Ein bissel mehr Empathie

Hej. In dem Text geht es um Depressionen, psychische Krankheiten und den Umgang Nicht-Betroffener damit. Ich weiß nicht, wo Du gerade im Leben stehst, wie es Dir geht, was Dich triggert oder eben nicht. Falls Dich die zusätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema triggert, solltest Du ihn vielleicht nicht lesen. Und falls Du akut Hilfe brauchst, gibt es hier eine Übersicht von Seelsorge-Möglichkeiten (komisches Wort).

Ein paar Influencer:innen, denen ich folge, machen jetzt im Oktober inhaltlich Content zum Thema psychische Gesundheit und Depression. @wienerkind_ zum Beispiel. [Eine der wenigen Follow-Empfehlungen, die ich grundsätzlich so ausspreche.] Offenbar ist vom 8. bis 18. Oktober Woche der seelischen Gesundheit, was ich irgendwie schwierig finde, da das elf Tage sind und ich keine Ahnung habe, in welchem Multiverse eine Woche mehr als 7 Tage hat. Außerdem war gestern Europäischer Depressionstag, wobei Google auch sagt, der sei eigentlich am 1. Oktober gewesen, vielleicht handelt es sich da aber auch um den Eurasischen Depressionstag, ich finde das wirklich alles sehr verwirrend – aber ich komme vom Thema ab.

Natürlich ist es gut, wenn über das Thema psychische Gesundheit gesprochen wird. Gut und notwendig. Da zu viele Betroffene sich noch immer nicht trauen, offen darüber zu sprechen oder in ihrem Umfeld um Hilfe zu bitten.

An dieser Stelle sind sich stets alle einig, wie traurig das ist und dass die Stigmatisierung von Depressionen und ähnlichen Erkrankungen aufhören muss. Es wird genickt und geseufzt, wie schlimm das alles ist. Vielleicht teilt man noch den Link zu einer Themensendung im WDR auf WhatsApp.

Dabei bleibt es dann auch.

Denn im Alltag sieht es dann doch oft anders aus. Zu oft. Familienangehörige, die psychische Krankheiten per se negieren („Man muss nur wollen!“), Chef:innen, die einen immer weiter mit Arbeit vollballern, obwohl man mehrfach und klar kommuniziert hat, dass man die Grenze der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit überschritten hat, Freund:innen, die mit dem Thema selbst überfordert sind, Krankenkassen, für die man nur ein Mitglied ist, für die nicht mal die knapp EUR 30,00 für die Hautkrebsvorsorge übernommen wird, warum sollten sie dir helfen, heute mal aufzustehen und zu duschen oder dich nicht umbringen zu wollen, lol?

Ich habe sogar erlebt, dass Menschen, die selbst einmal wegen einer „Erschöpfungsdepression“ krankgeschrieben waren, sich Jahre später wie der größte Schmock verhalten und sich verächtlich über Kolleg:innen äußern, die nun unter einer ähnlichen Diagnose leiden.

Stigmatisierung ist also eigentlich nichts anderes als ein klugscheißendes Wort für „sich wie ein Arschloch mit minimaler Empathiebegabung zu verhalten“.

Man muss gar nicht selbst wissen, wie sich ein Nervenzusammenbruch, ein psychotischer Schub, eine „Winterdepression“, eine manische Episode, ein Melt- oder Shutdown anfühlen. Und die Betroffenen sind auch nicht verpflichtet, es möglichst plastisch und prosaisch zu beschreiben, damit Nicht-Betroffene es (besser) verstehen können.

Psychische Krankheiten sind vor allem eins: Krankheiten. Etwas, für das die Betroffenen nichts können. Das sie nicht bestellt haben und das sie vor allem auch nicht abbestellen können. Und glaubt ihr, wenn das Allheilmittel gegen eine Depression Solarium, O-Säfte und Spaziergänge wären, dass auch nur einer von uns nicht jeden Morgen in frisch gepresstem O-Saft schnorcheln würden?

Viel wichtiger jedoch: Ich muss mir auch nicht die Hüfte brechen oder einen Infarkt haben, um zu wissen, dass das maximal scheiße ist. Und ich erwarte auch nicht, dass jemand mit Gebärmutterkrebs oder einer Eileiterschwangerschaft mir alles so gut und detailliert beschreibt, dass ich es nachempfinden kann, warum die betroffene Person krankgeschrieben ist.

Ich erwarte lediglich, dass sich Nicht-Betroffene nicht wie Arschlöcher verhalten. Sich zurücknehmen. Zuhören. Das, was wir bei so vielen Themen machen sollten. Das kann doch nicht so schwer sein. Oder?

Und hey, natürlich wären mehr bzw. genügend Therapieplätze auch ’ne super Sache. Aber während ich diese Sache nur bedingt direkt beeinflussen kann, liegt der Teil mit dem Arschlochsein allein in meiner Hand. Und eurer.