Einen Scheiss muss ich hier.

Theoretisch könnte ich jetzt einen super kritischen, deepen Text dazu schreiben, warum ich persönlich Weihnachten nicht feiern will, oder wieso mich bestimmte weibliche Führungskräfte abfucken, die sich auf Twitter als Superfeministinnen par excellence abfeiern, im realen Leben aber kleine, misogyne Furzknoten sind.

Ich könnte auch was lustiges über irgendein aktuelles Fernsehformat schreiben – oder über WettenDass, TV Total und warum wir uns so hart die Vergangenheit zurückwünschen.

Ich könnte auch einen Rant darüber schreiben, warum ich es zum Kotzen finde, wenn Black Friday bzw. alle Menschen, die sich an diesen Tagen etwas kaufen, im Netz niedergemacht werden, als würden sie frittierte Katzenbabies in dunklen Gassen feilbieten würden – nur weil kein Schmock mal wieder auf die Idee kommt, dass es Menschen gibt, die sich ausschließlich jetzt eine bestimmte Sache leisten können.

Aber ich mag nicht.

Ich bin müde. Von allem. Und nein, das ist kein „Gnaaah, warum ist es hier in Hamburg so grau und nass und eklig„-Mood. Auch keine Herbst- oder Winterdepression, die sich mit leisen, gefütterten Sohlen von hinten angeschlichen hat. Das ist auch keine „normale“ Depression – whatever that is.

Das ist einfach nur ein: Ich mag nicht. Ich mag gerade gar nichts mehr.

Ich möchte nicht mit Krankenkassen telefonieren und Finanzämtern, ich möchte nicht bei Auftraggebern an die Bezahlung offener Rechnungen erinnern und dann was von Warten auf Corona-Hilfen hören, als könnte ich damit meine Miete zahlen, ich möchte nicht einen Infarkt bekommen, wenn ich die neuen Preise meines Stromanbieters bekomme.

Ich möchte nicht mehr die Frage „Wie geht’s dir?“ hören, wenn der andere die Antwort doch eh nicht wirklich hören will – zumindest solange sie über ein „Joah, wie immer …“ hinausgeht, denn seien wir ehrlich, das zieht einen ja schon runter, diese ganzen Probleme und Baustellen und reicht doch schließlich, wenn es einen selbst runterzieht, bitte nicht auch noch Dritte, nech?

Ich möchte nicht mehr zu viel wiegen und mich wieder wohlfühlen in meinen Klamotten und meinem Körper und meinem Leben und nicht so eine sein, die zehn Jahre lang über nichts anderes redet, als über ihr Gewicht. Ich möchte mich nicht schon wieder mit meinem Sohn streiten, weil wir zwar unterschiedliche Definitionen von Aufräumen haben, jedoch dummerweise die exakt gleiche Frustrationstoleranz. Ich möchte keine vom Hund angeknabberten Dinge mehr finden – und mit angeknabbert meine ich komplett zerstört.

Ich möchte keine Nachrichten mehr hören von immer höheren Inzidenzwert-Rekorden, denn anhand der Nicht-Reaktion der Regierung (haben wir eigentlich aktuell eine?) gehe ich davon aus, dass die Zahlen nichts bedeuten, dass die belegten Betten und abgesagten Operationen nichts bedeuten und die Toten ohnehin nicht. Es sind einfach nur Zahlen, wie aus einem Mathebuch. A liegt 200km von B entfernt. In A und B fährt gleichzeitig je ein Zug mit 130km/h los – wann werden die beiden Züge kollidieren und alle Insassen sterben?

Ich habe das Gefühl, dass seit 2016 – als plötzlich das große Prominentensterben war [David Bowie, Alan Rickman, Prince etc.] – und wir alle dachten, boah, was für ein scheiss Jahr, gut, dass bald 2017 ist, das Universum das Memo nicht bekommen hat, dass ab 2017 wieder alles schicki sein soll. Denn wir bekamen schließlich dann die volle Dröhnung Trump und unseren eigenen moralischen Bodensatz in Form der A*D im Bundestag. Dann brannte eben abwechselnd der Amazonas, Australien oder gleich das Meer, so ein Virus fickt seit zwei Jahren den Planeten, wir prügeln im Netz aufeinander ein, als wollten wir den Dritten Weltkrieg dann lieber nicht mehr analog führen, muss man auch nicht so viel aufräumen, das in Dresden war ja schon ne ziemliche Sauerei. Und dass wir offenbar jede Form von Debattenkultur und Diskurs komplett verlernt und verdrängt haben, damit fang ich besser gar nicht erst an.

