2015 | Woche 4

Montag und Dienstag verlaufen unfassbar unspektakulär und werden in ihrer Tristesse nur von der Tatsache gekrönt, dass ich am Dienstag nach der Arbeit zum Orthopäden muss, um sexy Schuheinlagen abzuholen. Nach den Thrombosestrümpfen während der Schwangerschaft der nächste Schritt, um mich nach und nach in meine Großmutter zu verwandeln.
Da ich aufgrund akuter Keks-Back-Flashs mir erst kürzlich eine ihrer alten Schürzen angeeignet habe, ist man sich in Forscherkreisen einig, dass ich meine Metamorphose zur alten Frau sicherlich bald abgeschlossen haben werde. Mir fehlt auch im Grunde nur noch so ein blauer, langer Faltenrock, Küchengummis am Handgelenk und beige Gesundheitslatschen, die aussehen, als wären sie ursprünglich mal als Boote für Mäuse gebaut worden.

Da ich am Dienstag seltsame Kopfschmerzen habe, die bis in den Kiefer runterziehen und sich so anfühlen, als versuche ein echt wütender Grizzly auf Meth mir ebendiesen abzureißen, sitze ich Mittwoch artig beim HNO.
Man diagnostiziert eine Stirnhöhlenentzündung und macht fesche Röntgenaufnahmen von den Flüssigkeitsansammlungen in meinen Kieferhöhlen. Zuhause google ich „Gott“ und „Reklamation Körper„, aber auf der Website des Vatikan steht lediglich pampig, dass die Garantie für meinen Körper längst abgelaufen sei.

Zu allem Übel bekommt der Antichrist hohes Fieber und darf nicht in die Kita. Und zu allem Übelübel muss der Mann am Donnerstag ins tiefste, tiefste Sachsen – dem Land der Bicolor-Frisuren und eigenwilligen Dialekte. Ein Land wie gemacht zum Serienmörder gebären.
Also siechen der Sohn und ich die nächsten Tage auf dem Sofa vor uns hin und schauen so viele „Der kleine Maulwurf„-Folgen, dass ich beim bloßen Hören des hellklingelnden Lachen dieses beknackt gutgelaunten Maulwurfs einen Nervenzusammenbruch kriegen werde.

Am Freitag steht dann fest, dass das Kind Streptokokken hat. Ich bestelle als erste Amtshandlung über Amazon einen XXXL-Hamsterball, damit es sich zwar frei bewegen, aber nix mehr anfassen kann, während ich die Wohnung abspritze.

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Das Fieber sinkt Samstag endlich – Was sicherlich auch mit dem Hamsterball zu tun hat. (Der sich übrigens sicherlich auch super bei Kindern eignen würde, die sich nicht so gern die Haare waschen lassen: Kind rein, Wasser rein, Shampoo rein, Stöpsel rein, einmal durch die Wohnung rollen lassen, fertig!)
Dass der Antichrist aber nun den gesamten Samstag kotzt wie ein Reiher, hat vermutlich ebenfalls mit dem Hamsterball zu tun.
Kleine Randnotiz: Ich habe noch einen Menschen aufrecht sitzend dermaßen brechen sehen – Wie ein menschlicher Springbrunnen. Und ich fände es töfte, wenn ich es auch nie wieder sehen müsste.

Mittags ist der Mann wieder da. Mit ähnlich schmackhaften Symptomen und dem sehr energischen und evolutionär fragwürdigen Unwillen Medikamente zu nehmen. Wozu auch? Hat ja alles keinen Sinn mehr. Der Tod ist nah, mal wieder!, auch wenn er offenbar schwerst gehbehindert ist und deswegen sein Ziel nie erreicht!

Am Sonntag geht es uns allen dann endlich etwas besser und ich muss sagen, dass ich langsam genug habe von diesem Kranksein, dem permanenten Gefühl der eigenen Sterblich- und Endlichkeit, dem Kind, das mir in den Mund niest, den Nasentropfen und Hustensäften und Schmerztabletten und natürlich dem Mann, der alle vier Tage „Beerdigungsinstitute Hamburg“ googelt.

Ich verlange ja gar nicht das blühende Leben zu sein (schließlich bin ich Allergiker), aber mal ohne Schmerzen aufzuwachen wäre doch ein netter Anfang.

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