Dauerdiäten

 

„Ich muss abnehmen!“ sagt sie und versucht unauffällig das leere Hanuta-Papier unter die Tastatur zu schieben. „Aha.“ sage ich. Anna ist auf Diät, solange ich sie kenne. Sie ist groß. Größer als ich und wiegt etwa das gleiche, hat aber mehr Brüste und Po, dafür aber richtige Fesseln und nicht so Klumpwaden wie ich. Jede Frau hat ihr Päckchen zu tragen, ihre (vermeintlichen) Problemzonen, ihre ganz eigenen Gründe sich zu hassen.

Bis ich etwa achtzehn war, verschwendete ich keine Gedanken ans Abnehmen, ich betrauerte mein mangelndes Brustwachstum und war damit ausreichend ausgelastet. Irgendwann fingen alle Freundinnen, egal wie dünn oder nicht, an über ihre Körper zu meckern. Man war umgeben von Weibern, die ständig nur davon sprachen, dass sie abnehmen müssen. Nicht, dass sie es gerade taten. Sondern nur, dass sie es müssen. Sie befanden und befinden sich in einem Dauer-Status des Müssens und nicht Dürfens.

Sie müssen Diät halten. Sie müssen Sport machen. Sie dürfen keine Schoki essen, keinen Alkohol trinken, keinen Spaß haben. Vor allem jedoch müssen sie sich martern und sich vor dem Damoklesschwert fürchten, dass dauernd drohend, in Form von Kalorien, über ihrem fette Haupte hängt.

Es ist okay, wenn man mit seinem Körper unzufrieden ist. Etwas ändern will.

Nur ändern will eigentlich niemand was. Er will weiter Schoki, Chips und Bier schnabulieren. Er will keine Hirse und Brokkoli, ohne Sahnesauce. Er will Zucker. Er will kulinarische Frohlockung und zuckrigen Masturbationsersatz. Er will schlemmen. Und gleichzeitig dünn und schön und rank und schlank sein.

Also ist die Frau von heute nicht selten auf Dauer-Diät. Über Jahre. Getrieben vom schlechten Gewissen, sobald sie ein Duplo auch nur anschaut. Sie martert sich. Frisst morgens Porridge mit fettarmer Milch und regionalen Bio-Früchten, um sich dann in der Mittagspause auf der Damentoilette heimlich Nutella in die Venen zu jagen. Sie belügt und betrügt sich selbst.

Und ich bin nicht besser.

Verfolgt von meinem schlechten Gewissen und dem Wunsch eine Vorzeige-Mami zu sein, wird zuhause jeden Tag frisch gekocht, es gibt Vollkornkram, man isst zusammen, bio natürlich, nur glückliches Gemüse aus artgerechter Haltung. Und zwischendurch sitze ich im abgeschlossenen Badezimmer, bei ausgeschaltetem Licht, damit niemand weiß, dass ich hier drin hocke, und fresse Kekse wie ein Höhlenmensch, zwischendurch in die Dunkelheit lauschend, ob jemand kommt.

Voll schön.

Und wissen Sie was?

Ich habe keine Lust mehr, mich zu verleugnen. Einem Ernährungsideal hinterher zu laufen, das nicht meins ist. Dinge zu essen, die ich geschmacklich einfach nur scheisse finde, Dinge, die ich liebe, nicht meinen essen zu dürfen, und sie dann heimlich doch zu essen und mich nur noch mehr zu hassen, weil ich nicht nur „fett“, sondern auch noch inkonsequent bin.

Ich finde, als Frau findet man schon genug Gründe, sich selbst zu hassen, das muss ich nicht noch zusätzlich befeuern. Also gebe ich meinen Gelüsten nach. Esse nun seit kurzem bei Tageslicht und unter Anwesenheit von Zeugen meine Cupcakes und meine heisse Schokolade.

Sicher, ich mache das nicht vor dem Knirps. Der bekommt weiterhin seinen gesunden Kram, aber ich esse nicht mehr mit. Ich esse dann, wenn ich Hunger habe, und nur das, auf das ich Lust habe. Und wenn mein Abendessen aus Brownies besteht, dann besteht es nur aus Brownies.

IMG_6644

Es ist mühsam und dauert, wieder zu lernen auf seinen Körper zu hören. Auf das zu hören, was er essen möchte.

Und wenn man nur aufmerksam genug zuhört und zwischendurch mal aufhört, mit der Chipsverpackung zu rascheln, dann kann man den Körper auch hin und wieder hören, wie er „Burps. Danke. Es reicht.“ sagt.

Und wissen Sie was? Ich höre dann auch tatsächlich auf.

Und wissen Sie noch was? Ich nehme ab.

Wer hätte denn ahnen können, dass ich bei einer Diät bisher immer die falschen Sachen weggelassen habe?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.