartet.

Und es hat damit zu tun, dass ich so töricht war, dem Ex für über vier Monate in meiner Wohnung Obdach zu geben – was mich am Ende meinen letzten, noch anwesenden Nerv kostete.

Nun haben wir Februar 2019. Eigentlich sollte das Buch seit Januar fertig und veröffentlicht sein. Stattdessen habe ich letzte Woche die Hälfte des Buches und die Planung über den Haufen geschmissen, habe ganze Kapitel gekillt und mehr oder weniger alles auf Anfang gestellt. Ich habe das große Glück, einen Verlag und eine Lektorin zu haben, mit der ich offen über mein Alltagsgedrösel sprechen kann und denen es wichtiger ist, dass ich dieses Buch in meinem Tempo fertig schreibe, als dass ich auf Teufel komm raus irgendwelche Deadlines einhalten muss und dafür meine Gesundheit darunter leidet.

Ich weiß, dass einige auf dieses Buch warten. Es sogar schon vorbestellt haben. Aber ihr könnt mir glauben, niemand wartet mehr auf dieses Buch als ich selbst. Ich arbeite inzwischen seit 1,5 Jahren daran und fände es auch selbst wirklich töfte, wenn daraus keine zehn Jahren werden würden.

Gar nicht, weil mich das Buch so stresst oder ich keinen Bock mehr habe. Sondern vorrangig, um auf die wahnsinnig gerne und überaus häufig gestellte Frage: „Und, ist das Buch fertig?“ endlich nicht mehr das hier antworten zu müssen: