Das Weihnachtsmarkt-Massaker

Es folgt ein gutgelaunter, extrem pazifistischer, besinnlicher Kapitel-Auszug aus „Tagsüber Zirkus, abends Theater“, der nicht nur meine enorme Liebe für die menschliche Spezies allgemein, als auch für die Weihnachtszeit im Besonderen offenbart. Viel Spaß beim Lesen, haltet die Ohren steif. ❤️

Es gibt nicht wenige Menschen, die halten Hamburg für die schönste Stadt Deutschlands. Ich füge dem gerne hinzu: wenn die Sonne scheint. Dass man in Bezug auf Hamburg so oft über das Wetter spricht, liegt übrigens nicht daran, dass es hier sonst keine anderen Themen gäbe. Wir reden nur so oft über den Regen, den Wind, das Nass und Grau, weil Nicht-Hamburger bei Besuchen sonst häufig überrascht wären, dass das gar kein Mythos ist, sondern dass es hier wirklich grotesk viel regnet.

Vor allem der Winter kann hier recht heimtückisch werden. Dann regnet es nicht einfach nur, das Wasser kriecht aus allen Richtungen in alle Öffnungen. Es läuft in den Nacken, in die Ärmel, saugt sich langsam, aber sicher seinen Weg die Hosenbeine hoch und feiert mit dem eisigen Wind eine grausame, stürmische Hochzeit, sodass man etwa zehn Monate im Jahr das Gefühl hat, in einer recht geräumigen Eistonne zu leben.

Wenn Touristen, insbesondere Hannoveraner, Berliner oder andere rivalisierende Großstädter, über Hamburg und das Wetter hier lästern, leugnet der Hamburger an sich all das jedoch mit großer Zuverlässigkeit. Ich vermute, diesbezüglich verhält es sich ähnlich wie mit den Geburtsschmerzen: Dank unserer Hormone vergessen wir in der Regel recht zügig die zauberhafte Welt von Wehen, Dammriss und unfreiwilliger Darmentleerung. Das ist evolutionär durchaus sinnvoll, und ich vermute, beim Hamburger wird dann ein ähnliches Hormon ausgeschüttet.

Verdrängung ist einfach eine töfte Sache.

An diesem Dezembertag haben wir jedoch Glück: Es regnet nicht. Man kann also für Hamburger Verhältnisse von einem geradezu traumhaften Wetter sprechen. Und wir tun das, was Menschen tun, wenn das Wetter schön ist: Wir gehen raus.

Um ehrlich zu sein, ist das eigentlich eine der Sitten, die ich bis heute nicht wirklich verstanden habe. Menschen scheinen von gutem Wetter geradezu besessen zu sein, und «Lass uns rausgehen, die Sonne scheint!» ist für sie ein valides Argument, um das Haus zu verlassen. Für solche Fälle wurden eigentlich Fenster erfunden: damit ich das schöne Wetter sehen kann, ohne das Haus verlassen zu müssen.

Aber was macht man nicht alles, um gemeinsame, familiäre Erinnerungen zu schaffen? Da geht man dann eben auch am Samstagnachmittag auf den kleinen Weihnachtsmarkt bei uns in Eppendorf.

Das Kind dürstet es nach zahllosen Runden auf dem Karussell und mich nach irgendwas, was in Fett geschwenkt wurde.

Nachdem der Mann den eher unglücklichen Witz gemacht hat, dass sie wohl auf dem Weihnachtsmarkt keine Pfanne hätten, in die ich reinpassen würde, ich ihn daraufhin wie Cersei Lannister mit dem Blick des Todes strafte und er sich sehr ausschweifend entschul-digt hat, machen wir uns frohen Mutes auf den Weg.
Denn ich habe heute gute Laune. (Neben dem guten Wetter muss auch dies ausdrücklich erwähnt werden.) Eigentlich nicht nur heute, sondern generell in den letzten Tagen. Der Mann hat von mir einen selbstgebastelten Adventskalender mit allerlei Devotionalien vom BVB und von Preußen Münster bekommen, über den er sich jeden Morgen mehr als Jonah über seinen von Paw Patrol freut.

