Wir werden sehen

Normalerweise bin ich ja nicht so der Geschichten-Wiederkäuer, aber diese hier begegnet mir seit Jahren immer wieder – okay, eigentlich nur, wenn ich einmal im Jahr „Der Krieg des Charlie Wilson“ schaue – und jedes Mal denke ich nur „Fuck. Diese Geschichte ist so deep und so wahr.“ Und das muss schon was heißen, denn normalerweise benutze ich keine Adjektive wie deep.

Und wenn ich Geschichte sage, meine ich auch nicht die Geschichte von Charlie Wilson & Co., sondern die kleine Geschichte ganz am Ende des Films:

Für alle, die ein wenig Probleme haben, den latent nuschelnden Philipp Seymour Hoffman zu verstehen:

Es war einmal ein Junge, der bekam an seinem 14. Geburtstag ein Pferd geschenkt. „Wie wunderbar!“, riefen die Dorfbewohner.

Doch der alte Zen-Meister antwortete nur: „Wir werden sehen.“

Kurz darauf stürzte der Junge vom Pferd und brach sich ein Bein. „Welch ein Fluch!“, klagten die Dorfbewohner.

„Wir werden sehen“, sagte der Zen-Meister.

Wenig später brach ein Krieg aus, alle Wehrtauglichen mussten an die Front. Nur der Junge blieb wegen seines verletzten Beins zu Hause. „Welch ein Segen!“ riefen die Dorfbewohner wiederum.

Doch der alte Zen-Meister sagte nur: „Wir werden sehen.“

Diese (ursprünglich daoistische) kleine Parabel hat nicht nur deswegen so viel Wahres in sich, weil sie in Bezug auf den Film (Kalter Krieg, Afghanistankrieg, Taliban, 9-11 etc. etc.) im Rückblick geradezu prophetisch anmutet, sondern weil sie im Grunde auf jede Lebenslage passt, in der wir uns freuen. Oder bemitleiden.

Das Fazit ist natürlich nicht, dass wir uns nie mehr freuen sollen, weil eh bald alles wieder scheiße ist. Oder dass wir uns nicht bemitleiden sollen, weil alles irgendwann gut wird. (Denn manchmal wird es das einfach nicht.)

Es geht primär darum, dass wir es nicht wissen. Nicht wissen können. Und dass es leicht ist, im Rückblick oder aus dem Moment heraus eine Situation als schlimm oder grandios zu bewerten.

Und dass es vielleicht ganz gut ist, wenn wir nicht jedes Mal, wenn irgendwo irgendetwas passiert, die Hände in die Höhe reißen oder über dem Kopf zusammenschlagen – sondern einfach akzeptieren, dass nicht alles immer das ist, wonach es auf den ersten Blick aussieht. Dass wir am Ende eigentlich ganz schön wenig wissen. Und die Welt um uns herum ständig im Wandel ist und damit wir auch.

Ich glaube, ich kann gar nicht so genau sagen, warum ich diese Parabel so mag. Vielleicht, weil ich häufig in Situationen bin, in denen ich furchtbar aufgebracht und alles unerträglich finde. Oder meine, eine Lösung gefunden zu haben, mit der alles [sic!] gut wird. Und dann enttäuscht bin, dass ich mich offenbar geirrt habe.

Vielleicht ist es einfach der schlichte Wunsch, hin und wieder ein wenig gelassener zu sein und Dinge auf mich zukommen zu lassen. Nicht, weil ich ohnehin nichts daran ändern kann. Sondern, weil ich nichts ändere, indem ich mich fürchte, wütend bin oder traurig.

A photo by Austin Neill. unsplash.com/photos/ZahNAl_Ic3o