Why the fuck not?

Da sitzt man abends mit dem Mann auf dem Sofa, sucht, beinahe wahllos, einen Film auf Netflix aus, entscheidet sich für etwas mit dem tiefgründigen Titel Killer Elite und denkt sich „Puh.. das ist aber.. also, ne.. wirklich.. puh!“

Man googelt nebenher den Film, weil im Internet ja vielleicht etwas über den Film steht, das interessanter ist als der Film. Kommt ja schon mal vor. [Das einzig fesselnde an Waterworld  war ja auch die Tatsache, dass Kevin Costner bei den Dreharbeiten fast ertrunken wäre.]

Offenbar ist bei Killer Elite niemand fast ertrunken. Aber der Film basiert auf einem Buch, das ein Mann namens Ranulph Fiennes geschrieben hat. Ranulph ist der Cousin um zwölfzig Ecken von Ralph und Joseph Fiennes und als wäre das nicht schon eine ziemlich großartige Leistung – ja, manchmal bin ich einfach zu begeistern – verliere ich mich binnen Minuten in seinem Wikipedia-Artikel.

Neben der Tatsache, dass er der Großgroßgroßcousin von Lord Voldemort ist, hat dieser Mann als erster Mensch überhaupt den Nord- und Südpol auf dem Landweg erreicht. Er hat die verlorene Stadt Ubar im Oman entdeckt – man kennt das ja: „Schatz, hast du den Herd ausgemacht?“ „Ja! Hast du Ubar eingepackt?“ „Scheisse, die habe ich irgendwo verloren.“ „Ach, nicht schlimm. Die findet sicher später jemand!“

Trotz Herzerkrankung und -OP hat er 2003 (im Alter von 59 Jahren) sieben komplette Marathons (!) innerhalb von sieben Tagen (!!) auf sieben verschiedenen Kontinenten (!!!) absolviert.

Weil: Why the fuck not?

Zehn Jahre später (wir erinnern uns: Er war inzwischen 69 Jahre alt) hat er nochmal eine Forschungsreise in die Antarktis unternommen und dabei vier Finger verloren. Ihm war scheissegal, dass schon 2013 war und eben nicht mehr 1944 und man 2013 nicht mehr solche Sachen machte.

Und wenn ihm in all den Jahren ein wenig langweilig war, hat er einfach zwischendurch 13 Romane und Sachbücher geschrieben. Weil: Why the fuck not?

Und dann sitzt’de da mit Anfang Dreißig und das größte Abenteuer, das du bisher vollbracht hast, war, in Haifa aus Versehen in ein Hotel einzuchecken, das sich als Puff herausstellte. Du kennst auch niemanden, der vier oder zumindest einen einzigen Finger irgendwo in der Arktis oder Antarktis oder vielleicht bei Kaufland verloren hast, nur diesen Kommilitonen aus Berlin, der mal an dem zugefrorenen Laternenpfahl lecken wollte und.. na ja.

Klar, der Mann ist eine andere Generation. Aber ist ja nicht so, als wenn er dann mit Ende Dreißig gesagt hätte „So, das reicht dann jetzt auch mit den Abenteuern. Die Leute gucken schon ganz komisch.“ 2013 hockte er in der Antarktis, ich stand vermutlich im IKEA und fraß Hotdogs aus undefinierbaren Tierabfällen und war völlig an meinen Grenzen, weil der Senf alle war!

Wo sind die Abenteurer hin? Wo die Menschen, die für eine Sache richtig brennen? Wo diejenigen, die an ihre Grenzen und darüber hinausgehen? Warum kennen wir solche Menschen nicht mehr? (Oder kenne nur ich sie nicht?) Warum haben wir als Vorbilder nur noch tadelnde und monologisierende Spiegel-Koluministen und Fitness-Instagramer, die uns  wieder und wieder ihr Sixpack und ihr in Chiasamen ertränktes Frühstück entgegen schleudern?

Ein kurzer Wikipedia-Artikel über das Leben eines Mannes lässt mich völlig kleinlaut werden. Und ich kann nicht anders, als mich und euch zu fragen: Wo sind die Kara Ben Nemsis geblieben?