Das Sarrazin-Syndrom

Bis vor wenigen Tagen hatte ich noch nie von Sibylle Lewitscharoff gehört. Ich hatte kein Buch von ihr gelesen, ahnte nicht, welche munteren Gedanken ihr schwäbisches Hirn auf der Suche nach einer Körperöffnung zum Entfleuchen durchstreiften, wusste nicht von ihrer Existenz. Dann hielt sie eine Rede und es war fast wie damals, während des Studiums, als ich Primärquellen von Rosenberg und Goebbels gelesen habe. Nur, dass wir nicht 1940 haben, aber das ist Frau Lewitscharoff egal. Ihr ist so einiges egal, sie ist ja Künstler, da gehört es zum guten Ton, sich außerhalb von allem zu positionieren und Dinge zu sagen, die vom WTF?-Level her auch von einem NSDAP-Mitglied oder einem Kreationisten kommen könnten.

Das Volk empörte sich gar sehr über Frau Lewitscharoff, so wie sich das Volk nun mal gerne und voller Inbrunst empört, während die Kulturecke größtenteils dem Künstler als solchen mal wieder einen grass’schen Freihfahrtsschein ausstellt. So ein Künstler, der soll ja schließlich polarisieren, der soll anders sein, und außerdem schreibt sie doch so hübsch.

Gestern ploppte mir dann ein Bild von der Frau Lewitscharoff entgegen und ich dachte „Uh, schön ist aber anders.“ Irgendjemand schrieb dann gleich, sie sähe aus wie eine Transe, was ebenfalls der intellektuellen Leistung eines NSDAP-Mitglieds oder Kreationisten entsprechen dürfte. Frau Lewitscharoff wird auch beim zweiten Hingucken nicht schöner und ich merke, wie sehr es mich befriedigt, dass ein Mensch, der so hässliche Dinge sagt, dem äußerlich auch nur wenig nachsteht.
Denn ich finde, dass es die Haterei und die Empörung wahnsinnig unterstützt, wenn der Betreffende aussieht, als wäre die Evolution mal kurz betrunken gewesen. Hässliche Menschen hasst man leichter, das ist ein Fakt, den ich leicht mit einer Reihe ausgedachter Studien und Statistiken untermauern könnte. Wenn man das Gesicht zu einer Aussage erst später sieht, was im Netz nicht selten ist, ist der Gedanke „Ha, hässlich! Na war ja klar!!“ nicht weit.

Ich nenne das das Sarrazin-Syndrom.

Wie viel leichter fiel es uns, Helene Hegemann mit ihren ins Gesicht fallenen, angefetteten Haaren zu hassen? Sarrazin wegen der Gesichtslähmung und der daraus nervtötenden Art zu reden? Frau Lewitscharoff, die aussieht wie Gimlis Cousine zweiten Grades? So als wäre es nicht hassenswert genug, dass dieser Mensch groben Unfug macht und redet und sich dessen noch nicht mal ansatzweise bewusst ist oder sich dafür entschuldigt.

Aber vielleicht ist es letzten Endes auch einfach nur das vage, ungute Gefühl, dass wir, trotz der ganzer Hasserei und dem Empören, am Ende nichts gegen diese Person ausrichten können, und wir einfach nur die Genugtuung haben, dass das Universum sie zum Ausgleich zumindest hässlich gemacht hat?

In diesem Sinne.

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