Im Januar habe ich außerdem ein Bewerbungsgespräch bei einer Agentur, von der ich mir viel verspreche – und ansonsten übe ich mich in Zen-mäßiger Tiefenentspanntheit. Wie der Dalai-Lama höchstpersönlich steige ich über den Dreck in der Wohnung, lächle die blöden Kommentare von Chris und Tessa auf der Arbeit einfach weg, atme sie weg, atme einfach alles weg, und versuche dem Mann die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er offenbar so dringend braucht. Ich meditiere sogar, gut, manchmal bedeutet meditieren auch einfach nur, die Augen zuzumachen, während man fünf Minuten in Ruhe auf dem Klo sitzt.

Ich atme den Stress ein – und ein stummes Fuck you! ins Universum wieder aus.

Ich ruhe in mir selbst, ihr Ficker. Gut, vielleicht ist das nicht gerade die typische Zen-mäßige Tiefenentspanntheit, sondern eher eine psychotische. So wie bei Hannibal Lecter, der lächelt ja auch immer so hübsch und freundlich. Man lächelt und lächelt, während man sich die Person, die einem gerade das letzte Fitzelchen Seelenfrieden raubt, als Ragout vorstellt. Manch einer stellt sich in Ausnahmesituationen andere Menschen nackt vor, aber ob das moralisch besser ist, als sich die Person als Frikadelle vorzustellen, wage ich nicht zu beurteilen.

Obwohl es durchaus kalt ist, ist der kleine Weihnachtsmarkt auch heute hoffnungslos überlaufen. Dabei gibt es hier gar nicht so viel zu sehen: ein epileptisch blinkendes Kinderkarussell, ein paar Büdchen, die jeweils Crêpes, Maronen, gebrannte Mandeln und gegrilltes Fleisch in allen Formen und Variationen anbieten – und zwischen den Buden etwa die halbe Bevölkerung von Eppendorf. Jeder mit Handy bewaffnet, um via Instagram mit Selfies vor ei- nem wolkenlosen Himmel zu beweisen, wie geil das Wetter auch in Hamburg sein kann. #HamburgistschöneralsBerlin #Schönste StadtderWelt.

Weihnachtsmärkte lösen bei mir stets ein wohliges Gefühl von zu Hause aus.

Die flirrenden Lichter, die Gerüche, die Buden mit Dingen wie handgenähten Filz-Mäppchen, geflochtenen Körben und Retro-Aluminium-Autos, die nun wirklich niemand braucht und dennoch eine magische Anziehung ausüben können. Und mit kaum etwas kann man ein Kind im Dezember glücklicher machen als mit einer bis siebzehn Runden auf dem Karussell. Danach ist man zwar arm, hat aber – sofern man das Kunststück vollbringt, seinem Kind zu erklären, warum es nicht noch dreiundsiebzig weitere Runden fahren kann – ein sehr zufriedenes Kind. Also für zehn Minuten.

Vor der Bude, an der mit Frittiertem und totem Tier mit Senf und/oder Ketchup geworben wird, steht eine Schlange, deren Ende sich vermutlich irgendwo in Bremen befindet.

Ich suche mein Heil am Crêpe-Stand, wo aufgrund der seit geraumer Zeit stattfindenden gesellschaftlichen Schmähung von weißem Zucker und Kohlenhydraten nur eine kleine, dicke Frau steht.

Als große, dicke Frau geselle ich mich zu ihr. Wir sehen aus wie ein Comic-Duo, wie wir mit versteinerter Miene und sabbernden Lefzen auf den Crêpe-Menschen starren, der einen der besten Gründe, warum man die Franzosen doch irgendwie lieb haben muss, fachmännisch und mit viel Sorgfalt zubereitet.

Als ich drei Minuten später mit meinen beiden Nutella-Crêpes an der Würstchen-Fressbude vorbeispaziere, an deren Schlange sich null Bewegung bemerkbar gemacht hat, nicke ich den Wartenden zu, beiße in Zeitlupe und mit vor Wonne fast berstendem Gesicht in meinen Crêpe. Dabei bemühe ich mich, meine kulinarische Überlegenheit nicht durch die dumme Tatsache kaputt- machen zu lassen, dass das flüssige Nutella eine Temperatur von gefühlten 37 000 Grad hat.

