Empörung

Halleluja. Die WM ist vorbei. Endlich. Wir sind Weltmeister. Zumindest etwas, nachdem wir ja schon nicht mehr Papst sind. An irgendwas muss man sich ja festhalten in diesen unsteten Zeiten. Wir haben ja sonst nix.

Um ehrlich zu sein, bin ich so ein semi-Fußballgucker. Mir ist es ziemlich wumpe, ob Barcelona oder Manchester oder Dortmund die Champions League gewinnen, ob es Preussen Münster jemals wieder aus der dritten Liga oder Bayern München noch einmal den Hattrick schafft. Das alles hat keinen Einfluss auf mein Leben und ich behaupte, es hat auch keinen wirklichen Einfluss auf das Leben jedes Menschen, der nicht selbst auf dem Feld steht und damit sein Brot verdient.

Dennoch schaue ich es hin und wieder gerne. Ich mag die Gemütlichkeit, das Zusammensein, das gemeinsame Ächzen und Stöhnen und Jubeln und Fiebern und Trinken und Nachos-mit-Käse-Dip-Schnabulieren.

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Ich habe fast alle WM-Spiele gesehen und meistens hing meine Sympathie für dieses oder jenes Team lediglich von der Enge der Trikots und der Gesichtssymmetrie der Spieler ab. Ich habe Brüste, ich darf sowas.

Und dennoch freue ich mich für das deutsche Team. Ich freue mich, weil ich finde, dass sie eine tolle Leistung gebracht haben. Weil sie es nach den ebenfalls tollen Leistungen der letzten WMs endlich verdient haben, diesen güldenen Monsterpenis in den Händchen zu halten.

Es sagt viel über den Menschen aus, dass er im Jahre 2014 ein sportliches Ereignis wie dieses immer noch als Kriegsersatz sieht und sich plötzlich nationalistische Stimmungen Bahn brechen, die sonst offenbar unter der kleinbürgerlichen Oberfläche schlummern. (Vorzugsweise Menschen, die aufgrund ihrer Physis und ihres nur semi-vorhandenen Intellekts während eines echten Krieges vermutlich binnen Minuten nur noch hackfleischartig in der Gegend rumliegen würden.)

Es sagt genauso viel über den Menschen aus, dass er es für nötig hält fähnchenabbrechend durch die Gegend zu flanieren und tagtäglich motzend und geifernd durchs Internet zu ziehen, um gebetsmühlenartig darauf hinzuweisen, dass WIR ja nicht in Brasilien spielen, dass WIR keine Spiele gewinnen und überhaupt ist es ohnehin komplett unangebracht die WM gut zu finden, schließlich konnte sich das Land diese ganzen Ausgaben eigentlich nicht leisten und für die Einwohner dort ist das auch sehr schlimm und die Fifa ohnehin ein korrupter Dreckshaufen. Und natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass gerade im Gazastreifen und Israel viel schlimmere Sachen stattfinden, die uns bitte 24/7 betroffen machen sollten, so dass uns keine Zeit bleibt für Fußball oder Spaß an sich.

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Jetzt ist die WM vorbei, im Nahen Osten fliegen immer noch die Raketen, so wie in Afrika immer noch Kinder verhungern und in Bangladesh immer noch Menschen zu Hungerlöhnen unsere Shirts nähen. Krieg, Hunger, Ausbeutung. Das gab es gestern, das gibt es heute und das wird es morgen geben. Und übermorgen und überübermorgen. Natürlich wäre eine Welt, in der all die Dinge nicht existieren, eine schönere und bessere.

Aber komischerweise kommt sie offenbar nicht, indem man auf dem Sofa sitzt und einfach nur super empört ist. Seltsam.

Gandhi sagte: Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst. 

Er sagte nicht: Sei empört, schreibe zornige Sachen ins Internetz und geh‘ anschließend zu Primark.

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