Und als würde all dieser Scheiss nicht reichen – und als wäre ich nicht ohnehin bis heute nicht über den Tod von Alan Rickman hinweggekommen –, denkt sich das Universum so: »Claudia, für dich hab ich extra noch was. Hier ist die Nachzahlung für die Einkommenssteuer und die Nachzahlung der Krankenkasse und die Nachzahlung für den Strom, alles im Dezember, außerdem passt dir keine deiner Winterjacken mehr, mein kleines, dickes Mädchen, lol, aber sieh’s positiv: frieren macht schlank! Und wo wir vorhin bei den Gründen waren, warum du dir keine neue Jacke kaufen kannst: Deine Spülmaschine und Waschmaschine sind kaputt, aber es gibt nen feschen Waschsalon um die Ecke, rofl. Ich melde mich morgen wieder! Ciaoiiiiii!«

Ich hab lange überlegt, ob ich das so schreiben soll. Wir wissen doch alle, wie andere Menschen – analog und digital – mit sowas umgehen. Na, ein bisschen Mitleid einsammeln? Puh, wen interessiert’s, ich hab auch Probleme! Wie kann man nur so offen darüber sprechen?

Zu 1.) Nö.

Zu 2.) Muss dich nicht interessieren, Frauke, ist auch nicht weiter schlimm.

Zu 3.) Warum oder wie ich das kann, weiß ich nicht, ich mach’s einfach. Weil man sonst daran erstickt, weil sich der ganze Ballast, der sich in manchem von uns so ansammelt, immer mehr wird, in jede Zelle gelangt, bis der ganze Körper davon gefüllt ist, die Lungen, der Kopf, und man nicht mehr denken kann und nicht mehr atmen.

Weil man es irgendwo abladen muss, herausschreien. Weil jeder einen Safe Space braucht, einen Ort, wo man sich nicht entschuldigen muss, weil man einfach nicht mehr mag und wo keiner komisch guckt, wenn man heult und schreit, bis man Schluckauf bekommt. Und manchmal gibt es den nicht im analogen Leben. Manchmal muss man im analogen Leben mutig und stark sein und schlicht und einfach funktionieren. Weil man Kinder hat zum Beispiel. Oder aus tausend anderen Gründen. Deswegen mache ich das hier. Hier muss ich nicht mutig und stark sein, ich muss nicht funktionieren.

Hier muss ich gar nichts.

Ich wünsche euch keinen schönen 1. Advent, denn ich feiere keine Adventszeit und kein Weihnachten. Aber ich wünsche euch allen so einen Ort. Analog oder digital – komplett egal. <3

8 thoughts on “Einen Scheiss muss ich hier.

  1. Liebe Claudia,
    das hilft bestimmt auch nicht weiter, aber mir hat es gerade sehr geholfen, deine ehrliche Scheiße zu lesen, weil ich dabei dachte, OMG, wie toll, es gibt einen anderen Menschen, dem es so geht und der einfach gerade mal dringend irgendwo aufn Arm müsste, blöd nur, dass man irgendwie aus dem Alter raus ist, wo das so funktioniert… Man kann sich nichtmal mehr den Dreck kurz aus dem Gehirn trinken, weil die Rache am nächsten Tag zu krass kommt und man ja funktionieren muss, Stichwort Kinder PiPaPo. Und der erste, der jetzt hier „firstworldproblems“ schreit, darf gerne vor Rechthabestolz platzen – hilft einem ja nu auch nix weiter, wenn man das weiß. In diesem Sinne, dicke virtuelle Umarmung, ich geb mir jetzt Lakritze und fühl mich wenigstens nicht mehr allein <3

  2. „Ich habe das Gefühl, dass seit 2016 – als plötzlich das große Prominentensterben war [David Bowie, Alan Rickman, Prince etc.] – und wir alle dachten, boah, was für ein scheiss Jahr, gut, dass bald 2017 ist…“
    Carrie Fisher nicht zu vergessen – und in meinem Umfeld ein vierbeiniges Wesen, das bis heute schrecklich fehlt (mit Hufen). Ein Scheiß Jahr!
    Ich hab das Gefühl, seit 2016 läuft absolut nichts mehr rund – und es tröstet ein klein wenig, daß andere es auch so empfinden.

  3. Genau so isses. Dito. Obwohl ja nicht wirklich lustig, der Post hat mich zum Lachen gebracht und ich muss gar nix. Das mit der Nachzahlung und Vorauszahlung hatten wir im letzten Dezember.

  4. Da Ihre Seite kein Gefällt-mir-Sternchen vorsieht, erlaube ich mir, auf diesem Wege mein Gefallen an Ihrem Schrei zum Ausdruck zu bringen. Die Frage „Wie gehts dir“ mag ich im Übrigen auch schon lange nicht mehr hören.
    Trotz allem: eine angenehme Woche!

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