Ich suche den Mann, der mit Jonah schon mal zum Karussell vorgehen wollte. Kinderkarussells sind im Grunde alle gleich. Es gibt ein Polizei-Auto und ein Feuerwehr-Auto, hin und wieder einen Notarztwagen – und aus nicht nachvollziehbaren Gründen einen ADAC-Wagen. Dieses Gerät hier hat noch zusätzliche Wagen, jeweils mit den angesagtesten Disney- und Comic-Figuren beklebt: Elsa und Anna, Feuerwehrmann Sam, Ryder und Chase und viele andere, bei deren Anblick die Drei- bis Siebenjährigen sich in tollwütige Harpyien verwandeln.

Zwölf Wagen drehen sich beschwingt im Kreis, um sie herum etwa zwei Dutzend Kinder, die manisch mit ihren kleinen Speckfingern auf den einen Wagen zeigen, auf den sie gleich wollen. Um die Kleinen herum dann die über dreißig Mütter, Väter und Großeltern. Die Stimmung ist gereizt. Die Knirpse verstehen nicht, warum sie nicht sofort draufkommen. Die Erwachsenen stehen so nah am Karussell wie nur möglich, und ihre Gehirne rauchen geradezu, wenn sie versuchen zu erahnen, wo der Wagen, den sich ihr Goldschatz ausgesucht hat, wohl gleich halten wird.
Ich knabbere vorsichtig an meinem Crêpe und beschließe, einen gewissen Sicherheitsabstand zu halten, als ich sehe, wie einige Eltern mit brachialer Ellbogenkultur die Nachrücker auf Abstand halten. Blanker Hass spiegelt sich in den aufblitzenden Blicken wider.

Geist der Weihnacht my ass.

Die Wagen werden langsamer, dreißig Erwachsene halten den Atem an. Der Nachwuchs, der immer noch mit seinen Patschehändchen auf das Paw-Patrol-Rennauto zeigt, wird nun wie eine Aktentasche unter den Arm geklemmt. Noch bevor sie gänzlich zum Stehen kommen, bricht Raserei aus. Mütter und Väter hetzen nach vorne, ganz so, als schrille ein lautloser Bombenalarm oder ähnlich Bedrohliches in ihren bemützten Köpfen. Die Kinder wer- den durch die Luft gewirbelt und erinnern unweigerlich an Antilopen, die von Krokodilen unter Wasser wild herumgeschleudert werden, um ihnen die Orientierung zu nehmen.

Ohnehin hat das alles hier etwas höchst Darwinistisches. Fressen oder gefressen werden. Karussellfahren of the fittest. Ich muss an eine unkontrollierbare Stampede denken, die durch etwas auf- geschreckt wurde. Unverarbeitete Emotionen aus König der Löwen bahnen sich ihren Weg. Mufasas Tod all over again.

Während die einen Eltern versuchen, ihre Kinder mit einer gewissen Vorsicht aus den Wagen zu hieven, atmen die einzelnen Mitglieder der Stampede ihnen schon keuchend in den Nacken.

«Kleinen Moment, ja?», erschallt es aus irgendeiner Ecke, gefolgt von einem überforderten «Wo willst du jetzt drauf? Schnell!». Eine Mutter schiebt ihr Dreijähriges durch die nicht vorhandene Frontscheibe auf den begehrten Fahrersitz von Elsas Schneemobil.

«So geht das nicht!», brüllt ein danebenstehender Vater, der sei-ne kleine, in siebzehn verschiedenen Rosa-Tönen bekleidete Prin-zessin gerade ordnungsgemäß durch die Fahrertür einsteigen lassen wollte. Die Mutter bleckt die Zähne und zischt etwas Unverständliches in Parsel.

Zwei Wagen weiter pressen sich zwei Väter im Traktor auf die Rücksitze. Ihre Söhne sitzen geradezu apathisch vorne. Ein Pärchen starrt die beiden Väter hasserfüllt an, ihre Tochter an der Hand, die bei dieser Fahrt keinen Platz ergattern konnte. Der Vater zuckt unwillkürlich mit der Faust in seiner Wachsjacke.

Je länger das Karussell steht, desto mehr Stimmen werden laut. Vorwurfsvoll, wütend, schrill, aggressiv. Männer brüllen sich an, während sie ihre Kinder in pastellfarbenen Eskimo-Anzügen wie Protestschilder in die Höhe halten. Frauen eilen ihren Göttergatten zu Hilfe, weil es bekanntermaßen stets sehr deeskalierend wirkt, wenn sich statt zwei Leuten vier anschreien.

