Der Brownietyp

Sie sieht irgendwie glücklich aus. Nicht, dass ich genau wüsste, was das ist, aber so ungefähr stelle ich mir Menschen vor, die glücklich sind.
Sie wirkt, als wäre sie eins mit sich selbst, mit sich im Reinen. Sie bugsiert den monströsen Kinderwagen, den man normalerweise hinten ans Fahrrad hängt, um damit mit dem Kind zusammen im Straßenverkehr Gruppensuizidversuche zu unternehmen, einhändig, als wäre es ein Teil von ihr selbst. Wie bei einer Borg. Einer super glücklichen Borg.

Die Kleine darin jauchzt oder gibt irgendwelche Laute von sich, die der Laie als Jauchzen definieren würde. Sie trägt kunterbunte Klamotten, zum Teil natürlich selbstgenäht, die Schühchen handgefilzt von irgendwelchen stummen, tibetischen Nonnen, und hält in der Hand einen selbstgebackenen veganen Dinkelvollkornkeks. Ohne Zucker. Natürlich.

Und sie selbst: Der fleischgewordene Prenzlauer Berg. Nur ohne Prenzlauer Berg. Stattdessen Bonner Altstadt. Nicht ganz so glamorös, dafür jedoch derselbe Soja-Café-Latte im Becherhalter des Kinderwagens.
Sie ist 33, könnte aber auch 25 sein. Oder 41. Genau kann man das bei denen nie sagen. Sie trägt die Haare kurz, hat sie drei Monate nach der Geburt abgeschnitten. Steht ihr, denke ich, neidisch. Ich würde damit lediglich wie eine fette, französische Bulldogge mit Nuttenperücke aussehen. Sie trägt weite, bequeme Jeans, Chucks, mehrere Tops in verschiedenen Farben, von senffarben über rot bis schwarz-weiß-gestreift ist alles dabei, und kein Make-Up, nicht einmal Wimperntusche. Über der Schulter hängt quer eine selbstgenähte Tasche, die aufgrund der Farbenexplosion wirkt, als wäre  dafür ein Quilt oder ein Schwarm Aras massakriert worden.
Darin sind sicherlich genug Utensilien, um das Kind die nächsten Monate einzukleiden, zu wickeln und zu ernähren. Zwar vorrangig mit Dinkelkeksen und Bio-Äpfeln, aber hey! Ballaststoffe und Vitamine – was will man mehr?

Sie lebt das, was sie ist. Ihr Muttersein schreit aus jeder Pore. Es schreit sehr laut und sehr glücklich. Und sie scheint so verdammt eins mit sich zu sein, mit dieser Rolle, mit diesen Dinkelkeksen und diesen Turnschuhen und diesem Soja-Café-Latte, dass mir nichts anderes bleibt, als neidisch zu sein.

Ich möchte das auch, denke ich. Selbst Kekse backen, Klamotten nähen, vegan und happy sein. Das ganze Paket. Endlich mal ankommen, endlich mal eine Rolle haben, die man ganz ausfüllen, in der man komplett aufblühen kann.

Aber ich bin genetisch eher der Brownietyp. Nichtvegan. Mit viel Zucker. Einfach, weil’s geiler schmeckt als vegane Dinkelvollkornkekse.

Ich kriege an einer Nähmaschine regelmäßig einen hitlerschen Totalausfall und kaufe lieber Klamotten, die alle dieselbe Zusammensetzung und ähnliche Farben haben. Einfach, weil ich im Haushalt pragmatisch bin und so das Waschen leichter fällt. Und weil die nähenden Kinder in Indonesien so weit sind.
Mein Kind spielt auch nicht mit ökologisch voll korrektem Holzspielzeug, sondern mit Lego Duplo aus China oder einer anderen plastik- und krebsfabrizierenden Hölle. Einfach, weil ich selbst als Kind Lego Duplo ziemlich geil fand.

Und damit hätten wir das Problem. Nur, weil man furchtbar gerne auch endlich, endlich mal seine eigene Mitte finden würde, ist die Mitte anderer nicht immer auch die eigene. Egal, wie verdammt scheisse glücklich diese Mitte von den Außenplätzen auch wirkt.

Und wenn ich mich nicht verstellen, mich selbst belügen will, werde ich einfach weiterhin an Ampeln stehen, Soja-Café-Latte-Muttis neidisch angucken, während ich mir ein Stück Brownies aus der Tupperdose meiner Longchamps-Tasche angle.

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