Endlich zuhause

Freitag Abend. Ich schmeisse meinen müden Körper in den ICE gen Hamburg. Über, neben und unter mir viel zu schweres Gepäck, von dem ich jedoch törichterweise denke, dass ich alles brauchen werde. Ein grundsätzlicher Irrtum, wenn ich verreise. Bücher und Magazine, die ich nicht lesen werde. Klamotten, die ich nicht tragen werde. Dinge, die ich lediglich von einer Ecke des Koffers in die andere andere räumen werde.

Vier Stunden später liege ich im Bett. Und gute zwölf Stunden später sitze ich wieder im ICE. Nach Bonn. Mit dem Lütten. Im Kinderabteil. Was an sich eine geile Erfindung ist, wenn nicht die anderen Kinder wären. Und während mir fremde Windelträger auf den Füßen herumtrampeln und mir ihre schwitzig-klebrigen Körper aufdrängen und die Mütter meine Blicke ignorieren, unterdrücke ich den Drang frostig und unterkühlt „Entschuldigung, können Sie Ihr Kind mal zurück pfeifen?“ zu rufen.

Denn sowas darf man im Kinderabteil nicht. Im Kinderabteil ist in Bezug auf Kinderkörperflüssigkeiten narrenfreie Zone. Sonst ist man letztlich nur einer dieser nazihaften Business-Kasper im „normalen“ Abteil, die schon Kopfschmerzen vom Augenrollen beim Anblick eines Schnullers bekommen.

Viele Stunden und sehr viele Filme über Minions und Nemo und Biene Maja später, liege ich in Bonn im Bett. Es folgt das übliche Weihnachtspowerprogramm. Man ist ja selten in der Heimatstadt. Man muss Besuche absolvieren. Das Kind vorführen. (Und da ich hinter dem Steuer als rollendes Suizidkommando gelte, werde ich überall wie ein gehbehinderter Rentner hingefahren. Klingt solange cool, bis man von seiner kleinen Schwester zum Treffen mit ehemaligen Klassenkameraden gefahren wird…)

Weihnachten selbst sorgt dafür, dass ich meinem Repertoire als Suizidkommando noch akutes Übergewicht und Diabetes hinzufügen kann. YOLO und so. Am ersten Weihnachtstag geht es dann ins entzückende Emsdetten zu der angeschwägerten Verwandtschaft. Ein Fest der ganz besonderen Sorte!

Am zweiten Weihnachtstag sitzt mein Hintern im Auto gen Berlin. Ich frage mich beim umbequemen Hin- und Herrutschen, ob man sich seinen Hintern beim exzessiven Fahren wundsitzen kann oder ob man vielleicht irgendwann so eine Art Hornhaut am Po bekommt. Vier Stunden später liege ich wieder in einem anderen Bett. Wie so eine heimatlose Prostituierte.

Am nächsten Tag putze ich die unliebsame Zwischenmietwohnung zwecks Übergabe und fahre mein Hab und Gut in Pseudonymphes Wohnung, die ich im Januar inklusive Kater hüten werde. Während sie in Rio ist. Frei nach dem Motto Gönn dir, das ich nur aus der Theorie und von anderen kenne.

Montag Morgen liegt sitzt mein grummelnder Körper wie ein halb erigierter Penis unmotiviert im Auto, während hinten irgendwelche fremden Mitfahrgelegenheitsmenschen emphatisch vor sich hinbrabbeln. Ganz so, als hätten sie die letzten Tage in einer Höhle verbracht, mit niemandem gesprochen und jetzt ordentlich was nachzuholen. Beneidenswerte Vorstellung.

Drei Stunden später bin ich in Hamburg. Endlich. In meiner ganz eigenen Wohnung. In dem mein Computer steht. Mein Kühlschrank. Mein Sofa. Mein Bett. Erst in sechs Tagen werde ich wieder nach Berlin fahren müssen. Und das erste Mal seit Wochen verspüre ich ein leichtes, nach oben gerichtetes Zucken in meinen Mundwinkeln und das weiche, warme Gefühl von innerer Ruhe, das sich sachte heranpirscht.

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