Ich bin nicht sonderlich überrascht, als ich den Mann unter der Stampede ausmache. Er gestikuliert sehr farbenfroh, während ihm ein Zwei-Meter-Typ mit rotem Vollbart und noch röterem Kopf offenbar den Verlust von ein bis mehreren Körperteilen androht.

Jonah sitzt im Feuerwehr-Auto und bimmelt schon mal die Glocke. Ihm ist es gleich, dass sein Vater vielleicht gleich verstirbt, Hauptsache, er sitzt im Wunsch-Auto.

Eine Frau in Leoparden-Thermo-Leggings und Ugg-Boots zieht den Roten am Arm, sie hat ihren Sohn längst in einem anderen Wa- gen untergebracht. Das ist dem Roten ganz egal, es geht hier schon lange nicht mehr um das Kind. Hier brechen sich uralte, längst vergrabene Instinkte erneut Bahn, und nur der Starbucks und H&M direkt neben dem Weihnachtsmarkt erinnern uns zärtlich daran, dass wir im 21. Jahrhundert leben und die Keulen und Steinschleudern bitte in der gedanklichen Höhle lassen sollten.

Ich winke Jonah fröhlich zu, als sich das Karussell in Gang setzt, aber er hat nur Augen für seine Hupe und Glocke. Pures Glück und Friedfertigkeit. Aber schon geht es am Rand wieder los, die ersten Handschuh-Fäustlinge zeigen wieder euphorisch auf das Gefährt der Wahl, während sich ihre Eltern erneut wie zur Schlacht an den Thermopylen bereit machen.

Dass hier ist kein Weihnachtsmarkt, das ist ein gottverdammtes Massaker.

Hohoho, denke ich und schlendere zum Würstchenstand, dessen Schlange sich zumindest ein wenig verkürzt hat, und schreibe dem Mann, während ich mich mit den Überresten von Crêpe No. 2 anstelle, eine Nachricht:
Stehe beim Fleisch und hole euch was zu essen. Kommt ihr gleich einfach hierhin?

Natürlich könnte ich mich auch einfach zu ihm stellen. Ihm Gesellschaft leisten, während Jonah quietschend seine Runden der Glückseligkeit dreht. Aber die vielen kleinen Gesten und Momente der zusätzlichen Aufmerksamkeit, die ich dem Mann schenke, schlauchen. Sie schlauchen vor allem deswegen, weil ich nicht sicher bin, ob sie Wirkung zeigen.

Nur noch mal kurz Luft holen, bevor ich wieder dazustoße. Kurz Kraft sammeln. Kinderkarussell ist Krieg, denke ich, und zumindest heute bin ich Pazifist. Und auch die müssen mit ihren Kräften sorgsam umgehen. Sollen die das ruhig mal alleine machen.

Kurz bevor ich drankomme, drängelt sich eine Frau im schwarzen Pelzjäckchen vor. Sie habe keine Zeit, sich anzustellen, lässt sie verlauten, ihre Charline sei auf dem Karussell und sie müsse recht- zeitig wieder zurück sein.

Ich vermute, als sie diese Begründung unter ihrem Skalp vorformulierte, hat sie vermutlich Sinn ergeben. Draußen an der frischen Luft eher nicht.

Die anderen hinter mir echauffieren sich laut, wilde Beschimpfungen werden ausgestoßen, während ich noch immer ganz besoffen von meinem Pazifismus-Gedanken bin. Unbeeindruckt bestellt sie zwei Thüringer, und ich erkenne in ihr die Mutter, die ihr Prinzesschen durch die nicht existente Frontscheibe in den Wagen geschmuggelt hatte. Fast könnte man von so viel Kaltschnäuzigkeit beeindruckt sein, denke ich und greife nach der gut gefüllten Senfflasche zu meiner Rechten.

«Gibt’s hier nur Ketchup oder auch Senf?», krakeelt Cruella de Vil fordernd, als sie endlich ihre zwei Bratwürstchen in der Hand hält. «Hier», sage ich und reiche ihr die inzwischen fast leere Fla- sche. Sie geht, wie sie gekommen war, ohne sich um das zu scheren, was um sie herum passiert. Auf ihrem Rücken tropft Senf aus dem schwarzen Pelz.

Ich bin schließlich heute nur Pazifist, keine Heilige, murmle ich, als ich mit drei Thüringern beladen zurück gen Kinderkarussell marschiere.

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