Das zuckersüße Ding

Süß sieht sie aus, in ihrem kurzen, blauen Kleid. Ihre naturblonden Haaren umschmeicheln ihre helle Haut, die hier und dort von kleinen Sommersprossen besprenkelt ist, und vermutlich nach Pfirsich oder sonst einem abenteuerlich-fruchtigen Duschgel mit frechem Namen duftet. Ihre Augen haben fast die selbe Farbe wie das Kleid und klimpern sich sicher regelmäßig erfolgreich durch die Brieftaschen der Herren, wenn es am Abend mit ihren beiden besten Freundinnen auf die Schanze geht. Ein hübsches Ding Anfang Zwanzig, maximal Fünfundzwanzig, das vermutlich Sarah oder Marie heißt, irgendeinen Namen trägt, dass zur vermeintlichen Unschuld und Unbedarftheit passt, mit der sie dann kokettiert, wenn der Nachbar, der heimlich in sie verliebt ist, ihr den Kleiderschrank zusammenbauen soll. Sie studiert im Nebenfach irgendwas mit Ethnologie, Spanisch oder Philosophie, was die Tiefgründigkeit ihrer Persönlichkeit unterstreichen soll – Neben den sporadisch auftretenden veganen Phasen, die zwar nie von langer Dauer sind, dann aber jeweils von einer fast unangenehm martialischen Entschlossenheit, die sicherlich regelmäßig Freundschaften kosten würde, wäre sie ansonsten nicht so ein zuckersüßes Ding.

In diesem Moment sieht das zuckersüße Ding allerdings nicht ganz so zuckersüß aus. Sie steht am Gehweg und guckt etwas unbeholfen ihrem Hund nach. Der Hund – Das ist ein rund 30kg schwerer Retriever mit einem schön glänzenden Fell, auf dessen blond-weißen Schimmer selbst Daenerys Targaryen neidisch wäre. Diese 30kg, bestehend aus Flausch, guter Laune und Gefräßigkeit fräsen sich in genau diesem Moment wie eine industrielle Landmaschine durch die Wiese, immer weiter dem Ziel seiner vermeintlichen Glückseligkeit entgegen: Der Picknickdecke dieser jungen Familie, die sich offenbar erdreistet, die gerade fertig gestellten Grillgüter verspeisen zu wollen, ohne ihn zuvor dazu einzuladen. Nicht, dass Benny auf so alberne Dinge wie Einladungen wirklich Wert legte.

Benny rennt auf die Picknicker zu, stoppt kurz vorher ab, um sich dann vor Freude und Ekstase halb zu überschlagen und von den scheinbar endlosen Fress-Möglichkeiten an diesem, seinen Buffet fast schon ein wenig überfordert zu sein scheint. Wo bloß anfangen? denkt Benny sich, während das zuckersüße Ding immer noch auf dem Gehweg steht und sich inzwischen zu einem „Benny. Nicht.“ durchgerungen hat.

Der Flauschberg ist inzwischen ein wenig irritiert, dass die Picknicker ihm offenbar nichts abgeben wollen, sondern ihm – statt Bratwürste – leere, abwehrende Hände und Arme entgegengestreckt werden. Das zuckersüße Ding ruft noch einmal zaghaft, was vielleicht funktionieren würde, würde sie nach einem entscheidungsschwachen Meerschweinchen und nicht nach einem ausgewachsenen Hund, der das Konzept von Frauchen und Alphatieren nicht wirklich begriffen hat, rufen.

Während Benny einmal um die Decke herumpest, setzt sich das zuckersüße Ding langsam in Bewegung – Die Ballerinas sind neu, die Wiese könnte ja noch feucht sein, jetzt bloß keine übereilten Bewegungen. Als Benny gerade die zweite Bratwurst inhaliert, kommt das zuckersüße Ding schließlich bei den Picknickern an. Sie lächelt milde, während das Picknickermännchen (ein ausgemachter Hundehasser) sie anstarrt, als würde er sich ihren Kopf und den ihres Vierbeiners auf einem Stock vorstellen. Das Picknickerbaby glotzt verunsichert den Berg Fell an, der gerade sein Brötchen auffrisst, während das Picknickerweibchen (ein unfassbar gut aussehendes Stück Mensch, gebildet, wortgewandt und dennoch bescheiden und stets höflich) sich nicht entscheiden kann, wen sie zuerst schlagen soll: Hund oder Frauchen.

Unter Mühen schafft es das zuckersüße Ding ihr 30kg-Spielzeug wegzuzerren, entschuldigt sich auf eine sehr unbefriedigende Art und Weise, indem sie versucht zu erläutern, WIESO das Tier den Überfall gestartet hat („Der Geruch! Da konnte er nicht widerstehen!“), verschweigt aber kunstvoll, warum sie ohne Leine mit einem Tier, das in seiner unbändigen Erregung einem Yeti während des Pon Farrs gleicht, unterwegs ist.

Das Picknickerweibchen ist primär froh, dass das Picknickerbaby keinen Schrecken davon getragen hat und verzichtet darauf, das zuckersüße Ding sofort an Ort und Stelle niederzustrecken, zu zerlegen, zu grillen und ihrem treudoofen Fellpuschel zum Fraß vorzuwerfen. Dennoch kann sie es sich nicht verkneifen, anschließend noch ein paar generelle Worte loszuwerden:

LIEBE FRAUCHEN UND HERRCHEN
UND VOR ALLEM JENE, DIE SICH DAFÜR HALTEN!

Als jemand, der mit Hunden aufgewachsen ist, verstehe ich sehr gut eure Begeisterung für diese Tierart, nur ein Hund ist kein verschissenes Accessoire, das eure Persönlichkeit optisch unterstreichen soll und sich hübsch auf dem Familienfoto im Regal macht.

Wenn ihr euch einen Hund holt, macht ihm klar, wer das Sagen hat. (Btw, das solltet ihr sein.)

Wenn ihr das, aus welchen Schwachmaten-Gründen auch immer, nicht könnt oder wollt: Leint ihn an.

Wenn ihr das, aus welchen Schwachmaten-Gründen auch immer, nicht könnt oder wollt: Holt euch keinen mittelgroßen Hund, für den ihr nix anderes als ein Futterdosenaufreißer seid, sondern irgendwas, was in die Hemdtasche passt und das ihr bei entsprechend eigenwilligem Charakter einfach hochheben könnt. Einen Chihuahua oder so ’ne langhaarige Yorkshire-Ratte, der ihr dann auch noch die Haare flechten könnt.

Wenn ihr das, aus welchen Schwachmaten-Gründen auch immer, nicht wollt:

Holt. Euch. Einen. Hamster.

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