Bucket Lists

Mit einem Wohnwagen quer durch Norwegen fahren, mit der transsibirischen Eisenbahn durch Russland und die Mongolei bis nach China, Tango tanzen in Buenos Aires..

Vielleicht hätte ich meine Frage anders stellen müssen. Vielleicht gehört aber nach XY reisen wirklich zu den Dingen, die die meisten Menschen auf ihrer Lebens-To-Do-Liste stehen haben. Ihrer Bucket List.

Einmal im Leben Cheesecake in New York essen.
Einmal im Leben Samba in Rio tanzen.
Einmal im Leben auf Hawai mit den Wellen surfen.
Einmal im Leben auf dem Machu Picchu stehen.
Einmal im Leben mit den Haien in Südafrika schwimmen.
Einmal im Leben mit den Haien in Südafrika schwimmen und nicht gefressen werden!

Dinge und Orte, von denen man mal gelesen hat. Von denen man irgendwo Fotos gesehen hat. In einem Bildband bei Thalia. Auf einem Instagram Account. Oder einer Doku auf Phoenix. (Wobei bei letzterem sicherlich Einmal im Leben Panzer in Russland fahren dabei wäre.)

Irgendwo gehört, gesehen und gedacht: Da will ich auch mal hin. Einmal nur.

Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Arten von Bucket Lists, also Liste von Dingen, die man tun will oder meint tun zu müssen, bevor man stirbt: Die einen sind die, bei der es um eine Ansammlung von Erfahrungen geht, die man gesammelt haben möchte.
Erfahrungen, an die man sich zurückerinnern möchte, wenn man im Altersheim in seinem eigenen Urin liegt, weil der Blasenkatheter mal wieder nicht richtig gelegt wurde. Man träumt sich an den weißen, weichen Sandstrand zurück, an das türkisfarbene Meer, den Geruch von Sonnenmilch und Pina Coladas, während die Matratze langsam durchnässt.

Vorausgesetzt, man ist nicht dement. Sonst ist natürlich doof.

Wer möchte schon im letzten Moment, in den Sekunden zwischen Leben und Tod, wenn gerüchteweise das Leben noch einmal an einem vorbeizieht, ausschließlich Szenen sehen, in denen man auf Knien das Badezimmer putzt oder mit einem Kaffee-To-Go in einer übervollen Bahn zur Arbeit fährt? Niemand.

Wir wollen nicht, dass unser Leben eine Zusammensetzung von Hausputz-Aktivitäten, monotonen Arbeitstagen und vorgetäuschten Orgasmen ist.

Wir wollen Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen. Wir wollen frische Seeluft durch unsere Lungen pumpen, das Salz auf unserer nassen Haut schmecken, mit Verkäufern auf safrangetränkten Basaren feilschen. Wir wollen blutige Knie vom Klettern in alten Apfelbäumen und abends am Lagerfeuer den Schorf abknibbeln, um stolz unsere Narben zu zeigen. Wir wollen Schmerz. Und Glück. Und Extase. Wir wollen ausbrechen aus der Monotonie. Eintauchen ins Exotische. Kara Ben Nemsi spielen.

Und anschließend wieder zurück in die Monotonie. In den Alltag.

Nur zu sein reicht uns nicht – Denken wir uns, während wir die Amazonas-Doku auf ARTE schauen. Da fahren wir auch mal hin, sagen wir dann. Nicht heute. Weil. Weil es immer ein weil gibt. Aber irgendwann. Ganz sicher.

Wir machen kleine Listen in unseren Köpfen und schlagen uns innerlich anerkennend auf die Schulter, weil wir ja so verwegen sind. Karl May würde Bücher über uns schreiben.

Dass es manchmal darum geht, nicht einfach nur kurz auszubrechen und dann wieder in die graue Monotonie des Alltags zurückzukehren, sondern einfach mal komplett in Frage zu stellen, warum man zu etwas zurückkehrt, was ausbrechenswürdig ist. Warum man ein Leben führt, das so nicht reicht, in der Retrospektive nicht ausreicht, um einen mit dem nötigen Stolz und der Befriedigung zu füllen.

Warum es immer die kleinen Urlaube dazwischen, die Ausreißer, sein müssen, die das restliche Leben [sic!] lebenswert machen.

Warum setzen wir es uns als Ziel, einzelne Dinge, Erfahrungen und Erinnerungen zu haben, an die man sich in dunkleren Tagen klammern kann. Die man hervorkramen kann, wie eine alte Muschelkette aus längst vergangenen Zeiten?

Warum nicht das Ziel haben, sein ganzes Leben so zu führen, dass man damit, mit sich selbst, zufrieden ist. Tag für Tag?

Denn das wäre letztlich die andere Art von Bucketlist.

Statt sich kleine oder große Fluchten aus dem Alltag zu schaffen, von vorne herein seinen Alltag so zu gestalten, das man nicht mehr das Bedürfnis hat zu fliehen.

Sich selbst die Frage stellen, was muss ich ändern, wer müsste ich sei, oder wo und mit wem, damit ich zufriedener bin. Und wenn das nicht geht, sich die Frage stellen: Warum nicht? Klären, wo die eigenen Prioritäten liegen. Welche Kompromisse okay sind und welche nicht.

Sich von der hartnäckigen Illusion befreien, das Leben wäre ein gottverdammter Ponyhof und man käme an sein Ziel ohne irgendein nennenswertes Opfer zu bringen oder sich von Dingen oder gar Menschen zu trennen.
Die größte Illusion jedoch, der man sich hingeben kann, ist zu glauben, man könnte sein Leben nicht ändern.

Denn nur, weil das Leben kein scheiss Ponyhof ist, entscheidet man selbst und niemand sonst auf welchen Gaul man Tag für Tag steigt.

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