Drinnen

Sonntag ist für mich ein besonderer Tag. Er ist heilig. Nicht im religiösen Sinn, sondern eher im Jogginghosen-Sinn.

Da ich während meiner Schulzeit – erzbischöflichen Gymnasien sei Dank – oft auch am Samstag Unterricht hatte, war der Sonntag nicht selten der einzige Tag, an dem ich ausschlafen konnte. Und wenn ich ausschlafen sage, dann meine ich ausschlafen. Menschen (respektive meine Mutter), die es wagten, vor vierzehn Uhr mein Zimmer zu betreten oder mich anzurufen, gerieten in Gefahr in Grund und Boden gehitlert zu werden.

Erwachte ich irgendwann zur fortgeschrittenen Zeit, bestand die einzige kalorienverbrauchende Tätigkeit des Tages darin, die Schlafanzughose aus- und eine Jogginghose anzuziehen. Oft vermied ich jedoch selbst diese schweißtreibende Tätigkeit, da ich in wenigen Stunden ja ohnehin beides wieder tauschen würde.

Die nächsten Stunden verbrachte ich jedoch in der Regel in einer recht ausgebeulten, und meinem Körper nur wenig schmeichelnden, alt-rosa-farbenen Jogginghose, einem farblich nur selten passenden Top und einem Hoodie, der sich vermutlich in ein Rap-Video der Neunziger zurück wünschte.
Um meine Asozialität optisch noch weiter zu unterstreichen, wurden die latent angefetteten Haare zu einem „Hallo, ich wohne in Marzahn-Hellersdorf„-Dutt nach oben gewuchtet. Kurzum, ich war an Anmut und Grazie kaum zu unterbieten.

Anschließend verschmolz ich mit dem Sofa zu einer symbiotischen Einheit, die allen zufällig anwesenden oder vorbei streunenden Lebewesen signalisierte, dass wir nicht angesprochen werden wollten – wobei Katzen davon natürlich generell ausgenommen waren -, und begnügte mich die kommenden Stunden damit, auf meinem, mit einer Fleecedecke umhüllten Schoß, einen Laptop samt Kakao und Keksen zu balancieren bzw. zu konsumieren. Möglichst synchron. Möglichst mit großer Wonne. Möglichst mich auf Kleinkindweise bekleckernd.

Das war mein Sonntag und mein Sonntag war schön. Er war meine Festung der Einsamkeit, meine grenouillehafte Höhle, in der ich mich von der Woche und Menschen als solche erholte.

Unabhängig von der Sache mit dem samstäglichen Unterricht, war ich aber von klein auf kein besonderer Enthusiast, wenn es darum ging, seine Hose – also eine „richtige“ – anzuziehen und nach draußen zu gehen. Unabhängig vom Wetter oder Wochentag: Ich saß am Liebsten stumm und still in meinem Zimmer und verlustierte mich in dem farbenfrohen und nie langweilig werdenden Labyrinth, das meinem Hirn bis heute innewohnt.

Doch jetzt ist da der Mann und das Kind und damit läuten jeden Sonntag die Glocken zu meinem persönlichen Untergang. Vielleicht sind es auch die Glocken, die morgens zur Sonntagsmesse läuten, so oder so, es ist alles ganz furchtbar.

Denn der Mann gehört zu jener entsetzlichen Sorte Mensch, die dem Wahn anheim gefallen ist, dass es da draußen besser ist, als hier drin.

Dass es gut und gesund ist, draußen zu sein. Dass drinnen unnatürlich sei.

So als wäre das eine ein vitaminreicher Apfel und das andere ein Tütchen blaues Meth.

Woher kommt nur diese Unsitte zu glauben, dass da draußen etwas wäre, wo man hin sollte?

Hier drin ist es doch schön. Wir haben dieses Drin doch schließlich erfunden. Eben weil das Draußen nunmal scheisse ist.

Draußen ist Wetter. Menschen. Abgase. Laut. Und erwähnte ich schon die Menschen?

Hier drin ist es kühl. Oder kuschlig warm. Je nachdem, wie ich es möchte.

Hier drin ist es ganz leise. Oder richtig laut. Je nachdem, wie ich es möchte.

Hier drin sind alle Bücher und Filme, die ich liebe.

Hier drin ist mein Kühlschrank!

Hier drin muss ich mir nicht die Haare waschen, nicht den Bauch einziehen, nicht die Beine rasieren.

Hier drin darf ich laut rülpsen, die Nase hochziehen, mich am Po kratzen.

Hier drin darf ich hässliche Unterwäsche tragen und dicke Flauschsocken mit Snoopy drauf.

Hier drin darf ich bei Walt Disney Filmen laut und schief mitsingen und weinen, wenn Spock in Star Trek II stirbt.

Hier drin darf ich alles. Machen und sein.

Und dennoch werde ich angesichts meiner zelebrierten Stubenhockerei von den Sauerstoff-und-Frischluft-Nazis angesehen, als hätte ich nicht alle Latten am Zaun. (Gut, die habe ich sicher auch nicht, nur tut das hier nichts zur Sache.) Dass ich lieber drin bin, als draußen, habe ich mir nicht ausgesucht. Ich wurde so geboren. Es ist genetisch. Wie meine Kurzsichtigkeit und meine Sommersprossen.
Ich weiß, ich bin nicht alleine. Und es wird Zeit, dass wir uns erheben und uns zur Wehr setzen, gegen diese Vorurteile und diese abwertenden Blicke, sobald wir sagen „Wir bleiben heute mal zuhause!“, ganz so als hätten wir gerade Babykatzen mit ’nem Abflussrohr geschändet!!

Wir sind auch Menschen! Wir haben auch Gefühle! Und manchmal sitzen wir einfach gerne mit unseren Gefühlen in einem sauerstoffarmen Kissenwald, schnabulieren Schoko-Crossies, bis wir brechen müssen und hören ALF-Kassetten.

Ich denke wirklich, es gibt schlimmeres.

In diesem Sinne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.