Altruismus

Ich musste gestern an den Mythos von Müttern, die ein Auto angehoben haben, weil ihr Kind darunter lag, denken. Das macht mir echt zu schaffen. Nicht nur, weil so ein Auto natürlich super schwer ist, sondern, weil ich mich natürlich frage, wie häufig das wohl vorkommt, dass Babys unter Autos liegen. Wie kommen sie da hin? Und wieviel ist von so einem Baby noch übrig, wenn ein Auto auf ihm liegt? Und wenn es nicht auf ihm liegt, warum krabbelt es nicht alleine raus? Und wenn es noch nicht krabbeln kann.. Fragen über Fragen.

Mütter, das sind diese seltsame, von grenzenlosen Altruismus geplagte Wesen, die in der Krabbelgruppe gerne was von unbändiger Liebe und darüber, dass immer alles vergessen ist, wenn ihr Sonnenschein lacht, blubbern.
Ich frage mich dann stets, was das für ein Lachen sein muss, das diese hypnotische Wirkung hat. Das Lachen meines Sohnes klingt weniger nach Prinzessin Lilifee, sondern mehr nach einer unheilvollen Mischung von Joker und Hannibal Lecter. Ich sitze dementsprechend während der Krabbelgruppenstunden immer ganz still und angespannt, damit ich ja nicht verpasse, wenn eins der Babys mal dieses Lachen von sich gibt. Aber bisher liegen sie einfach nur komatös im Raum herum, rollen sich mal von links nach rechts oder versuchen ihre Füße zu essen.
Ich denke, das glockenhelle Babylachen ist genauso ein Mythos wie autohochhebene Mütter.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe den Antichristen. Nur, dass es so etwas wie Liebe nicht gibt und mein Körper mir das nur mittels munterer Hormone und anderen Spökes erfolgreich eintrichtert. Ich weiß das und es ist okay. Mein Gehirn ist eben ein Sklave der Evolution und läuft unter dem Betriebssystem „Alles zur Erhaltung der Art!“

Das Betriebssystem macht, dass ich Kotze und Kacke wegwischen kann, ohne mit der Wimper zu zucken oder selbst ’ne Runde zu brechen.
Das Betriebssystem macht, dass der Antichrist nicht verhungert, nicht verdurstet, regelmäßig gewaschen wird und natürlich und vor allem, dass ich nicht ausraste, sondern es sogar noch süß finde, wenn er seine fünf Minuten hat und einen hysterischen Anfall kriegt, weil er nicht aus der Toilette trinken darf.
Das alles und noch so viel mehr macht das Betriebssystem: Es sorgt dafür, dass ich dafür sorge, dass dieses Wesen, dessen einzige intellektuelle Fähigkeit es ist, sich zu überlegen, wie es sich heute umbringen könnte, am Leben bleibt.

Und dennoch überlege ich seit gestern, ob ich auch so ein Auto anheben könnte. Ich, die schon arg an ihre körperlichen Grenzen kommt, wenn sie den 5.812-ten Duplostein des Tages aufheben muss.

Wie weit würde das Betriebssystem mich treiben? Wieviel Arbeitsspeicher würde im Notfall freigesetzt werden? Wozu bin ich vielleicht alles in der Lage?

Darüber denke und denke und denke ich seit gestern nach, nachdem ich heimlich das Puddingteilchen des Antichristen aufgegessen habe, während er sein Mittagsschläfchen gehalten hat.

Ich meine, irgendwo hört Altruismus halt auch auf.

Teilchen

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